Bonnie Raitt: "Blues drückt die wahre Seele aus"

Interview27. Juni 2013, 13:38
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Die US-amerikanische Sängerin und Gitarristin, die am Dienstag in der Staatsoper auftritt, über die Stones, Americana, musikalische Einflüsse und Obama

Anders als viele ihrer Singer/Songwriter-Kolleginnen hat sich Bonnie Raitt nicht nur mit ihrem emotionalen Gesang, sondern auch als Instrumentalistin, genauer als Meisterin des Slidegitarrenspiels, einen Namen gemacht. Gelernt hat die Tochter eines Broadway-Musicalstars und einer Pianistin das Spiel mit dem Glasröhrchen auf der Gitarre als junge Frau auch von Blues-Meistern der ersten Generation.

Nach von der Kritik hoch geschätzten Alben in den 70er-Jahren kam der verspätete kommerzielle Durchbruch erst 1989 mit dem Album "Nick of Time". Im Interview mit derStandard.at erzählt die heute 63-Jährige, die am Dienstag im Rahmen des Jazzfests Wien erstmals in Österreich gastiert, unter anderem von ihrer Freundschaft mit den bewunderten Blues-Legenden, dem letzten Studioalbum "Slipstream" und ihrem politischen Engagement. 

derStandard.at: Sie sind vor kurzem mit den Rolling Stones auf der Bühne gestanden. Wie war es?

Raitt: Es war aufregend. Sie warten bis zur letzten Minute, um dir zu sagen, welchen Song du singst. Ich kenne die Stones, seit ich 19 war, und es war großartig, Mick Taylor spielen zu sehen.

derStandard.at: Ich nehme an, dass Sie mit den Stones eine Menge musikalischer Einflüsse teilen?

Raitt: Absolut. Wir alle liebten Blues und Rhythm 'n' Blues über alles, waren mit Muddy Waters befreundet und kannten John Lee Hooker sehr gut.

derStandard.at: Sind schon sehr früh in Ihrer Karriere mit Blues-Legenden gemeinsam auf der Bühne gestanden.

Raitt: Ich habe viele Jahre gemeinsam mit Buddy Guy, Junior Wells und Muddy Waters gespielt. Bevor er gestorben ist, bin ich auch mit Mississippi Fred McDowell herumgetourt und später mit R-'n'-B-Musikern wie Charles und Ruth Brown. Ich habe sehr viel Respekt vor den Leuten, die mich beeinflusst haben, und bin mir bewusst, dass sie niemals bezahlt wurden. Sie haben Millionen Platten verkauft und bekamen kein Geld. Ich sehe es als Teil meines Jobs, ihnen die Ehre zu erweisen, die ihnen gebührt. Ich schätze mich glücklich, dass sie sowohl meine Helden als auch meine Freunde waren.

derStandard.at: Sie waren mit dem Blues-Promoter Dick Waterman befreundet. Hat Ihnen das geholfen?

Raitt: Absolut! Ich war nur eine Afrikanistik- und Soziologiestudentin, als ich die Chance bekam, Dick Waterman zu treffen, der in derselben Stadt lebte. Ich habe Dick und Son House, den Vater des Delta Blues, der von Dick gemanagt wurde, 1968 am selben Tag getroffen, und es hat mein Leben verändert, weil Dick und ich Freunde wurden. Es lief darauf hinaus, dass er 15 Jahre lang mein Manager war und wir noch heute Freunde sind.

Er managte Skip James, Mississippi John Hurt, Mississippi Fred McDowell, "Big Boy" Crudup, Buddy Guy, Junior Wells, eine Zeit lang auch Magic Sam. Ich habe all diese Typen über Dick kennengelernt, der sie gebucht und selbst herumkutschiert hat. Als ich eine Auszeit vom College nahm, um mit all meinen Helden herumhängen zu können, meinten meine Eltern, dass ich mir selbst meinen Unterhalt verdienen müsse. Um zu etwas Geld zu kommen, fragte ich Dick daher, ob ich die Konzerte von einigen seiner Klienten eröffnen könnte. Als Support Act für diese Blues-Künstler bin ich in eine Karriere hineingekippt.

derStandard.at: Sie sind in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen.

Raitt: Als ich aufwuchs, begleitete meine Mutter meinen Vater bei Konzerten auf dem Klavier, fungierte als musikalische Direktorin und studierte neue Lieder mit ihm ein. Ich konnte meinen Vater in all diesen wunderbaren Broadway-Shows sehen. Es war ein wirklich musikalischer Haushalt, alle drei von uns Kindern waren sehr musikalisch.

derStandard.at: Was hat Sie zum Blues hingezogen? 

Raitt: Ich kann nicht erklären, was mich zum Blues hinzieht, aber er berührt mich ganz einfach sehr stark, ob es nun die Sexualität ist oder die Traurigkeit. Er drückt die wahre Seele aus, wie es die meiste Roots Music tut, ob Gipsy Music oder keltische Musik, afrikanische oder spanische. All diese Arten von Musik berühren die Menschen, es ist universelle Seelenmusik.

Die ganze Welt hat sich bereits bevor ich geboren wurde, in den 1920er-Jahren, in afroamerikanische Musik, in Jazz und Blues verliebt. George Gershwin ist ebenso ein Beispiel dafür wie Benny Goodman, Fletcher Henderson oder der Cotton Club. Swing, Bepop, die ganze populäre Musik, all das wurzelt in der Liebe zu schwarzer Musik. Ich war nur ein Kind meiner Zeit und mochte Fats Domino und Chuck Berry. Als ich Ray Charles hörte, konnte ich nicht glauben, dass jemand so wunderbar sein kann.

Ich habe viel von meinen Einflüssen gelernt, von der Musik aus New Orleans, Ernie K-Doe, Motown, der Soul-Musik von Aretha Franklin und James Brown. Aber ich muss die Rolling Stones und die Beatles dafür würdigen, dass sie so viele von uns zum Rhythm 'n' Blues gebracht haben, zu Alben, die wir sonst nicht gehört hätten. Ich hätte Muddy Waters, Slim Harpo oder Howlin' Wolf nicht kennengelernt, wenn es nicht wegen der frühen Stones-Alben gewesen wäre.  

derStandard.at: Heute wird eine Menge Musik unter dem Label "Americana" vermarktet. Können Sie damit etwas anfangen?

Raitt: Es ist mir etwas peinlich, wie so oft, wenn Amerika etwas für sich vereinnahmt. All die Roots Music, die unter Americana fällt, ob Blues, Bluegrass, Folk, die ganzen Hybride aus mexikanischer oder deutscher Musik, all diese Musik kommt eigentlich aus Afrika, Irland oder Zentraleuropa. Im Grunde ist nichts wirklich "Americana", außer die Musik der Native Americans. Ich verstehe aber, warum dieses Label verwendet wird. Davor wurde ich in Schubladen wie Blues, Rock oder Country gesteckt, obwohl nichts davon wirklich passt, weil ich eine Kombination aus alldem bin.

derStandard.at: Sie haben vergangenes Jahr einen Americana Lifetime Achievement Award erhalten.

Raitt: Ich war sehr stolz darauf, weil ich ihn für eine Performance erhalten habe. Ich liebe es, live zu spielen, ich mache meine Alben, um auftreten zu können. Mein Vater ist live aufgetreten, bis er in seinen Achtzigern war.

derStandard.at: Live zu spielen ist also am wichtigsten für Sie?

Raitt: Es ist ganz sicher das, was am meisten Spaß macht. Wenn ich die Songs einmal ausgesucht habe, ist es leicht, etwas aufzunehmen, weil ich eine tolle Band habe. Aber zu touren macht am meisten Spaß. Es ist, wie wenn du in die Schule gehst, die während des Jahres mehr Spaß macht als zur Prüfungszeit. Ein neues Album herauszubringen ist, wie wenn du für eine Prüfung lernst.

derStandard.at: Für Ihr letztes Album "Slipstream" haben Sie mit dem Singer/Songwriter Joe Henry als Produzenten zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?

Raitt: Joe Henry hat vier Songs von "Slipstream" produziert. Ich war immer ein Fan seiner Songs und seiner Produktionen. Er arbeitet mit Leuten zusammen wie Allen Toussaint und Mose Allison und anderen Folk- und Soul-Sängern, die ich mag. Mose und Allen haben ihm beide gesagt, dass er mit mir in seinem Heimstudio aufnehmen solle, weil mir das gefallen würde. Joe nimmt im Keller eines schönen alten Hauses in einem historischen Stadtteil von Los Angeles auf. Der Toningenieur ist mitten im Raum, es wirkt wirklich organisch, man bekommt ein wunderbares Gefühl. Und er arbeitet mit diesen großartigen Musikern wie Jay Bellerose und Greg Leisz.

Wir gingen mit Joes Musikern und unserem gemeinsamen Freund Bill Frisell ins Studio, um zwei, drei Songs probeweise aufzunehmen. Ich wollte den Großteil mit meiner eigenen Band einspielen und selbst produzieren und einen Teil mit Joe. Es lief so gut, dass wir weitermachten und ich ständig neue Joe-Henry-Songs vorschlug. Wir nahmen drei Songs von Bob Dylan auf und fünf von Joe Henry. Er schrieb auch ein paar Songs, bei denen wir zusammenarbeiteten und die im Rahmen meines nächsten Projekts erscheinen werden.

derStandard.at: Sie sind nicht nur als Sängerin, sondern auch Gitarristin bekannt. Was hat Sie zur elektrischen Gitarre gebracht?

Raitt: Ich liebe die elektrische Gitarre, weil ich mit meinem Slide-Spiel die Töne länger stehen lassen und den Klang besser kontrollieren kann, so dass es sich mehr wie ein menschliches Heulen oder Schreien anhört. Mit der akustischen Gitarre kann man nicht mit so vielen Farben spielen, und die Lautstärke lässt sich nicht so verändern. Ich spiele gerne akustische Gitarre, aber sie hat eine andere Dynamik. Die Vielfältigkeit und das Vokabular der elektrischen Gitarre und wie sie sich anfühlt, passt zu so vielen musikalischen Stilen, die ich schätze.

derStandard.at: Welche Slide-Gitarristen bewundern Sie?

Raitt: Ry Cooder ist der größte Slide-Gitarrist, der je gelebt hat! Gleich hinter ihm kommt Lowell George. Unter den Blues-Musikern schätze ich Son House, J. B. Hutto, Elmore James, Muddy Waters und Mississippi Fred McDowell, der mein Mentor und teurer Freund war. Als er gestorben ist, war ich erst 22 Jahre alt. Das war mein erster großer Verlust unter den Freundschaften mit diesen wunderbaren Blues-Typen. Mit Muddy Waters, der wieder auf eine ganz andere Art Slide-Gitarre spielt, bin ich auch viel auf Tournee gewesen. Und John Hammond jr. war der Erste, den ich je Slide spielen gehört habe. Ich wurde von ihnen allen beeinflusst.

derStandard.at: Woran liegt es, dass nach wie vor nur wenige Frauen als Gitarristinnen bekannt sind?

Raitt: Es gibt mit Sicherheit mehr als früher. Auf gewisse Weise war Blues nie so populär, und es gab nie so viele Frauen, die ihn gespielt haben, wie heute. Die Lead-Gitarristinnen von Beyoncé und Michael Jackson waren toll und beide Frauen. Susan Tedeschi ist eine großartige Blues-Musikerin und Sängerin und schreibt auch großartige Songs. Die Derek Trucks Band mit ihr ist zurzeit sehr erfolgreich. Blues-Gitarre ist seit langer Zeit zum größten Teil ein Männergenre, aber es gibt keinen Grund, warum Frauen nicht spielen und für eine eigene Note sorgen sollten. Fest steht, dass Memphis Minnie und Sister Rosetta Tharpe schon vor Jahren Blues-Gitarre gespielt haben.

derStandard.at: Sie sind auch als politische Aktivistin bekannt. Was sind Ihre aktuellen Anliegen?

Raitt: Ich bin immer noch sehr in der Anti-Atom-Bewegung aktiv, speziell seit dem Fukushima-Unfall in Japan. Niemand in den USA schreibt darüber, wie viel Radioaktivität nach wie vor vorhanden ist, oder über die Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesundheit. Die Medien stehen derzeit unter großem wirtschaftlichem Druck, ähnlich wie die Musikindustrie. Sichere und saubere Energie hat bei mir nach wie vor oberste Priorität, gleich dahinter kommt eine Reform der Wahlkampffinanzierung. Wir haben eine geldkontrollierte Politik in den USA. Die ganze Demokratie, auf die wir so stolz sind, wird verhöhnt, wenn jemand, egal von welchem politischem Spektrum, andere mit Geld übertrumpfen und Werbung schalten kann, die voll von Lügen ist.

derStandard.at: Was denken Sie über Obama?

Raitt: Ich bin jedenfalls froh, dass er gewonnen hat und nicht die anderen, was ein Albtraum gewesen wäre. Manchmal wünschte ich, er würde aufstehen und stärker Position beziehen, als er das im Wahlkampf getan hat, aber ich verstehe, dass ihm die Hände weitgehend gebunden sind. Hinsichtlich seiner Energiepolitik und seiner Friedensbemühungen bin ich enttäuscht, aber was das Gesundheitssystem und die Rechte von Homosexuellen betrifft, hat er eine Menge Integrität und steht dafür ein.

derStandard.at: Wie stehen Sie zum Downloaden von Musik?

Raitt: Das war immer ein Problem und wird eines bleiben. Es gibt jetzt ein, zwei Generationen von Kids, die finden, dass Musik gratis sein sollte. Streaming-Sites wie Spotify und Pandora zahlen nicht genug für Songwriter und die Künstler. Das terrestrische Radio in den USA zahlt nicht einmal für die Ausstrahlung von Musik wie in Europa, so dass die Interpreten niemals Geld bekommen. Den Großteil meines Songmaterials schreibe nicht ich, aber ich werde viel im Radio gespielt und bekomme kein Geld dafür. Die Leute müssen sich daran erinnern, dass es um unseren Job geht. Wenn man eine vielfältige Kunst haben will, ist es nur gerecht, dass wir genauso für unsere Verdienste bezahlt werden wie andere auch.

derStandard.at: War raten Sie jungen Musikern, die am Anfang ihrer Karriere stehen?

Raitt: So sehr das Downloaden ein Problem sein mag, überwiegen doch die Vorteile des Internets. Man kann seine Kunst üben, sich selbst aufnehmen, und statt in einen lokalen Club zu gehen, kann man die Musik ins Internet stellen und über Nacht zu einer Sensation werden. Mein Rat ist es, die eigenen Fertigkeiten zu verfeinern, für sich und seine Freunde zu spielen, am Instrument und der Stimme zu arbeiten und seine Fähigkeiten live auf der Bühne zu entwickeln. Schaut euch einen Künstler an, den ihr bewundert, zu welchem Label und welchem Management er gegangen ist. Aber die Gründe, warum es heute möglich ist, es schneller und billiger zu schaffen, sind dieselben, warum es Millionen mehr Leute gibt, die genau das versuchen. Alle kämpfen um dasselbe Stückchen Ruhm. (Karl Gedlicka, derStandard.at, 27.6.2013)

Bonnie Raitt spielt am Dienstag, 2. Juli, um 19.30 Uhr live in der Wiener Staatsoper, ihr Support ist Charles Bradley. Weitere Jazz-Fest-Konzerte in der Staatsoper: Bryan Ferry (1.7.), Bobby Womack (3.7.), Rebekka Bakken (4.7.), George Benson (6.7.) und Randy Crawford & Joe Jample (7.7.)

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    Auch auf der E-Gitarre eine Meisterin ihres Fachs: Am 2. Juli tritt Bonnie Raitt im Rahmen des Jazz Fest Wien in der Staatsoper auf.

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