Statt spekulieren den Boden befreien

17. Juni 2013, 18:08
2 Postings

Vorarlberger Verein "Bodenfreiheit" will aus Baugrund Freiflächen machen

Bregenz - Auf unkonventionelle Art macht der Vorarlberger Verein Bodenfreiheit auf die Bodenknappheit im Land der Hüslebauer aufmerksam. Boden sei für alle da, deshalb soll Boden befreit werden. Der Verein will als Bauland gewidmete Flächen ankaufen und der Öffentlichkeit als Freiflächen zur Verfügung stellen. Obmann Martin Strele: "Wir haben in Vorarlberg einen massiven Überhang an gewidmetem Bauland. Allerdings ist es auf dem Markt nicht verfügbar." Würde man alle gewidmeten Flächen bebauen, könnte sich die Bevölkerung verdoppeln. Zurzeit leben 374.000 Menschen ständig in Vorarlberg. Täglich werden 1500 Quadratmeter zu Bauland gewidmet.

250 Menschen traten dem Verein seit seiner Gründung im September 2012 bei, darunter Jungbauern, Pensionistinnen, Politiker, auch eine Gemeinde. Bis kommenden Herbst wollen die Bodenbefreier das Geld für den ersten Ankauf gesammelt haben. Martin Strele sieht die Aktivitäten des Vereins als Eigeninitiative von Bürgerinnen und Bürgern, um Druck auf die Politik zu machen. Statt weitere Jahre von der Politik eine Änderung der Raumplanung zu fordern, schaffe man mit dieser "eigentlich verrückten Idee" Öffentlichkeit für das Thema. Es gehe nicht nur darum, auf die Fehler früherer Widmungspolitik aufmerksam zu machen, sondern mit den Fehlern umzugehen.

Baugrund wird gehortet

Vergangenen Freitagnachmittag lud der Verein zur Tagung "Boden für alle" mit ungewöhnlichem Tagungsdesign: Der ORF stellte Publikumsstudio und Personal zur Verfügung, Fachleute referierten ebenso kostenlos, das Catering machten Pfadfinder und eine Bürgerinitiative.

Vorarlberg habe 40 Prozent Baulandreserven, bei Betriebsflächen 25 Prozent, bestätigte Landesstatthalter Karlheinz Rüdisser (ÖVP). Rein rechnerisch käme auf einen Einwohner ein Grundstück. Es gelte, weiter zu überlegen, wie man Bauland mobilisieren könne. Rüdisser wollte nicht von Hortung sprechen, "weil es ja nicht um Spekulation geht, sondern Werterhalt". Raumplanerin Gerlind Weber hingegen bezeichnete die Hortung als "passive Bodenspekulation". Unbebaute erschlossene Baugründe seien Millionengräber. Der Flächenwidmungsplan sei mehr Schenkungs- als Lenkungsinstrument. Besser lenken könnte man mit Widmungssteuern für Gemeinden, Umwidmungsmoratorien, Erschließungsabgaben bei Umwidmung. Es sei hoch an der Zeit, Gesamtstrategien zu erarbeiten.

Schweizer haben abgestimmt

Da ist die Schweiz ein Stück weiter. "Die Schweizer haben genug", berichtete Ueli Strauss, Raumplaner des Kantons St. Gallen. Das Volk habe im März über die künftige Raumordnung abgestimmt: "63 Prozent sagten Ja zu einer starken Raumplanung." Dazu gehöre nicht nur Umwidmungsstopp, wie er in Zürich bereits realisiert wird, sondern auch das "Auszonen", wie die Schweizer Rückwidmungen nennen. Statt auf die grüne Wiese zu drängen, heiße die neue Strategie Innenverdichtung. Gemeinden müssten zudem ihre Planungen regional ausrichten, über ihre Grenzen hinaus kooperieren. (Jutta Berger, DER STANDARD, 18.6.2013)

Share if you care.