Techno als eine der letzten Nischen

Leserkommentar17. Juni 2013, 17:14
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Warum der pumpende 4/4-Takt keineswegs herz- und hirnlos ist. Eine Antwort auf Iris Hanika

Beim Nachdenken über Iris Hanikas Frontalangriff auf die herz- und hirnlosen Techno-Terroristen im Album des STANDARD dringen leise Jazz-Melodien zu mir in den dritten Stock - schön, denke ich mir, der Mittfünfziger aus dem dritten weiß wohl, was gute Musik ausmacht.

Aber da ist noch etwas anderes: Aus der Ferne mischt sich das dumpfe Gepumpe einer Automusikanlage in die Szenerie. Unerträglich - Hanika, wie recht sie doch hat. Nur: Ganz so einfach ist es nicht, gehöre ich doch streng genommen auch zu jenen Herz- und Hirnlosen, zu jenen Jungen, die Hanikas Kinder sein könnten. Den Jungen, die sie nicht versteht.

Die Kritik greift zu kurz

Die Kritik der Autorin - verfasst in gnadenloser Berliner Direktheit , die den Bass-Imperativen aus der Techno-Kathedrale Berghain (eine Diskothek) um nichts nachsteht - greift vielfach zu kurz. Hanika versetzt mit dem unreflektiert verwendeten Überbegriff Techno einer ganzen Musiksparte den Pauschal-Todesstoß, ohne näher zu definieren, welches Techno-Genre im Speziellen ihr so schrecklich auf das Gemüt drückt. Keine Frage, es gibt ihn, den Techno-Dreck. Am Höhepunkt der alten Loveparade, als schlechte Bässe alle kommerziellen Schranken brachen, gab es sogar ziemlich viel davon.

Doch wo gibt es ihn denn nicht, den Dreck? Es ist auch nicht alles von vornherein gut, was unter dem Prädikat Klassik firmiert. Kaum zu glauben, aber es soll auch Menschen (nicht nur junge) geben, denen Hanikas Revolutions-Entfacher Haydn mitsamt schick herausgeputztem Konzertsaalpublikum ein Gefühl der Beklemmung beschert.

Techno hat vielleicht noch keine Revolution entfacht und im Gegensatz zur hoch gelobten Klassik auch keine Herrenmenschen ideologisch beflügelt. Aber ich weiß schon, Wagner - eigenes Kapitel. Den alten Haydn trifft da wahrhaftig keine Schuld. Der vermittle das Gefühl, man könne alles schaffen, meint die Autorin. Das mag schon sein. Bei Techno ist das anders: Wenn der Bass zunächst den ganzen Körper erfasst, ständige Repetition und wiederkehrende Höhepunkte eine Art Trance herbeiführen und sich gegen 6 Uhr morgens zu einer souligen House-Variante beseelte Leere einstellt, dann hat man das Gefühl, schon etwas geschafft zu haben.

Eine durchtanzte Nacht als Leistungsbeweis

Eine durchtanzte Nacht kann dann bei jungen Leuten schon einmal als interner Leistungsbeweis durchgehen. Das mag vielleicht verstören, ist angesichts junger Lebensrealitäten, wo Leistung mit Prekarität, Anpassungsdruck und noch höheren Anforderungen abgegolten wird, auch nicht so verwunderlich. Wenn die Autorin vom "Hirnabschalten" spricht, liegt sie nicht weit daneben. Ja, es darf auch einmal abgeschaltet werden, das Gefäß, dessen Gedanken bei vielen jungen Menschen Tag und Nacht um die eigene Zukunft kreisen.

Der naive 4/4-Takt bedeutet oft nicht mehr als ein Ausklinken, ein Loslassen von der oft überfordernden Vielfalt an Möglichkeiten, die uns Jungen auf den ersten Blick heute offenstehen. Ganz nebenbei erscheint die Einfachheit der Taktart auch als Garant sozialer Durchmischung. Am Techno-Floor gibt es sie alle: Studenten und Arbeiter, Graduierte und Schulabbrecher, Arbeitslose und Großverdiener, Homos und Heteros, Aussteiger und Bürgerliche, Angestellte und Selbstständige, Gesunde und Kranke und so weiter. Hat man bei Haydn wohl noch nicht gesehen. Auch 1789 nicht.

Die Herz- und Hirnlosen könnten bei der Techno-Beschallung keine klaren Gedanken fassen, meint Hanika. Ja, vielleicht. Immerhin entstehen diese Zeilen unter dem Einfluss leiser Jazz-Melodien aus dem zweiten Stock und der Youtube-Version von Haydns "Schöpfung". (Der Autobass-Störenfried ist längst passé.) Aber es soll auch Menschen geben, die sich mit Techno-Dreck (wahlweise auch Track) zu kreativen Höchstleistungen aufschwingen. Künstler, Designer, Sportler, viele lieben den unnachgiebig eintönigen 4/4-Takt als Schaffens-Background. Auch die ein oder andere sozialwissenschaftliche Kapitalismustheorie mag unter dem Einfluss pumpender Bässe erstaunlich erkenntnisreich diskutiert worden sein. Aber gut, jetzt treibt mich Haydn vielleicht zu weit. Die Schöpfung? Wohl zu viel des Guten. Er muss weichen.

Der Mittfünfziger von unten hat mittlerweile das Genre gewechselt und beschallt das Haus jetzt mit wechselnden Radiosendern. Auch okay. Wir Herz- und Hirnlosen haben - so die unterschwellige Botschaft Hanikas - ohnehin keine Ahnung von Musik. Doch, ja, von "sogenannter Musik", wie sie den Techno-Krach bezeichnet. Auf den Krach seien wir ja geradezu konditioniert. Eine im Kleinkindalter angelegte Prädisposition sozusagen. Unsere Kinder wiederum würden einmal freiwillig Blockflöte spielen, meint die Autorin. Blockflöte habe übrigens auch ich freiwillig gespielt. Schon damals war der 4/4-Takt mein Favorit, wird mir gerade bewusst. Na ja, frühe Anzeichen der angelegten Krach-Krankeit wahrscheinlich.

Es gibt sie, die Künstler des Techno

Daran hat wohl auch die anschließende klassische Musikausbildung wenig geändert. Dafür durfte ich Techno-DJs kennenlernen, die beispielsweise Klavierkonzerte geben und sich beim Produzieren von französischer Filmmusik inspirieren lassen. Mag schon sein, dass ein paar "Zugedröhnte" wenig Notiz davon nehmen, aber es gibt sie, die Künstler des Techno. Und die "Zugedröhnten"? "Halbnackte Vollidioten", meint Hanika und wirft den Todesopfern der Loveparade-Tragödie von Duisburg auch noch Steine hinterher. Man kann sich eben auch so im Ton vergreifen, muss dazu nicht einmal Techno-Dreck hören.

Techno als Fluchtort

Eine kleine Theorie zu Techno will jedenfalls auch ich noch anbringen: Wenn der Vater Rammstein hört, die Mutter mit aufs Deichkind-Konzert will, die Tante in versifften Jazzclubs abhängt, der Onkel zu Heavy Metal das Haupthaar bangt und der Großvater lauthals Austropop singt, was sollen wir Herz- und Hirnlosen dann noch für uns beanspruchen? Techno stellt gegenwärtig vielleicht eine der wenigen Nischen dar, in denen sich unsere Vorgänger noch nicht ganz so breitgemacht haben. Vielleicht eine der wenigen Nischen, in denen wir den in postmodernen Zeiten rar gewordenen Hauch der Avantgarde verspüren. Aber auch das nur eine Theorie.

Im Stock unter mir herrscht mittlerweile Ruhe. Das Recht auf Stille gibt es also noch. Dafür dreht ein neuer Autobass-Mensch jetzt seine Runden. Ein bisschen recht scheint sie dann also doch zu haben, die Hanika. Aber Autobass hin oder her, den Techno wird man uns nicht nehmen. Uns, den Herz- und Hirnlosen. (Stefan Weiss, derStandard.at, 17.6.2013)

Stefan Weiss, geboren 1990, studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte und ist zurzeit als Volontär beim STANDARD tätig.

Nachlese

Iris Hanika: Wie halten die Leute das aus?

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