iOS 7 ohne Metaphern: Neuorientierung im Smartphone-Design

17. Juni 2013, 17:20
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Dem User muss nicht mehr gezeigt werden, wie ein Touch-Screen funktioniert

Viel Aufregung gab es in den letzten Tagen über Apples Redesign von iOS. Das neue Betriebssystem spaltet die Apple-User wie nie zuvor: Die einen finden das Design aufgrund seiner minimalistischen Herangehensweise gut und modern, andere kritisieren Apples Orientierung bei der Neugestaltung scharf, weil sie die Ansicht vertreten, es sei inkonsistent.

Optische Änderungen

Tim Cook selbst bezeichnete iOS 7 als "größte Veränderung seit Einführung des iPhones". Der Apple-Chef meint damit aber nicht nur die optischen Veränderungen, sondern auch alles, was darunter ist. Das sei ein besonders schwieriges Unterfangen, wenn man immer die "User Experience" im Hinterkopf behalten müsse.

"Das Interface animiert nicht nur, sondern gibt der Software eine Bedeutung", sagte ein Kurator des Museum of Modern Art in New York der "New York Times", die nach Designprinzipien für mobile Betriebssysteme fragte. Änderungen könne man Usern am ehesten verkaufen, wenn sie auch optisch sichtbar werden.

Besser verkaufen

Einige kritisieren, dass Apples Interface in den letzten Jahren zu berechenbar und zu kitschig geworden sei. Die Vision fehlte, so Fuseprojekt-Gründer Yves Béhar. Das sollte sich jetzt ändern. Als Pionier in dieser Angelegenheit gilt Microsoft. Seit Jahren versucht das Unternehmen, diese Designsprache attraktiv aussehen zu lassen. In einem Blogpost erklärt Microsoft-Designer Steve Clayton, dass er bereits vor drei Jahren verstanden hätte, warum Microsoft hier neue Wege einschlagen will: Das Design sei genauso wichtig wie das Gerät selbst. Und diese Designsprache würde auch dazu verhelfen, Geräte besser zu verkaufen.

Mehr Tiefe, geringere Komplexität

Trotz dieses offensichtlichen Paradigmenwechsels im Design, sollen bei Apple der Neuorientierung aber anscheinend einige interne Kämpfe vorausgegangen sein. Jony Ive selbst, der bei der WWDC nur im Publikum saß, hat in einem Videostatement seine Überzeugung vom einfachen, klaren Design geschwärmt. Hier gehe es weniger um das Weglassen von Kitsch und Ornamenten als vielmehr um das Herunterbrechen von Komplexität. Wie Wired in einem aktuellen Bericht anmerkt, bewegen sich die Änderungen zwischen neuen Icons, Kontrollzentren, einer verbesserten Navigation und dem Hinzufügen von Live-Informationen und mehr Tiefe bei Apps.

Ohne Analogien geht es nicht

Der vorangegangene Skeuomorphismus ist unter anderem weg, weil Scott Forstall Apple verlassen hat. Die Metaphern, die er in die Designsprache brachte, sollen aber nur ein Extrem dessen sein, was sich vor Jahren in Benutzeroberflächen von Rechnern manifestiert hat. Das Entwickeln von diesen Oberflächen sei ohne diese Metaphern nicht möglich gewesen – beispielsweise simple Fenster oder Mistkübel. Es sei fast unmöglich, ein intuitives Interface zu kreieren, ohne Analogien aus der echten Welt heranzuziehen.

Kein Zusatznutzen

Der deutsche Bauhaus-Design-Stil, der in früheren iOS-Versionen teilweise zum Tragen kam, orientiert sich in erster Linie an der Funktion und hat zum Ziel, Materialien zu wählen, die zur Aufgabenstellung passen. Bei Apple soll dieser Stil auch von Steve Jobs sehr hochgehalten worden sein. Wenn Software-Metaphern so weit entwickelt werden, dass sie keinen Zusatznutzen haben, würden sie von den meisten Designern aber abgelehnt werden. Skeuomorphismus treibt das Ganze noch weiter, indem Materialien vorgegaukelt werden, weil die Bildschirmauflösung es erlaubt, so Wired. Einen zusätzlichen Nutzen hat es nicht.

Weg von Computern

Touch-Screens sollten durch diese Fake-Materialien attraktiver wirken und Menschen dazu bringen, diese interaktiven Displays benutzen zu wollen. Diese Funktion muss ein mobiles Betriebssystem aber nicht mehr erfüllen, da Touchscreens nun bekannt sind. Menschen wissen, wie sie mit diesen Screens umgehen müssen. Jetzt heißt die Aufgabe, den Menschen zu zeigen, dass sie ihre Computer nicht mehr benützen müssen.

Modernes Interface

Ob das neue Design den Usern nun gefällt oder nicht, Apple hat eine klare Ansage gemacht: Dass die Komplexität des Aussehens der Anwendungen weg muss, um es wieder so intuitiv wie möglich zu machen. Jony Ive hat seinen Willen schlussendlich durchgesetzt und das Design zeitgemäßer gestaltet. Wie sich das auf zukünftige Produkte des Unternehmens auswirken wird, bleibt abzuwarten. Wie immer wird es aber auch hier Kritiker geben. Die letzten iOS-Versionen und auch Windows Phone blieben auch nicht ganz von negativer Kritik verschont - schließlich ist Design nach wie vor Geschmackssache. (red, derStandard.at, 17.6.2013)

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    Apples Neuorientierung im Design liegt am geschulten User: Diesem muss man nicht mehr zeigen, wie Touch-Screens funtkionieren

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    Jonathan Ive vor der WWDC. Er soll sich massiv für eine Design-Änderung eingesetzt haben. Im Hintergrund: Craig Federighi

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