Eilige Wanderung durch Schluchten der Liebe

18. Juni 2013, 17:36
9 Postings

Georg Nigl und Gérard Wyss mit Schuberts "Die schöne Müllerin" - Mit zeitgenössischer Begleitung absolvierte der ehemalige Sängerknabe Nigl seinen Liederabend

Wien - Seine internationale Karriere ist beeindruckend: Georg Nigl singt an den großen Opernhäusern von Berlin und Brüssel, von Madrid, Mailand, Moskau und Tokio. Und nicht nur geografisch, auch stilistisch deckt der Wiener weite Räume ab in Musiktheatern von Claudio Monteverdi bis Wolfgang Rihm, von Francesco Cavalli bis Peter Eötvös und Georg Friedrich Haas. Nicht zu vergessen auch Alban Berg und Nigls Paraderolle, den Wozzeck.

Mit gleichsam zeitgenössischer Begleitung absolvierte der ehemalige Sängerknabe auch seinen Liederabend im Wiener Konzerthaus: Gérard Wyss interpretierte den Klavierpart von Schuberts Die schöne Müllerin auf einem Hammerklavier. Wunderschön altmodisch klang das Fabrikat der Wiener Firma J. B. Streicher, etwas platt, blechern, leicht verstimmt. Charakterkopf Wyss - seit über vier Jahrzehnten ist er nun schon im Konzerthaus zu Gast - begleitete, anders als viele seiner zu Manieriertheit neigenden Kollegen auf modernen Instrumenten, mit natürlichem Elan, farbig und kraftvoll, quasi al fresco. Und gleichzeitig engagiert wie auch mit grundsätzlich entspannter Abgezocktheit.

Es wäre interessant zu wissen, welche Charakteristika in Technik und Timbre professionelle Sänger zu Schuberts Zeiten aufwiesen. Nigls Bariton, seine etwas gleichförmige, eher auf Kraft basierende Art des Singens ließ zumindest leichte Anklänge an vergangene Zeiten aufkommen: an die Radio Days in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. In einem gemäßigten Forte sowie in einem leicht vorwärtsdrängenden Gestus fühlt sich Nigl am wohlsten; Elastizität, Eleganz kommen so zum Tragen.

Aber so sehr er auf der Opernbühne fesselt - als Liedinterpret ließ Nigl an diesem Abend doch Wünsche offen: jene des Farbreichtums, der abwechslungsreichen Gestaltung. Zwischen der facettenreichen Interpretation dieses Zyklus von Jonas Kaufmann (wie etwa im letztjährigen Oktober an der Staatsoper) und der kraftvoll-eiligen Nigls lagen wenn nicht Welten, so doch Kontinente der differenzierten Stimmbeherrschung und Strophengestaltung. Auch die Übergänge ins Falsett gelangen weniger überzeugend; mitunter gerieten Höhepunkte zu forciert.

Mag sein, dass es auch an den Umständen lag: Nigl sang, wie Intendant Bernhard Kerres vorher ansagte, unter dem Eindruck eines Unfalls im Verwandtenkreis, der sich unlängst ereignet hatte, sowie mit Noten. Das Publikum zeigte sich über Engagement und die emotionale Intensität begeistert, dieser bedankte sich mit zwei Zugaben - natürlich von Schubert. (Stefan Ender, DER STANDARD, 19.6.2013)

  • Auch bei den Zugaben Franz Schubert: Georg Nigl.
    foto: corn heribert

    Auch bei den Zugaben Franz Schubert: Georg Nigl.

Share if you care.