Proteste in Brasilien: "Sozialbauten statt Luxusstadion"

18. Juni 2013, 18:30
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Schwere Unruhen erschüttern Brasilien: Die Menschen protestieren gegen Preiserhöhungen und teure Sportevents wie die Fußball-WM. Präsidentin Dilma Rousseff kommt mehr und mehr unter Druck

Puebla/São Paulo - Es begann vor zwei Wochen in São Paulo als kleine Demonstration gegen die Erhöhung der Preise im öffentlichen Nahverkehr um umgerechnet sieben Eurocents. Inzwischen hat es sich dank sozialer Netzwerke und als Gegenreaktion auf übertriebene Polizeigewalt zur größten Protestwelle der vergangenen Jahre in Brasilien ausgewachsen.

Längst geht es um viel mehr: "Das vereinte Volk braucht keine Parteien! Brasilien hab acht, das Volk ist erwacht!", skandierten die Demonstranten, die am Montag den Kongress in der Hauptstadt Brasilien umlagerten und auf das Dach kletterten, bevor sie von Polizisten mit Tränengas und Pfefferspray vertrieben wurden.

"Wir hassen die Regierung"

Ihre Motive sind so unterschiedlich wie ihre Herkunft: "Wir hassen die Regierung. Sie tut nichts für uns", sagt der 19-jährige Oscar José Santos aus einem Armenviertel in Rio de Janeiro. "Ich bin Architekt und seit sechs Monaten arbeitslos", beklagt sich Nadia al Husin. "Das neue Luxusstadion für die WM nützt nichts, wir wollen Sozialbauten in den Armenvierteln", sagt der 27-jährige Tiago Avila aus Brasília.

Rund eine Viertelmillion Unzufriedener fand sich in der Nacht zum Dienstag in sieben brasilianischen Städten ein. Vereinzelt kam es zu Ausschreitungen. Nachdem Demonstranten Straßensperren aus brennenden Reifen errichtet hatten, feuerte die Polizei Gummigeschosse in die Menge.

Das Stadion in Belo Horizonte wurde von berittenen Polizisten, Panzerwagen, Drohnen und Polizeihubschraubern bewacht. Nicht nur dort, sondern im ganzen Land überlagern die Proteste den Confederations-Cup, die Generalprobe für die Fußball-Weltmeisterschaft, die 2014 eröffnet wird. Für Präsidentin Dilma Rousseff von der linken Arbeiterpartei (PT) kommen die Proteste zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Nach Jahren des Wachstums und einer großangelegten Umverteilung durch Sozialprogramme stagniert Brasiliens Wirtschaft.

Rousseffs Wiederwahl wackelt

Auf die Fußball-WM folgt 2016 in Rio de Janeiro die Olympiade. Zu den "Megaevents" will sich Brasilien der Welt als modernes, aufstrebendes Land präsentieren. Und das könnte nun kräftig daneben gehen. Sogar Rousseffs Wiederwahl im kommenden Jahr steht auf dem Spiel. Nachdem sie versuchte, die Verantwortung für die Proteste auf die Opposition abzuwälzen, konnte sie sich nun nicht länger heraushalten. Sie sprach von "legitimen Demonstrationen, die zur Demokratie gehörten".

Umfragen zufolge sympathisieren 55 Prozent der Einwohner von São Paulo mit den Demonstranten. Die Proteste haben auch mit den Vorbereitungen für die "Megaevents" zu tun, deren Kosten auf rund 24 Milliarden US- Dollar veranschlagt werden - Geld, das bei der Bildung und Gesundheit fehlt.

Auch die öffentliche Infrastruktur ist prekär, und die Preise dafür sind überhöht. Hinzu kommt Überdruss über die Rücksichtslosigkeit, mit der Politiker ihre Interessen durchsetzen: Zwangsräumungen für den Bau von Golfplätzen und Motorrad-Rennstrecken, die Zerstörung von öffentlichen Plätzen für den Bau neuer Metrostationen, Eintrittstickets für Fußballspiele in Höhe eines Mindestlohns - all das sorgt schon länger für Unmut. Die Proteste in São Paulo waren nur noch der Funken, der das Pulverfass zum explodieren brachte. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 19.6.2013)

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