Druckwerke als Denkgebäude

18. Juni 2013, 18:12
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Ohne Umwege hat der neueste Werkzyklus von Gunter Damisch vom Atelier in eine museale Schau gefunden: Die Ausstellung "Micro Macro" in der Albertina reicht vom Damisch-Alphabet bis zu Collagen, die Quellenmaterialien seines Weltbildes integrieren

Wien - Interstellare Materie? Energiebälle? Verdichtete Urmasse? Ausflug der Pantoffeltierchen ins All? Oder vielleicht doch Wollmäuse, die sich hinter Möbeln zu dichten Wuscheln zusammenknäulten? Obwohl Gunter Damischs Arbeiten zwischen Makro- und Mikrokosmos oszillieren, verweisen die drei riesigen kugelförmigen Strukturen eher auf die Weite des Alls. Weltflimmerzentrum heißen diese planetaren, im Medium Holzschnitt entstandenen Ballungen, die je nach Farbgebung in Gelb-Blau, Blau, Silbergrau mit Präfixen wie Blauhimmelockerstreifen, Nachthimmel oder Hyazintsilber versehen sind.

Energiebomben, die den ersten Raumeindruck in Damischs kleiner Personale Micro Macro in der Albertina dominieren. Ohne Glas und mit einfachen Pins auf Bildträgern befestigt, rückt man die zarten Papiere von der Wand ab und verleiht ihnen so eine ähnlich massive Wirkung wie Gemälden.

Die Schau ist auf zwei Skulpturen und einen druckgrafischen Werkzyklus im großen Format beschränkt, den Damisch 2009 begann. Aus etwa 100 Holzschnitten, Unikatdrucken und Druckcollagen zeigt man nun in der Pfeilerhalle rund 60. Das Repertoire ist so bekannt wie wenig überraschend: mäandernde Linien und wuselnde Teilchen zwischen Fläche und Raum, zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, Ornamentales mit bisweilen organischen Assoziationen.

Insbesondere in den raumgreifenden Formaten - die Blätter sind knapp zwei Meter hoch - offenbart sich die Meisterschaft der Druckgrafik: Seit 1992 gibt Damisch sein Können an der Akademie der bildenden Künste an nachfolgende Generationen weiter. Aber zur Umsetzung der aktuellen Arbeiten bedarf es auch talentierter Komplizen in den Druckereien.

Ein großer Konzepter sei er nicht, gesteht der 55-jährige Künstler in einem Interview im Katalog, der für einen einzigen Werkzyklus recht stattlich geraten ist. Seine Arbeiten entstünden eher intuitiv, direkt beim Schneideprozess am Druckstock. Ein Prozess des freien Formens und Interpretierens, den er mit dem Jazz vergleicht und der auf dem Jonglieren mit Vertrautem und Erarbeitetem basiert.

Destillierte Werkessenz

Trotz der unmittelbaren Gestaltung einzelner Arbeiten folgt der präsentierte Zyklus doch einer Logik: Sie beginnt mit einer Essenz, gewonnen aus Themen und Formen des eigenen OEuvres, also einer Art Damisch-Alphabet, das einfarbig gehalten ist. Nächster Schritt ist die Variation in Form und Farbe, die etwa mittels Überlagerung die Dynamik steigert.

Im jüngsten Teil des Komplexes verstärkt sich die Lebendigkeit: Das eigene Vokabular wird in den Druckcollagen mit visuellem, aber auch inhaltlich inspirierendem Quellenmaterial kombiniert. Für visuelle Einheit sorgt darübergelegtes Transparentpapier (das Nebenprodukt des Druckprozesses wird beim Reinigen der Platten bedruckt.) "Ich bin ein Mensch aus dem prädigitalen Zeitalter. Ich liebe Literatur oder Feuilletons, über die ich mir ein Weltbild verfügbar machen kann", sagt Damisch über seinen Materialfundus. Geistige Auseinandersetzung fände stark über Zeitungen und Druckwerke statt; so fänden Bilder und Textfragmente von Dürer, Warhol, David Bowie, Jean Paul oder Diderot ins Bild. "Über Literatur, Musik und Philosophie wird mir ein intellektuelles Gebäude zugänglich".

Die präsentierte Harmonie und Entwicklung innerhalb eines Zyklus erinnert allerdings mehr ans Format Galerieausstellung. Denn von einer musealen Schau könnte man doch mehr Weite erwarten, mehr als allein die frischeste Ware aus der Hand eines Künstlers. Brüche, Gegenüberstellungen, Kontexte? Fehlanzeige. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 19.6.2013) 

Bis 22. 9.

  • In "Weltwegdichte Albertinafaksimilecollage" (2011) verarbeitet Damisch Druckvorlagen aus der Grafischen Sammlung.
    foto: günther könig

    In "Weltwegdichte Albertinafaksimilecollage" (2011) verarbeitet Damisch Druckvorlagen aus der Grafischen Sammlung.

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