... Vater sein dagegen sehr

Kolumne19. Juni 2013, 07:00
485 Postings

In Krisenzeiten schalten allzu viele Männer auf "Autopilot". Dieser sollte schleunigst umprogrammiert werden, meint Nils Pickert

In letzter Zeit geben sich Männer gerne abgekämpft und erschöpft von den Mühen, die es mit sich bringt, die eigenen Rollenvorstellungen zu hinterfragen und flexibler zu gestalten: Schmerzensmann, Alleskönner, Obermacho, mitfühlender Partner – viele Männer oszillieren auf der Suche nach einer neuen Form von Männlichkeit zwischen medial produzierten und debattierten Verhaltensweisen, die ihnen und anderen so gegensätzlich erscheinen, dass sie in ihrem ganzen Auftreten verunsichert und angegriffen wirken. Sie scheinen dazu überzugehen, entweder zu resignieren oder ihre Positionen mit einem hohen Maß an Aggression zu verteidigen. Wenn zu diesem empfundenen Dilemma auch noch das Verantwortungsgefühl, das eine Vaterschaft mit sich bringen sollte, hinzukommt, weiß Mann oft gar nicht mehr, wie er das alles zusammenbringen soll und trifft Entscheidungen, die weniger mit einem partnerschaftlichen Konzept oder mit der Verantwortung für das Kind zu tun haben, sondern mehr damit, sich wie ein einsamer Wolf zu fühlen und zu verhalten. Oder wie Timo Stein jüngst im Cicero seine Geschlechtsgenossen wissen ließ:

"Trauen Sie dem vermeintlich emanzipierten Frauenbild nicht. Im Zweifel endet die Emanzipation an der eigenen Haustür. Sind erst einmal Kinder geboren, nimmt auch die Wahrscheinlichkeit alter Rollenmuster zu. Egal, was die anderen behaupten: Sie müssen Karriere machen, die Frau darf."

Ach so ist das also: Frau darf Karriere machen. Vielleicht liegt es ja an mir, aber diese Frauen treffe ich so gut wie nie. In Zeiten der massiven Ausweitung des Niedriglohnsektors und befristeter Arbeitsverträge kenne ich dafür ziemlich viele, die einen Job stemmen müssen und den Großteil der Kindererziehung plus Haushalt. Und das liegt tatsächlich daran, dass mit der Geburt von Kindern sich alte Rollenmuster einschleichen, aber das tun sie nicht von ungefähr, sondern weil sie in die Partnerschaft eingeladen und gesellschaftlich begünstigt werden. Ein Mann hat sich nach wie vor weniger dafür zu verantworten, ein "Rabenvater" zu sein als vielmehr dafür, im Beruf nicht ausreichend Erfolg zu haben. Eine Frau hingegen hat inzwischen immer häufiger zum finanziellen Gelingen der Familie beizutragen, ohne diesbezüglich mit Anerkennung oder der notwendigen Unterstützung rechnen zu können. Und während sie dafür angefeindet wird, dass sie kurz nach der Geburt wieder ihrem Job nachgeht, obwohl sie trotzdem Zuhause das meiste alleine stemmt, soll sie sich auch noch darüber freuen, sich jetzt auch endlich beruflich verwirklichen zu "dürfen".

Mannsein mit Vaterrolle vereinbar?

Wie kann es da sein, dass Männer die eigene Situation als mindestens genauso problematisch wie die von Frauen empfinden, wenn nicht sogar schlimmer? Sie erleben sich als überforderter, untersexter Arbeitsautomat, der nicht nur die Kohle heranschaffen, sondern auch noch auf Knopfdruck den liebevollen Vater und den einfühlsamen Partner geben muss. Und sie fragen sich, wie sie ihr Mannsein mit ihrer Vaterrolle vereinbaren sollen. Leider ist das die falsche Frage und zielt ungefähr in die gleiche Richtung wie Fragen nach der möglichen Vereinbarkeit von Hautfarbe oder Nationalität mit Vaterschaft.

Viel wichtiger wäre, sich mal damit zu befassen, wieso Mann überhaupt unter dem Eindruck steht, auf Knöpfe drücken zu müssen, um Vater und Partner zu sein. Wieso werden die dazugehörigen Gefühle und Verantwortlichkeiten von Männern so oft als Fremdkörper zu ihrer Männlichkeit definiert, zu denen sie sich immer wieder aufs Neue aufraffen müssen?

Was bringt einen Mann dazu, sich nach der Geburt seines Kindes Stück für Stück den Überlegungen zur gleichberechtigten Arbeitsteilungen zu entziehen, die gegebenenfalls gemeinschaftlich aufgestellt worden sind? Woher nimmt er das Recht?

Autopilot umprogrammieren

Ganz einfach: es ist eine ihm aus eigener Erfahrung und Anschauung bestens vertraute (Un)rechtspraxis, die er als Reaktion auf eine Krisensituation reproduziert. Je belastender die Umstände, umso weniger ist ein Mensch dazu in der Lage, den eigenen intellektuellen Ansprüchen zu genügen. Stattdessen schaltet er auf Autopilot, und der ist nach wie vor so programmiert, dass sie macht und tut, während er dann schon mal geht. Um das zu ändern, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder wird Kinderkriegen und Aufziehen nicht mehr als Belastung empfunden (danach sieht es allerdings nicht aus), oder der Autopilot muss umprogrammiert werden. Dazu wäre es nötig, sich mit Sachverhalten zu beschäftigen, denen nach wie vor das Stigma der Unmännlichkeit anhaftet. Dabei spielt das Geschlecht eigentlich überhaupt keine Rolle, wenn es beispielsweise um die Machbarkeit von Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Und dass die Frage nach den Möglichkeiten von Teilzeitarbeit keiner Einladung zur Entlassung gleichkommt, ist geschlechtsübergreifend von Bedeutung.

Aber solange Mann sich nicht darüber wundert, dass in Statistiken immer noch ausschließlich nach Kindern pro Frau gefragt wird, und sich in scheinheiligen Vorwürfen darüber ergeht, dass das Bildungs- und Betreuungssystem für Kinder zu weiblich sei, solange wird sich nichts ändern. Bis auf weiteres wird er daher zwischen den Anforderungen der postmodernen Gesellschaft und den althergebrachten Rollenbildern hin und her taumeln, weil er der Antwort auf die alte Herbert Grönemeyer Frage, wann ein Mann ein Mann ist, viel zu viel Bedeutung beimisst.

Männlich ist, was Männer tun. Wenn Männer Fußballspielen ist das genauso männlich wie wenn Männer sich küssen. Für Frauen gilt dasselbe. Gerade weil menschliches Verhalten so vielschichtig und sich doch so ähnlich ist, sollte auf geschlechtsspezifische Zuschreibungen in Form von Biologismen oder gesellschaftspolitischen Imperativen verzichtet werden. Und daher muss Kindern auch nicht beigebracht werden, wie sich die Geschlechter vorgeblich verpflichtend zu verhalten haben. Andersherum wird ein Schuh draus:

Ich verhalte mich meinen Kindern gegenüber verantwortungsbewusst, albern, streng, großzügig, peinlich, fürsorglich, scheiternd, lustig, verzweifelt und ehrlich – und weil ich ein Mann bin, assoziieren sie diese Verhaltensweisen mit meinem Geschlecht. Statt mir krampfhaft darüber Gedanken zu machen, wie ich ihnen beibringen kann, was ein Mann ist, zeige ich ihnen lieber, wer ich bin. Das fühlt sich echter an. Und wenn Mann nicht andauernd in der alten Klischeekiste nach männlichen Archetypen und ranzigen Machismen wühlt, hat Mann auch die Hände frei, um mit anzupacken oder für andere schöne Dinge. (Nils Pickert, dieStandard.at, 19.6.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Je belastender die Umstände, umso weniger ist ein Mensch dazu in der Lage, den eigenen intellektuellen Ansprüchen zu genügen. Die Rede ist von Männern, die Fürsorge als "unmännlich" ablehnen.

Share if you care.