Dr. Motte, Haydn und die Französische Revolution

Kommentar der anderen17. Juni 2013, 21:17
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Die im Album publizierte Polemik von Iris Hanika gegen den "Technodreck" hat einen "Shitstorm" ausgelöst. Eine Replik

Eh klar: Man muss Techno nicht mögen. Haydn übrigens auch nicht. Trotzdem könnte man, noch dazu, wenn man Schriftstellerin ist, sich mit der Musikgattung, über die man kritisch schreiben möchte, zumindest ein wenig inhaltlich auseinandersetzen, statt nur auf Plattitüden und Polemik zu setzen. Noch dazu, wo Letztere zum Teil auf Kosten von Todesopfern bei der allerletzten Loveparade in Duisburg geht, doch dazu später.

Beglückende Leichtigkeit?

Zuallererst: Haydn ist super, Techno Dreck. Warum? Weil die gespannte Dynamik einer Haydn-Symphonie unter anderem sogar die Französische Revolution begleitet hat, schreibt Iris Hanika im STANDARD, während Techno-Bässe nur Beklemmung vermitteln.

Nun haben die Werte und Ziele der Französische Revolution natürlich unser modernes Demokratieverständnis zutiefst beeinflusst. Dieser Weg war jedoch ein äußerst blutiger und brutaler und hat mit der "beglückenden Leichtigkeit", die Hanika Haydn in diesem Zusammenhang zurechnet, nichts gemeinsam.

Möglicherweise ehrt es freilich Dr. Motte & Co. als Begründer der ersten Loveparade in Berlin, in einem Atemzug mit der Französischen Revolution genannt zu werden - jedenfalls wurden die ersten Paraden bis Mitte der 90er Jahre tatsächlich als politische Kundgebungen angemeldet, bevor daraus ein Massenevent wurde.

Wesentliche Teile der (verschiedenen) Technobewegungen hatten jedenfalls sehr wohl zumindest ein gesellschaftliches Leitmotiv, das sich an den Prinzipien von Freiheit und Toleranz orientierte - nicht zufällig lautete das Motto der allerersten Loveparade "Friede, Freude, Eierkuchen".

Doch ob späterer Kommerzialisierungsoverkill oder nicht: Die Teilnehmer an Technoparaden pauschal als "halbnackte Vollidioten", die erst durch die Tragödie von Duisburg erkannt haben, dass es in Wirklichkeit gar kein Spaß sei, zu bezeichnen (wie es Hanika tut), widerspiegelt auch nicht gerade die Errungenschaften der Französischen Revolution, nein, es zeugt von einem menschenverachtenden Blickwinkel ...

Zurück zu Musik, oder zu sogenannter Musik, wie es in dem Essay heißt: Rein stilistisch betrachtet ist Techno nichts anderes als rhythmusorientierte Tanzmusik. Und damit eigentlich eine Urform der Musik überhaupt. Menschen, die stundenlang tanzen, schalten deshalb nicht automatisch ihr Herz/Hirn ab. Fazit: Es ist schade, dass sich die Autorin bemüht, verschiedene Musikrichtungen gegeneinander auszuspielen - als jemand, der sowohl klassische als auch elektronische Musik mag, wäre ich ja der Meinung, dass viele klassische Komponisten früherer Zeiten ihre reinste Freude an den technischen Möglichkeiten unserer Zeit hätten, um Musik zu machen. Doch auch wenn dieses Gedankenexperiment nicht stimmen sollte: Musikgeschmack ist eine persönliche Entscheidung/Prägung, die man respektieren und nicht beleidigen sollte. (Bernd Pekari, DER STANDARD, 18.6.2013)

Bernd Pekari, in den 1990er Jahren Loveparade-Besucher und heute Pressesprecher im Landtagsklub der Grünen Steiermark.

Nachlese

Iris Hanika: Wie halten die Leute das aus?

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