Wo bleiben die Väter?

Leserkommentar27. Juni 2013, 19:13
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Ein engagierter Vater über seine Erfahrungen mit der Kinderbetreuung

Mein Sohn wird heuer neun Jahre alt. Vor zehn Jahren haben meine Frau und ich Pläne gemacht, wie unser Leben sein könnte, wenn unser Wunschkind da wäre. Pläne für die Zukunft sind schwierig, aber wir haben uns vieles ausgemalt. Wir wollten uns die Zeit mit unserem Kind teilen und unsere Jobs behalten. Wir wollten die Freiheit, die uns unsere guten Jobs bieten, nützen, damit wir drei gleichberechtigte Teile der Familie werden können.

Meine Frau hat einen wohldotierten Posten als Managerin, ich arbeite als Selbstständiger und habe eine kleine, gut gehende Softwarefirma. Während der ersten Jahre, solange das Kind klein war, ließ sich der Alltag gut 50/50 organisieren. Ich ging am Vormittag arbeiten, meine Frau am Nachmittag, dazwischen Übergabe im Park.

Detailprobleme wie etwa das Stillen ließen sich mit ein wenig Kreativität und kleinen hellblauen Thermoflaschen lösen. Wickeln, Kind anziehen, zu Bett bringen - das können Männer genauso gut wie Frauen, da gibt es keine genetischen Unterschiede, nur ein unterschiedlich großes Ausmaß an Bereitschaft und Übung. Der Plan war, dass wir mit Kindergarten und dann Schule in unsere normalen Jobs zur Gänze würden zurückkehren können.

Irritierend war recht rasch, dass ich am Spielplatz der einzige Mann war. Lauter Mamis. Die einen waren misstrauisch, was ein Mann bei den kleinen Kindern will, die anderen waren neidisch, weil ihr eigener Mann ein klassischer war: nicht zu Hause, nicht da, kindtechnisch unbrauchbar. Für mich waren die Gespräche sehr enden wollend anregend, weil mich Rechtfertigungen, warum andere Männer das nicht ebenso machen, nicht interessieren.

Wenn ein Mann in eine Frauendomäne eindringt

Auch Belehrungen, wie ich mit meinem Kind richtig umgehen soll, habe ich entbehrlich gefunden. Das nämlich halten viele Mamis noch weniger aus, wenn ein Mann in ihre Domäne eindringt und es auch noch besser kann. Dass Männer bei der Kindbetreuung so unsichtbar sind, hat auch damit zu tun, dass Frauen dieses Feld gar nicht räumen wollen. Tradierterweise ist Kinderbetreuung Rolle der Frau, Rollen verlässt man nicht einfach und schon gar nicht gerne.

Aber auch in unserer Familie verschob sich die Verantwortung. Als Topmanagerin war der Kalender meiner Frau sehr fremdbestimmt. Meiner, als Selbstständiger, ein beständiger Quell der Flexibilität. 50/50 wurde rasch 70/30. Zwischen meiner Frau und mir war das kein Problem, sie sorgte mehr für die finanzielle Absicherung, ich mehr für den Alltag und die Familie. Ab Kindergarten und Volksschule war klar, dass zwei volle Jobs und ein Kind auch bei bester Organisation nicht unter einen Hut zu bringen sind.

Kinderaufbewahrung

Das geht nur, wenn das Kind in Fremdbetreuung gegeben wird und sich fortwährend Fremdinteressen und Fremdnotwendigkeiten unterordnen muss. Der oft beschworene Ausbau der Kinderbetreuung ist natürlich ein Witz, weil es im Kern nicht darum gehen kann, dass Kinder von 7 in der Früh bis 7 am Abend irgendwo aufbewahrt werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auch der Vorwurf an meine Frau, eine Rabenmutter zu sein, gehört nicht hierher. In der Schule rede ich mit den anderen Müttern und nicht meine Frau. Übernachten Kinder bei uns, müssen sich die Mamis daran gewöhnen, einem Mann zu sagen, was die Kinder für das Einschlafen brauchen. Meine Frau und ich haben das zwar nicht unbedingt so geplant, aber jeder von uns tut, was er am besten kann und von dem alle am meisten profitieren.

Ungewohnte Rolle

Aber es gibt eine andere Seite. Weil ich mich in einer sehr ungewohnten Rolle wiederfinde. Oder eigentlich: Ich mache etwas, für das es gar keine Rolle gibt. "Rolle" heißt ja, dass es andere gibt, die es auch so machen - Rolemodels eben. Denn wir reden nicht von Karenz, also ein, zwei Monaten beim Kind zu Hause, was ja schon als großes Abenteuer und neue Männlichkeit präsentiert wird, sondern von einem grundsätzlichen Aufgabentausch. Ich bin als erfolgreicher Selbstständiger sozialisiert, mit allen Statussymbolen, die es gibt. Anzug, Geschäftsreisen, Auto, Smartphone, Projekterfolge und wichtige Geschäftskontakte. Das wird jetzt immer weniger.

Keine Definition mehr über den Job

Wenn meine Freunde von ihren Jobs erzählen, erzähle ich von meinem Sohn. Wenn andere in einen Aufsichtsrat entsandt werden, werde ich zum Obmann des Elternvereins gewählt. Ich habe mich immer auch über meinen Job definiert, und jetzt? Ich finde kaum andere Väter, die in ähnlichen Situationen sind. Die meisten sind klassische Familienerhalter, die meinen Weg zwar schon auch irgendwie gut finden. Aber für sie selber käme das so nie in Frage. "Und, was machen Sie beruflich?" Meinen Antworten folgen höfliches Interesse, spürbare Reserviertheit und Rechtfertigung. 

Leben als Outlaw

Auch mit den betont alternativen Männern kann ich nicht recht, denn ich orte eine grundsätzliche Verweigerungshaltung, der ich mich nicht anschließen möchte. Bin ich zu anspruchsvoll? Die Realität ist: Bei Kindergeburtstagen sind zehn Kinder da, acht Frauen und ich. Ich bin ein Outlaw. Ich finde mich außerhalb der Ordnung wieder. Obwohl ich etwas mache, das mir Spaß macht und das ich gut kann, fehlt mir die Bestätigung und Anerkennung der anderen, die ich noch hatte, wenn ich von Terminen im Ausland erzählt habe.

Burschenabende

Ich bin selber überrascht, wie negativ das klingt. Das soll es eigentlich nicht. Denn als Unternehmer weiß ich natürlich, dass der, der vorne geht, allein ist. Erfolg ist immer eine Perspektive der Vergangenheit. Auf der Habenseite verbuche ich zunehmend das Gefühl, auch für die Freunde meines Sohnes eine wichtige Funktion auszuüben. Die haben mit mir nämlich einen Mann, der Zeit für sie hat. Der so Alltägliches tut wie kochen, Ausflüge machen, einkaufen. Im Ernst, die coolen Jungs reißen sich darum, mit zum Wochenendeinkauf kommen zu dürfen. Die Burschenabende bei uns - wenn meine Frau auf Geschäftsreise ist - sind legendär, und irgendwann werden auch die wilden Kerle handzahm und beginnen zu reden. Und zu fragen. Burschengespräche eben. Das ist dann ganz besonders und eine große Ehre und fühlt sich gut an.

Eine Rolle ist etwas, das viele ähnlich machen. Ich hatte von mir immer das Gefühl, nahe beim Mainstream gut aufgehoben zu sein. Zumindest haben mir das die Kaufempfehlungen von Amazon nahegelegt. Also, Kollegen, wo seid ihr? (Bernd Maierhofer, Leserkommentar, derStandard.at, 21.6.2013)

Bernd Maierhofer, Jahrgang 1959, ist verheiratet, Vater und lebt und arbeitet in Wien. Seit 1980 ist er als Softwareentwickler selbstständig.

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