Taktische Manöver um den Genozid

Interview19. Juni 2013, 05:30
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Der amerikanische Historiker Anson Rabinbach erforscht die Genesis der Völkermord-Konvention: Er spricht über innen- und außenpolitische Schachzüge, die die Annahme durch die USA verzögerten

Dass es eine UN-Konvention gegen den Völkermord gibt, klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Umso erstaunlicher mutet es an, dass die Einigung auf eine Ächtung von Genoziden nicht nur relativ neu ist, sondern von politischem Taktieren im Fahrwasser des Kalten Krieges und von unvermuteten inneramerikanischen Erwägungen begleitet war.

Über die Entstehung der Konvention hat Anson Rabinbach, Historiker an der Universität Princeton, Forschungen angestellt und ist dabei zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Vergangene Woche hat er, derzeit Fellow am Wiener Institut für Kulturwissenschaften, darüber vorgetragen.

"We Charge Genocide": Mit diesem Buchtitel charakterisiert der Geschichtswissenschaftler eine speziell amerikanische Problematik, die den Streit um die internationale Sanktionierung von Völkermord über lange Zeit begleitet hat. "Wir klagen des Völkermords an" - nämlich die Vereinigten Staaten. Das war die Stoßrichtung, die linke afrikanisch-amerikanische Aktivisten 1951 der Konvention geben wollten, indem sie das Kriterium der systematischen Dezimierung einer Ethnie oder Rasse auf die Lynchjustiz anwendeten, die in den USA seit dem späten 19. Jahrhundert praktiziert wurde. Dieser Rache-"Justiz" fielen Tausende zum Opfer, in der überwiegenden Mehrheit Schwarze.

Das missfiel Raphael Lemkin, dem polnischen Juristen, der den Begriff Völkermord erst wenige Jahre zuvor, nach seiner Flucht nach Amerika, geprägt hatte. Er wollte Bürgerrechtsanliegen von genozidalen Vorgängen getrennt behandelt wissen und wehrte sich gegen die Vereinnahmung durch innenpolitische Konflikte.

Noch komplizierter wurde die Behandlung des Themas wegen außenpolitischer Erwägungen. Die von der UN-Generalversammlung 1948 angenommene und 1951 in Kraft getretene Konvention wurde daher, trotz des ursprünglichen Enthusiasmus der damaligen Truman-Regierung, von den USA erst 1988 (!) ratifiziert - und laut Rabinbach vermutlich nur, weil Präsident Ronald Reagan nach einer Geste suchte, um seinen Fauxpas in Bitburg - eine Kranzniederlegung auf einem Friedhof, auf dem auch Angehörige der Waffen-SS begraben sind - wieder gutzumachen. Das Gespräch mit dem Historiker geht von der Situation aus, die amerikanische Rechtsexperten zu Beginn des Kalten Kriegs vorfanden und skeptisch beurteilten.

STANDARD: Worauf bezog sich die Sorge der amerikanischen Vereinigung von Anwälten, Richtern und Rechtsstudenten, der American Bar Association, die sich gegen eine Ratifizierung der Genozid-Konvention aussprach?

Rabinbach: Dass sie die Gewalt etwa in Estland legalisieren würde. Der Sowjetunion wurde damals, in den späten 1940ern, eine systematische Verfolgung der Esten vorgeworfen. "Politische Opfer" wurden aber ausdrücklich nicht in die Konvention eingeschlossen, weil sonst die Sowjetunion ihre Zustimmung bei den UN verweigert hätte. Die vier Kriterien waren und sind bis heute: national, rassisch, religiös oder durch Volkstum bestimmt.

STANDARD: An einer anderen Front, die Sie rekonstruiert haben, ist sogar Eleanor Roosevelt, die Witwe des Präsidenten, aktiv geworden. Da ging es um den kommunistischen Einfluss unter den Schwarzen, die die Genozid-Konvention auf ihre Lage angewandt sehen wollten.

Rabinbach: Das House Un-American Activities Committee untersuchte prokommunistische Bürgerrechtsorganisationen wie zum Beispiel den Civil Rights Congress. Die National Association for the Advancement oft Colored People reagierte allergisch darauf, sie wollte eine legitime Vertretung der Schwarzen sein und nicht mit den Kommunisten in einen Topf geworfen werden. Dazu muss man wissen, dass es unter den führenden Schwarzen tatsächlich etliche Kommunisten beziehungsweise Sympathisanten gab, etwa W. E. B. DuBois und Paul Robeson, die "We Charge Genocide" mitunterzeichnet hatten.

STANDARD: Sie haben ursprünglich über sehr andere Themen geforscht. Um 1980 schrieben Sie, unter anderem in Wien, an Ihrer Dissertation über die Krise des Austromarxismus. Wie ging es dann weiter?

Rabinbach: Mein nächstes Projekt hatte nichts mit Austromarxismus zu tun. Es ging um Energie und Müdigkeit beziehungsweise Ermüdung als Themen der Wissenschaft und der Wirtschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Daraus wurde auch ein Buch ("Motor Mensch", Turia & Kant, Wien 2000, Anm.). Und dann tauchte langsam eine weitere Arbeit auf, die gerade zu Ende geht, nämlich ein großes Quellenbuch über Nazi-Dokumente.

STANDARD: Wie kam es zu diesen jeweils neuen Feldern? Haben Sie gesagt, das ist nun abgehakt, ich mache etwas Neues?

Rabinbach: Es war organischer. Das Buch über Müdigkeit entstand, als ich mit damit beschäftigte, wie der Marxismus als Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts gewachsen war, nämlich als ökonomische Theorie, die in bestimmten wissenschaftlichen Vorstellungen - auch über Leistung - ihre Wurzeln in der Thermodynamik hatte. Und als ich nun daran arbeitete, kam ich darauf, dass es bestimmte Nazi-Institutionen gab, die diese Forschungen über Ermüdung und Leistungsfähigkeit nutzten, hauptsächlich das Amt Schönheit der Arbeit.

STANDARD: Das war ja in gewisser Weise die Nazi-Version des Taylorismus.

Rabinbach: Ja, beziehungsweise deren Auslegung der europäischen Version.

STANDARD: Haben Sie dabei eher Ähnlichkeiten oder Unterschiede festgestellt?

Rabinbach: Eher Ähnlichkeiten. Es war eine Aneignung der amerikanischen Arbeitswissenschaften. Und aus diesen Einzelbefunden entstand dann die Idee, die Geschichte des Dritten Reichs in Dokumenten darzustellen: "The Third Reich Sourcebook", das ich mit Sander L. Gilman herausgegeben habe.

STANDARD: Was ist das Neue daran?

Rabinbach: Dass es praktisch nur aus solchen Dokumenten besteht, als systematischer Überblick. Alles, vom Radio bis zum Holocaust. Insgesamt sind es 400 Dokumente mit 30 Einleitungen.

STANDARD: Da mussten Sie aus tausenden Schriftstücken auswählen. Nach welchen Kriterien?

Rabinbach: Es gab drei: erstens die Wichtigkeit der Dokumente - juristische, über die Vernichtungsstrategie, Tagebücher, Memoiren, also auch die Stimmen von Opfern und der Opposition.

STANDARD: Also etwa die Wannsee-Konferenz, das heißt der Beschluss der Endlösung, oder Victor Klemperers Aufzeichnungen?

Rabinbach: Die sind dabei, und auch Aufzeichnungen vom Warschauer Ghetto und aus Theresienstadt. Zweitens etwas, das bisher nicht beachtet wurde: Meinungsumfragen, die ich in Archiven gefunden habe, unter Jugendverbänden, unter Schülern. Die Nazis, auch die SS, haben sich dieser Methode extensiv bedient, haben geheime Berichte von Zuschauerreaktionen auf Filme und dergleichen produziert. Unter Drittens habe ich Kuriositäten zusammengefasst, Dinge, die man in so einem Quellenbuch nicht erwarten würde. Zum Beispiel gibt es ein kleines Kapitel über Shirley Temple (geboren 1928, ein berühmter Kinderfilmstar ab 1935, Anm.), die auch im Dritten Reich zunächst sehr beliebt war, bis sie zur Feindin deklariert wurde. Auch sonst gibt es in diesem Teil etliche Bezüge zu den USA, Berichte von Amerika-Reisenden etwa.

STANDARD: Bekommt man bei so einer Lektüre auch den Eindruck, dass es damals, also vor dem Kriegseintritt der USA, durchaus noch Sympathien in beide Richtungen gab? Man denke an Walt Disney, an Henry Ford ...

Rabinbach: ... oder an die Ivy-League- und andere Universitäten, die noch nach 1933 offizielle Delegationen nach Deutschland schickten, etwa um ein Jubiläum der Uni Heidelberg mitzufeiern. Ja, es gab diese Sympathien. Und noch etwas: Es gab Nazi-Intellektuelle, die meinten, dass die Vereinigten Staaten eine Art Rollenmodell für das Dritte Reich sein sollten. Die Monroe-Doktrin (die der Alten und der Neuen Welt getrennte, souveräne Einflusssphären zusprach, Anm.) etwa war den Nazis wichtig unter dem Aspekt, dass Deutschland ohne Fremdeinmischung über Europa und halb Asien eine Hegemonie errichten könne. Und dann gibt es noch einige Premieren in dem Buch, etwa ein praktisch verschollenes Interview mit Leni Riefenstahl. Das älteste Dokument ist Hitlers erste antisemitische Schrift von 1919, das letzte ist sein Testament.

STANDARD: Wird es das Buch auf Deutsch geben?

Rabinbach: Wahrscheinlich schon, wobei es allerdings sehr komplizierte Rechtslagen gibt, was die Copyrights anbelangt. Ein Verlag hat die Rechte auf alles, was Carl Schmitt je geschrieben hat, der Springer Verlag auf viele Nazi-Dokumente; das Land Bayern hat die Rechte auf "Mein Kampf" und auf den "Völkischen Beobachter".

STANDARD: Wo suchten Sie nach den Dokumenten?

Rabinbach: Überall. Im Bundesarchiv und der Akademie der Künste in Berlin, in der Kongressbibliothek, der New York Public Library; Princeton und Harvard haben auch eine gute Sammlung an Nazi-Materialien.

STANDARD: Wie kam es dann von diesem Quellen-Buch zu Ihrer gegenwärtigen Arbeit über die UN-Konvention gegen Völkermord?

Rabinbach: Ich wollte etwas sozusagen Globaleres behandeln, ein Konzept, das überall in Gebrauch ist, im 20. Jahrhundert überhaupt erst erfunden wurde - darüber wollte ich eine "Begriffsgeschichte" (im englischen Interview auf Deutsch, Anm.) schreiben. Und da bin ich draufgekommen, dass Raphael Lemkin, der den Begriff "Völkermord" 1943 geprägt hatte, völlig verarmt und vergessen 1959 gestorben ist. Seine Papiere waren im Hebrew Union College in Cincinnati und in der New York Public Library praktisch versteckt, und ich wollte mehr über ihn wissen.

STANDARD: Wie sind Sie auf Lemkin gekommen?

Rabinbach: Ich habe in der "New York Times" gelesen, dass Kofi Annan, damals im Jahr 2000 Generalsekretär der UN, eine Rede über ihn gehalten hat. Das machte mich neugierig.

STANDARD: Ein Fall von Serendipity, von glücklichem Zufall.

Rabinbach: Absolut. Ich hatte keine Ahnung von ihm. Ich ging also nach Cincinnati, wo ich das ganze Archiv durchgearbeitet habe. Die Arbeit ist fast abgeschlossen, aber ich will noch über die afrikanisch-amerikanische Debatte recherchieren und über die Papiere der Kommunisten im Nachkriegsamerika. Das Faszinierende an Lemkin war für mich: Da war dieser polnisch-jüdische Rechtsanwalt, der im letzten Moment flüchten kann, nach Amerika kommt - und der, wie viele europäische Intellektuelle, keine Ahnung von den Staaten hatte, vom Rassenproblem. Und sehr schnell fand er sich in einer Situation wieder, die ihn an die in Europa erinnerte.

STANDARD: Wann wird die Arbeit fertig sein?

Rabinbach: Ich will das Thema ausweiten. Es soll auch um die Begriffe Totalitarismus und Totaler Krieg gehen. Ich habe mich schon in meinem Studium in Madison, Wisconsin mit Ideengeschichte beschäftigt, vielleicht gehe ich also nur zurück zu meinen Wurzeln. (Michael Freund, DER STANDARD, 19.6.2013, Langfassung)


Anson Rabinbach (67) ist ein US-amerikanischer Historiker an der Universität Princeton. Bis 2011 leitete er das dortige Program in European Cultural Studies. Er war Mitbegründer der renommierten Zeitschrift "New German Critique". Das "The Third Reich Sourcebook" von Anson Rabinbach und Sander L. Gilman wird im Juli bei der University of California Press erscheinen. Das Buch "Concepts that came in from the cold" über das hier behandelte Thema ist in Vorbereitung.

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    Fast 5.000 Lynchjustiz-Opfer in den USA: Die angestrebte Genozid-Konvention geriet Anfang der 1950er-Jahre in innenpolitisches Fahrwasser.

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