Karsai und die USA wollen direkt mit Taliban verhandeln

18. Juni 2013, 19:33
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NATO übergab volle Verantwortung an afghanische Truppe

Kabul/Neu-Delhi - Einer seiner "größten Wünsche" habe sich erfüllt, sagte Präsident Hamid Karsai, als er Dienstag in Kabul den offiziellen Stabwechsel verkündete. Fast zwölf Jahre nach dem Sturz der Taliban haben die afghanischen Sicherheitskräfte von der Nato die Verantwortung für die Sicherheit im ganzen Land übernommen. Zudem kündigte Karsai einen neuen Anlauf an, Frieden mit den Taliban zu suchen.

Afghanistans Hoher Friedensrat werde demnächst nach Katar reisen, um mit den Militanten Gespräche zu führen. An diesen Verhandlungen in der kommenden Woche wollen sich auch die USA beteiligen, wie es am Dienstag in Washington hieß. Die Taliban wollen zudem in der Hauptstadt Doha ein eigenes Büro eröffnen, wie ein Sprecher der Gruppe am Dienstag im TV verlautbarte. Eine solche Anlaufstelle würde die Verhandlungen erleichtern.

Wie labil die Sicherheitslage auch 18 Monate vor dem geplanten Nato-Abzug ist, zeigte ein neuer blutiger Anschlag. Ein Selbstmordattentäter attackierte den Konvoi von Mohammed Mohaqiq, einem bekannten Politiker der ethnischen Minderheit der Hazaras. Mohaqiq überlebte, aber drei Menschen wurden getötet. Mohaqiq ist erklärter Taliban-Gegner.

Furcht vor Bürgerkrieg

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, der eigens aus Brüssel angereist war, nannte die Übergabe einen "Meilenstein". "Der Schwerpunkt unserer Truppen verschiebt sich nun vom Kampf zur Unterstützung." Die Zweifel sind aber groß, ob Afghanistans 350.000 in Eile ausgebildeten Sicherheitskräfte der Aufgabe gewachsen sind. Viele fürchten einen neuen Bürgerkrieg.

Auch Afghanistans Frauen müssen um das Erreichte bangen. Bereits Mitte Mai hat die Regierung klammheimlich eine Regelung gekippt, wonach ein Viertel aller gewählten Provinzvertreter Frauen sein müssen. Politikerinnen warfen Karsai vor, er wolle sich bei den Taliban anbiedern. "Um die Taliban bei Friedensgesprächen gnädig zu stimmen, sind sie willens, die Frauenrechte aufzugeben", sagte die Abgeordnete Farkhunda Naderi. (Möllhof Christine, DER STANDARD, 19.6.2013)

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