Archivare sehen das Recht auf Vergessen kritisch

18. Juni 2013, 14:48
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Französische Vereinigung befürchtet, dass ihre Arbeit dann nicht mehr die ganze Gegenwart spiegelt

 Seit EU-Kommissarin Viviane Reding das "Recht auf Vergessen" im Internet als Teil der EU-Datenschutzreform in den (virtuellen) Raum gestellt hat, wird dieses von vielen Seiten vehement diskutiert. Unbedachte Bemerkungen auf Foren oder nicht gerade karrierefördernde Fotos von Saufgelagen in sozialen Netzwerken sollen auf Wunsch des Nutzers unmittelbar gelöscht werden können.

Nicht nur Anbieter von Online-Plattformen wie Google oder Facebook sehen dieser Forderung stirnrunzelnd entgegen. Eine Gruppe französischer Archivare stellte jetzt die Frage in den Raum: Wie lässt sich das mit dem Anspruch vereinbaren, alles, was die Zeit widerspiegelt, für die Nachwelt aufzuzeichnen? Sie befürchten, das Vorhaben könnte es erschweren, künftig profane öffentliche Dokumente zu sammeln und zu archivieren.

Mitteilungsformen des 21. Jahrhunderts

"E-Mail, Facebook, Twitter sind die Mitteilungsformen des 21. Jahrhunderts. Wenn jemand in der Zukunft die heutige Gesellschaft verstehen will, müssen bestimmte Spuren nachforschbar sein", sagt Jean-Philippe Legois, Präsident der Vereinigung französischer Archivare, New York Times-Journalist Erich Pfanner. Um darauf aufmerksam zu machen, hat die Gruppe eine Petition aufgelegt, die bereits 55.000 Unterstützer gefunden haben soll, in anderen Ländern verbreitet und dann dem EU-Parlament vorgelegt werden soll.

Als Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) kann Johanna Rachinger das Anliegen der französischen Archivare nachvollziehen. Seit 2010 werden in der ÖNB alle Internetseiten mit .at-Domäne archiviert. "Es gibt bereits einen Konsens der europäischen Nationalbibliotheken, der besagt, dass die Bedürfnisse der Gedächtnisinstitutionen, als die wir uns verstehen, im betreffenden Artikel 17 der Datenschutzreform noch besser berücksichtigt werden müssen", sagt sie dem STANDARD.

Komme er so wie geplant, greife er zu sehr in das Archivierungskonzept ein. Auf den analogen Bereich umgelegt wäre das so, als wenn ein Zeitungsleser einen ihn unliebsamen Artikel aus dem Printarchiv herausgeschnitten haben möchte. Abgesehen davon seien Internetinformationen mittlerweile in ein wesentlicher Aspekt, dass sich Menschen in 100 Jahren ein Bild des Jahres 2013 machen könnten. Viele Erkenntnisse verdankten heutige Forscher unreflektierten Aufzeichnungen oder Texten aus der Alltaggeschichte.

1998

Wie sich "Recht auf Vergessen" mit heute gültiger Gesetzgebung praktizieren lässt, wird gerade in Spanien getestet. Unter anderem geht es dabei um den Fall des Spaniers Mario Costeja, der mittels einer Klage Links aus dem Internet entfernen lassen möchte, die auf eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1998 verweisen. Diese beinhaltet, dass Costejas Haus versteigert wurde, nachdem er nicht in der Lage war, seine Sozialabgaben zu bezahlen.

Google weigert sich mit der Begründung, Suchmaschinen sollten nicht zur Zensur rechtmäßiger Inhalte allein aus Gründen der Privatsphäre herangezogen werden dürfen. Der Internetkonzern verweist darauf, dass die Veröffentlichung in der Zeitung im Einklang mit dem spanischen Recht erfolgt sei. Der Fall liegt jetzt beim Europäischen Gerichtshof.

Der EU-Parlamentarier Jan-Philipp Albrecht (Grüne) zeigt Verständnis für die Befürchtungen der Archivare, hält ihre Kampagne aber für übertrieben. Er will sich für einen Kompromiss einsetzen, der Archivare ihre Arbeit machen lässt und dennoch dem Individuum mehr Kontrolle über seine Daten einräumt. (kat, DER STANDARD, 18.6. 2013)

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