SPD-Konvent: Steinbrück bricht die Stimme

17. Juni 2013, 11:09
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Der sozialdemokratische Kanzlerkandidat ist sprachlos und kann die Frage, warum er sich den Wahlkampf antut, nicht beantworten

Berlin - Das ist Peer Steinbrück in der Öffentlichkeit sicher noch nicht passiert: Er schluckt und schluckt, seine Augen werden feucht, die Antwort auf die gestellte Frage bleibt ihm im Halse stecken. Das Publikum, der SPD-Parteikonvent am Sonntag in Berlin, merkt, dass hier einer, der sich sonst gerne als "harter Hund" gibt, emotional total ins Schwimmen gerät. Die Zuschauer erheben sich, applaudieren minutenlang. Derweil sucht seine Frau Gertrud, die diesen Gefühlsausbruch auf offener Bühne ausgelöst hat, nach seiner Hand - die er etwas ungelenk abwehrt. So schwach will er dann doch nicht dastehen, der Kanzlerkandidat.

Dabei ist die Frage, die die Moderatorin an Steinbrück richtet, gar nicht so tiefsinnig. Warum, so will sie wissen, tut sich der SPD-Kanzlerkandidat überhaupt diesen Wahlkampf an, in dem ihm eine Verletzung nach der anderen zugefügt wird. Ähnliches hatte sie schon Steinbrücks Ehefrau Gertrud gefragt, eine Gymnasiallehrerin, die womöglich das stärkste Pfund ist, das Steinbrück derzeit noch zu bieten hat, um die verbreitete negative Stimmung gegenüber ihm im Wahlvolk zu drehen.

Gertrud Steinbrück verteidigt ihren Mann

Gertrud Steinbrück macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. "Ich halte es nicht aus, wenn ich sehe, dass eigentlich nur das herausgefiltert werden soll aus ihm, was negative Gefühle auslöst." Ihr Mann werde als hart, kantig, unwirsch dargestellt. Oft gehe es nur darum, "wo kann man ihn erwischen". Wie ihr Mann öffentlich beschrieben werde, das sei nicht der Mann, den sie kenne. "Das finde ich schwer zu ertragen."

Schließlich müsse man sich mal überlegen, welches Leben er aufgegeben hat. "Ich habe lange überlegt, warum er sich gestellt hat. Es ging ihm doch supergut, wir hatten Freiheit, wir hatten Freizeit, wir konnten sagen, was wir machen wollen." Und sie ließ keinen Zweifel an ihrer Distanz zu seiner Kandidatur. Diese Zeit, die Zeit vor der Kandidatur, fand sie "klasse". Da müsse man sich doch fragen, wenn einer dieses wohlige Leben aufgebe, warum tue er das. "Da muss er doch eine Aussage haben", sagte sie. "Er muss doch irgendwas bewegen wollen, um all das freiwillig aufzugeben." Eine emotionalere Wahlrede auf ihren Mann wurde wahrscheinlich bislang nicht gehalten. Und dann kommt eben diese Frage an Steinbrück selbst: "Was ist es, wofür sie kämpfen oder warum tun Sie es?" Der Kandidat schweigt - minutenlang.

"Ich war erschüttert"

Gertrud Steinbrück, die sich erstmals mit ihrem Mann auf einer Bühne Fragen auch nach dem Privatleben stellt, hat eine gehörige Distanz zu dem, was ihr Mann da tut. Erfahren habe sie von seinen Kanzlerambitionen seinerzeit aus den Nachrichten. Ihr Mann habe ihr das nicht gesagt. Ihre Reaktion? "Ich war erschüttert." Denn so eine Entscheidung habe ja Auswirkungen auf alle, auf die Ehefrau, auf die drei erwachsenen Kinder.

Dass der Kandidatenjob die Kommunikation zwischen Eheleuten nicht fördert, schildert sie eindrucksvoll. "Diese Woche haben wir zwei Mal telefoniert: einmal fünf Minuten und einmal zwei." Und sie zeigt ihre Distanz: "Er hat sich doch beworben, ich habe mich nicht beworben." Und sollte sie wirklich Kanzler-Gattin werden, dann macht Gertrud Steinbrück schon einmal klar: eine Michelle Obama werde sie mit Sicherheit nicht, sie sei weder so schön noch so klug und habe auch keinerlei Neigung, die graue Eminenz hinter ihrem Manne zu spielen.

In ihrer Entschlossenheit steht Gertrud Steinbrück ihrem Mann nicht nach: wenn dieser nun schon Kandidat sei, dann werde auch gekämpft. "Jetzt wird das Ding auch durchgezogen", gibt sie die Richtung vor. Und auch wenn es nicht läuft: Steinbrück stürzt nicht ins Nichts. "Ich bin da, und ich bin vertraut mit ihm - seit 40 Jahren." (Reuters, 17.6.2013)

  • Der SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück war nach einer Stellungnahme seiner Frau sprachlos.
    foto: epa/britta pedersen

    Der SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück war nach einer Stellungnahme seiner Frau sprachlos.

  • Der gesamte Auftritt des Ehepaars Steinbrück als Video. Der emotionale Teil beginnt bei Minute 17.

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