Die heilige Dreifaltigkeit der staatlichen Schule

Video18. Juni 2013, 18:19
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Der Adler, ein Präsident in wechselnder Besetzung und das Kreuz: Diese Trinität hängt in Österreichs Schulen

Wien - Der Präsident muss gütig herunterblicken, der Adler seine Schwingen ausbreiten und dazu ein Kreuz: Dann ist die "Dreifaltigkeit", wie STANDARD-Kolumnist Gerfried Sperl als Moderator des STANDARD- Montagsgesprächs zum Thema "Das Kreuz in der Schule" sie nannte, in den öffentlichen Schulen in Österreich komplett.

Präsident (einmal pro Schule) und Wappen (einmal pro Klasse) regelt das Pflichtschulerhaltungs-Grundsatzgesetz von 1955, die Kreuzfrage das Unterrichtsgesetz von 1949. Demnach ist in Schulen, "an denen die Mehrzahl der Schüler einem christlichen Religionsbekenntnis angehört, in allen Klassenräumen vom Schulerhalter ein Kreuz anzubringen".

Von dieser Mehrzahl ist in vielen Schulen Österreichs mittlerweile nicht mehr automatisch auszugehen. Erst jüngst erkämpfte eine Mutter in einer Wiener Volksschule das Abhängen aller Kreuze, weil weniger als die Hälfte der Kinder als Christen gemeldet sind.

Die Muslime sollten aber nicht einfach "reingezählt" werden, wenn es darum gehe, eine numerische Mehrheit gegen das Kreuz zu finden, warnte Carla Amina Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft vor einer Instrumentalisierung muslimischer Kinder in dieser Frage: "Ich spüre bei Muslimen kein Bedürfnis, das Kreuz abzunehmen." Im Gegenteil. Sie sei " für Sichtbarkeit religiösen Pluralismus, konsequenterweise auch für das Kreuz."

Pluralismus ja, Glaubens- und Gedankenfreiheit für alle, aber nicht in Form religiöser Symbole, die an einen "Gottesstaat" gemahnten, entgegnete der Vorsitzende der Initiative "Religion ist Privatsache", Heinz Oberhummer: "Der Staat soll neutral sein. Ich bin dagegen, dass gewisse Weltanschauungen in öffentlichen Gebäuden vom Staat bevorzugt werden." Applaus erntete der emeritierte Physikprofessor der TU Wien für seine Idee in Sachen Kreuz: "Der Religionslehrer könnte eines mitbringen und am Ende der Stunde wieder mitnehmen."

Als Verfechterin einer klaren "Trennung von Kirche und Staat" ist die Vorsitzende der Initiative "Bildung Grenzenlos", Heidi Schrodt, klar gegen das Kreuz in der Schule. Dafür aber jährlich zu Schulbeginn nachzuzählen, ob es noch eine Christenmehrheit gibt, und gegebenenfalls das Kreuz abzunehmen - "das tut sich niemand an", sagte die langjährige Direktorin der AHS Rahlgasse in Wien.

Ziel von Vandalismus

Sie hat die Erfahrung gemacht, dass das Kreuz "in der Praxis ein eher unaufgeregtes Thema ist", allerdings auch immer wieder Ziel von jugendlichem Vandalismus.

In solchen Akten aber sieht Martin Jäggle, Professor für Religionspädagogik an der Uni Wien, auch pädagogisches Potenzial, das durch das simple Abhängen mitverräumt werde. Das Kreuz wäre in seiner Vieldeutigkeit "eine äußerst produktive Lernmöglichkeit", sagte der katholische Theologe. So könne es durchaus Situationen geben, "wo mit dem Kreuz eine kollektive Verletzungsgeschichte verbunden sei, da verdient dieser Schüler, dass - im Gespräch mit der Klasse erarbeitet - das Kreuz entfernt wird".

Auch Pater Johannes Paul Chavanne aus dem Stift Heiligenkreuz plädierte für eine "differenzierte Sicht: Ich sage nicht Kreuz um jeden Preis. Wenn es keine Mehrheit gibt, ist es absurd, es aufzuzwingen." Als Priester und Staatsbürger sei ihm aber wichtig, dass der demokratische Staat das Recht auf öffentliches religiöses Bekenntnis schütze, auch in der Schule - anstatt "die Religion in den Hinterhof abzuschieben". (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 19.6.2013)

  • "Der Staat soll neutral sein", sagt Heinz Oberhummer von der Initiative Religion ist Privatsache.
    foto:der standard/urban

    "Der Staat soll neutral sein", sagt Heinz Oberhummer von der Initiative Religion ist Privatsache.

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