Wucher-Ablösen für Stände am Naschmarkt verhindern Vielfalt

Video27. Juni 2013, 19:01
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Der Naschmarkt erfreut sich ständig wachsender Beliebtheit. Das beglückt nicht nur Händler und Wirte, sondern auch Spekulanten. Fernab öffentlicher Kontrolle entwickelt sich ein florierendes Ablösewesen

Eine wahre Goldgrube sei der Gemüsestand, gurrt der Immobilienmakler ins Telefon. Und man könne noch viel mehr Geld damit machen, wenn man ihn als Imbisstand nutzt - und das, obwohl die Gastronomiequote am Naschmarkt laut Marktamt bereits erschöpft ist. "Offiziell dürfen Sie sowieso acht Stühle hinstellen. Da machen Sie einfach ein paar mehr, das wird geduldet und machen alle so", lockt der Makler.

Naschmarkt.moventfernen

Dass die genannten Umsätze unrealistisch sind, bestätigen mehrere Standler im Video.

Einen Haken hat das Geschäft allerdings, der erst im persönlichen Gespräch zur Sprache kommt: "Für das Weitergaberecht will der Inhaber 450.000 Euro Ablöse", verrät der Vermittler. Wie viel der Jahresumsatz bisher betragen habe? "Das ist nicht aussagekräftig. Wie Sie das wieder reinkriegen, ist Ihre Hausaufgabe." Um Investitionen handelt es sich bei der Ablöse jedenfalls nicht: "Um den Laden attraktiv zu machen, müssen Sie noch 200.000 Euro in die Hand nehmen", rät der Makler.

Zunehmend Diskussionsstoff

Die steigenden Ablösen für Geschäfte am Naschmarkt, die in anderen Anzeigen mit bis zu 850.000 Euro und mehr angegeben werden, sorgen seit einigen Monaten zunehmend für Diskussionsstoff in der Stadt. "Ein Markt mit Ablösen von 300.000 bis 800.000 ist kein Markt, sondern eine Geldwäsche", postete Susanne Jerusalem, stellvertretende Bezirkschefin von den Grünen im sechsten Bezirk, auf der Facebook-Seite "Rettet den Naschmarkt". Auch die rote Bezirkschefin Renate Kaufmann ist der Gruppe beigetreten.


Die Initiative "Rettet den Naschmarkt" will mehr regionale Händler und kürzere Transportwege.

Am 14. Juni hat Jerusalem einen offenen Brief an die zuständige Stadträtin Sandra Frauenberger (SP) geschrieben. Die Marktordnung ermögliche eine Nachfolgenennung, ohne dass die Ablösesumme der Stadt bekannt gegeben werden muss, obwohl die Stadt Eigentümer des Grundes und einem Teil der Stände ist. "Dieses System öffnet Tür und Tor für Spekulation mit öffentlichem Gut, Geldwäsche und Steuerhinterziehung", kritisiert Jerusalem.

Antwortbrief noch in Arbeit

Im Büro der Stadträtin arbeite man noch an einem Antwortbrief, heißt es auf Nachfrage. Spätestens im Herbst soll es eine Arbeitsgruppe zu dem Thema geben. "Allerdings regelt sich die Privatwirtschaft großteils selber", sagt eine Sprecherin von Frauenberger am Donnerstag.


Händler dürfen sich mit ein paar Sesseln am "Gastronomie-Kuchen" beteiligen.

Oftmals wird mit Superädifikaten gehandelt, sogenanntem Mischeigentum, wo der Grund der Stadt gehört, aber der Stand ins Grundbuch übergeht. Im oben genannten Beispiel ist sogar der Laden Stadteigentum.

Marktamt findet Ablösen in Ordnung

Es sei nun mal das Recht des Eigentümers den Preis festzulegen, kontert Marktamtssprecher Alexander Hengl. Ablösen seien zudem zivilrechtlich gelöst und nicht Sache seiner Behörde. "Außerdem wird für jede abbruchreife Kleingartenhütte 300.000 Euro verlangt. Da finde ich als Laie die Summe für einen 1A-Marktstand in Ordnung."


Der Anteil an Gastronomie ist mit über einem Drittel ausgeschöpft.

Peter Jaschke, Initiator von "Rettet den Naschmarkt", stößt sich nicht nur an den Spekulationsgeschäften, sondern vor allem an der zunehmenden Ähnlichkeit der Angebote. "Ich nenne es: die Vielfalt der Wasabi-Nüsse", worauf Jaschke auf den Rückgang von Frischwaren zugunsten von uniformen Trockenfrüchten und Ramsch anspielt. Der Markt entferne sich immer mehr davon, Nahversorger zu sein.

Kitsch statt Kirschen

"Statt frischem Obst und Gemüse aus der Region gibt es Kitsch und falsche Rolex zu kaufen", ärgert sich Jaschke. Mittlerweile würden meist Scharen von Touristen durchströmen und die Gastromeile wuchere fröhlich weiter, wie er beobachtet. Der Naschmarkt sei eine rechtliche Grauzone, wo etwa nicht jedes Lokal ein WC braucht. "Da kommt keiner kontrollieren", sagt Jaschke.


Inzwischen gibt es vier fest verbaute Souvenirstände und zahllose fliegende Händler.
Wenn es um das Angebot geht, schließt sich der Kreis wieder zu denwuchernden Ablösen. "Welcher Bauer kann sich 300.000 Euro für einen Stand leisten?", fragt Jerusalem. "Regionalität ist ein Wert. Der Naschmarkt muss wieder spezieller werden." (Text: Julia Herrnböck/Fotos: Maria von Usslar, DER STANDARD, 27.6.2013)
  • Susanne Jerusalem, stellvertretende Bezirkschefin, präsentiert Immobilienanzeigen, die ihr verdächtig erscheinen.
    foto: derstandard.at/maria von usslar

    Susanne Jerusalem, stellvertretende Bezirkschefin, präsentiert Immobilienanzeigen, die ihr verdächtig erscheinen.

  • Ablösen in der Höhe von bis zu einer Million Euro wollen die Standler am Naschmarkt nicht kennen. Hier eine Originalanzeige mit einer Ablöse von 600.000 Euro.

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  • Superädifikat bedeutet, dass der Grund der Stadt Wien gehört und der Aufbau dem Standler. Trotzdem soll das Geschäftslokal in dieser Anzeige für 950.000 Euro den Besitzer wechseln.

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  • Der Verteilungsschlüssel legt fest, in welchem Verhältnis Handel und Gastronomie auf dem Nascharkt vertreten sein dürfen. Der Anteil für Gatronomie ist längst ausgeschöpft. In der Anzeige wird allerdings mit beiden Optionen geworben.

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  • Die Initiative "Rettet den Naschmarkt" fordert unter anderem, dass der Markt wieder stärker als Nahversorger dient.
    foto: derstandard.at/maria von usslar

    Die Initiative "Rettet den Naschmarkt" fordert unter anderem, dass der Markt wieder stärker als Nahversorger dient.

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