Die letzten Jahre eines Inselstaats: Kiribati wartet auf seinen Untergang

Ansichtssache19. Juni 2013, 17:15
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Der infolge der Erderwärmung steigende Meeresspiegel wird den Pazifik-Archipel bis Ende des Jahrhunderts verschluckt haben

Der infolge der Erderwärmung steigende Meeresspiegel wird den Pazifik-Archipel bis Ende des Jahrhunderts verschluckt haben

"Land ist ein äußerst wertvolles Gut in diesen ungeheuren Weiten des Ozeans." Diese Worte könnte auch Kevin Costner in der Sintflut-Dystopie "Waterworld" gesagt haben. Tatsächlich stammen sie von dem Fotografen David Gray, der für Reuters den pazifischen Inselstaat Kiribati besucht hat.

Die meisten Inseln des Atolls liegen nur einen bis höchstens zwei Meter über dem Meeresspiegel. Und die Erhebungen werden weniger. Denn das steigende Ozeanniveau droht die größten Teile des Archipels dauerhaft zu überschwemmen.

Der schmerzhafte erste Tag ohne Land

"Für den Tag zu planen, an dem man kein Land mehr hat, ist natürlich schmerzhaft. Aber ich glaube, wir müssen das tun", sagte Kiribatis Präsident Anote Tong bereits 2008. Im selben Jahr suchte der Staat bei Australien und Neuseeland offiziell um die Anerkennung seiner mehr als 100.000 Bürger als permanente Flüchtlinge an.

Phil Glendenning, der Präsident des Refugee Council of Australia, hat erst vor wenigen Wochen seine Regierung angehalten, eine neue Einwanderungskategorie für die Aufnahme von Bewohnern pazifischer Inselstaaten zu schaffen.

Niveau der Meeresoberfläche steigt weiter

Ende des vergangenen Jahrhunderts wurde bekanntgegeben, dass die ersten beiden Inseln des Kiribati-Archipels bereits im Meer versunken sind, sie waren unbewohnt. Eine der beiden, das 1851 entdeckte Winslow-Riff, liegt heute an seiner höchsten Stelle elf Meter unter der Meeresoberfläche. 

Bis Ende dieses Jahrhunderts sollen mit Ausnahme der Vulkaninsel Banaba, die 81 Meter aus dem Meer ragt, auch die meisten anderen der 32 Kiribati-Atolle verschwunden sein. Laut Prognosen des Centre for Australian Weather and Climate Research ist es sehr wahrscheinlich, dass der Meeresspiegel um weitere 40 bis 50 Zentimeter steigt.

Ein Damoklesschwert namens Landverlust

Durch die Erosion werden wie beim Winslow-Riff die noch übrigen Sandbänke nach und nach weggespült, bis auch sie mehrere Meter unter Normalnull liegen. Die letzten Felsen, die sich dann noch vom Wasserspiegel abheben, werden laut Experten nicht mehr bewohnbar sein.

Noch läuft das Leben in Kiribati im Alltag in den gewohnten Bahnen. Kinder spielen in den Pausen zwischen den Schulstunden, Kranke warten im Spital auf ihre Genesung. Die an den Küsten gestapelten Sandsäcke zeugen trotzdem von den Auswirkungen des Klimawandels, der wie ein Damoklesschwert über den letzten Landflächen Kiribatis hängt. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 19.6.2013)

Wissen

Kiribati (ausgesprochen Kiribas) ist der gleichbedeutende einheimische Name der Gilbertinseln, die etwa auf halbem Weg zwischen Hawaii und Australien im Pazifischen Ozean liegen. Der Archipel setzt sich aus 32 Inseln und einem Korallenatoll zusammen. Sie erstrecken sich über eine Ost-West-Ausdehnung von 4.567 Kilometern - das entspricht etwa der Luftlinie zwischen Vorarlberg und der Ostküste Nordamerikas. 

Heute leben mit rund 103.000 Einwohnern etwa doppelt so viele Menschen in Kiribati wie noch vor vierzig Jahren. 99 Prozent von ihnen sind Mikronesier, 0,2 Prozent stammen ursprünglich aus Europa. Der erste Europäer auf Kiribati und somit "Entdecker" des Archipels war 1606 der spanische Seefahrer Pedro Fernández de Quirós.

Im Zweiten Weltkrieg war Kiribati von 1942 bis 1943 wegen seiner strategischen Lage von Japan besetzt, am Atoll Tarawa kam es zu einer der entscheidenden Schlachten des Pazifikkrieges. Bis 1979 stand Kiribati unter der Kolonialherrschaft Großbritanniens, heute ist die Staatsform eine parlamentarische Republik.

Link

Reuters Photographers Blog: David Gray – That sinking feeling

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