Von Wolfsberg nach Wien in drei Stunden

17. Juni 2013, 10:07
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Durchaus überraschend hat die Wiener Austria den bisherigen WAC-Coach Nenad Bjelica als Nachfolger von Peter Stöger präsentiert. Die Verhandlungen waren in Windeseile erledigt. Der 41-jährige Kroate ist gewillt, den offensiven Spielstil der Wiener zu pflegen

Wien - Im Fußball kann es manchmal sehr schnell gehen. Das bestätigte Austrias neuer Trainer Nenad Bjelica am Montag bei seiner Vorstellung in der Generali-Arena. "Ich habe am Freitag nicht gedacht, dass ich heute da sitzen werde." Der 41-jährige Kroate hatte den Wolfsberger AC ab Sommer 2010 von der Regionalliga in die Bundesliga geführt, in der verwichenen Saison verpasste der Aufsteiger als Fünfter einen Europacup- Platz hauchdünn. Aber als sich die Wiener Austria in Person von Sportvorstand Thomas Parits meldete, sah Bjelica seine große Chance gekommen. "Die Verhandlungen waren nicht schwer. Die Austria wollte mich haben. Und ich wollte zur Austria."

Parits, der auf der Suche nach einem Nachfolger des zum 1. FC Köln abgewanderten Meistertrainers Peter Stöger war, hatte Bjelica erst am Freitag angerufen. "Ich bekam einen Tipp, dass Bjelica eine mündlich festgelegte Ausstiegsklausel beim WAC hat", sagte Parits. Bjelica war erst der zweite Kandidat nach Niko Kovac, mit dem der Sportvorstand direkt Kontakt hatte. Am Samstagnachmittag haben sich die Vertragsparteien getroffen, nur drei Stunden später war man sich einig. 

Vertrag für ein Jahr mit Verlängerungsoption

Die Freigabe des Vereins kam am Sonntag um 21 Uhr. Die Ablösesumme war - anders als bei Stögers Wechsel nach Köln - kein großes Thema. "Zwei Stunden später war der Wechsel nach einem nächtlichen Rundruf bei den Austria-Aufsichtsräten besiegelt", sagte Parits. Bedanken wollten sich Bjelica wie auch Parits ausdrücklich bei WAC-Präsident Dietmar Riegler, der dem Wechsel keine Steine in den Weg legte. Bjelica unterschrieb einen Vertrag für ein Jahr, der sich automatisch um ein weiteres Jahr verlängert, wenn sich die Wiener für einen Europacupstartplatz qualifizieren.

"Ich komme mit einer großen Begeisterung zur Austria", sagte Bjelica, der just am Tag des offiziellen Trainingsstarts seine Arbeit aufnahm. Am Montag absolvierten die Kicker noch in der Akademie die Leistungstests, am Dienstag folgen die ersten beiden Trainingseinheiten.

Die Qualifikation für die Champions League ist im Sommer das große Ziel. Sollte der Klub die Europa League erreichen, wäre Bjelica aber auch nicht enttäuscht. Seine Philosophie, sagte er, ist schnell erklärt: "Ich will immer auf drei Punkte spielen."

WAC, die Austria Kärntens

Die offensive Spielausrichtung von Bjelica hat Parits schon in der vergangenen Saison imponiert. Vor allem die 0:4-Heimpleite gegen die Kärntner hat Parits noch nicht vergessen. "Wolfsberg hat die vergangene Saison so gespielt wie wir", sagte er. "Nur mit dem Unterschied, dass der Kader nicht diese Qualität hatte."

Die Spielerplanung der Wiener ist noch nicht abgeschlossen. Parits sagte, dass die Austria "sicher noch den einen oder anderen dazuholen wird. Dazu ist die Meistermannschaft beisammengeblieben, selbst Goalgetter Philipp Hosiner könnte bleiben. "Der Konkurrenzkampf wird hart werden", sagte Parits, Bjelica sei mit der Spielerliste zufrieden. Vom WAC werde er jedenfalls keine Spieler mitnehmen: "Weil ich sie nicht schwächer machen will."

Bjelica, der neunmal für sein Nationalteam spielte und als Aktiver in Spanien (Albacete, Betis Sevilla, Las Palmas), Deutschland (Kaiserslautern) und Österreich (Admira Wacker, FC Kärnten) sehr viel Erfahrung sammelte, ist auf möglichen Gegenwind durch Kritiker vorbereitet. "Ich habe bis- her viel über harte Arbeit geschafft. Ich bin gekommen, um Erfolg zu haben, und nicht um sympathisch zu sein." Schneller Nachsatz: "Aber ich bin eh sympathisch."

Schmid geht

Co-Trainer Manfred Schmid wird die Austria indes verlassen: "Jeder spricht mir fachliche Kompetenz zu, das andere hätte ich gelernt", meinte der Wiener in Anspielung auf seine vermeintlich geringe Versiertheit im Umgang mit der Öffentlichkeit. "Die Vereine wären gut beraten, die Fachkompetenz in den Vordergrund zu stellen", betonte er. Von Ärger könne aber keine Rede sein. "Es hätte wohl großen Mut gebraucht, um einen Manfred Schmid zum Cheftrainer zu machen. Ich verstehe das, wenn man sagt, wir wollen auf der sicheren Seite sein. Ich gehe nicht im Groll. Mein Herz hängt an diesem Verein."

Schmid will nun die Möglichkeit sondieren, die Zusammenarbeit mit Stöger in Köln fortzusetzen. "Wenn ich Co-Trainer bleibe, dann bei Peter Stöger." Der habe sich bisher zwar noch nicht gemeldet, "ich glaube aber, dass das Angebot steht." (David Krutzler, DER STANDARD, 18.6.2013)

Steckbrief Nenad Bjelica

• Geb.: 20.8.1971 in Osijek

• Nationalität: Kroatien

• Stationen als Spieler:

1990-1992 NK Osijek (CRO)
1993-1996 Albacete (ESP)
1996-1997 Betis Sevilla (ESP)
1998-1999 UD Las Palmas (ESP)
1999-2000 NK Osijek
2001-2004 1. FC Kaiserslautern
2004-2006 Admira Wacker Mödling
2006-2008 FC Kärnten

• 9 Länderspiele für Kroatien

• EM-Teilnahme 2004 in Portugal (2 Einsätze)

• Stationen als Trainer:

September 2007 - 2009: FC Kärnten (Erste Liga/Regionalliga, zuerst Spielertrainer, dann nur noch Trainer)
März - Dezember 2009: FC Lustenau (Erste Liga)
Mai 2010 - Juni 2013: WAC (Regionalliga/Erste Liga/Bundesliga)
Seit 17. Juni 2013: Austria Wien

• Erfolge als Trainer:

Aufstieg in die Erste Liga mit WAC 2010
Meister Erste Liga mit WAC 2011/2012
Platz 5 in der Bundesliga mit WAC 2012/13

  • Austrias neuer Trainer Bjelica gießt seine Philosophie in einen Satz: "Ich will immer auf drei Punkte spielen."
    foto: apa/fohringer
    Austrias neuer Trainer Bjelica gießt seine Philosophie in einen Satz: "Ich will immer auf drei Punkte spielen."
  • Co-Trainer Manfred Schmid verlässt die Austria. Er verabschiedete sich am Montag von seinen Spielern.
    foto: apa/fohringer

    Co-Trainer Manfred Schmid verlässt die Austria. Er verabschiedete sich am Montag von seinen Spielern.

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