Schubert-Messe in lauer Lesart

16. Juni 2013, 18:22
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Welser-Möst und die Hofmusikkapelle im Musikverein

Wien - Die Unvollendete war phänomenal. Der Beginn nur filigranes Schweben, das Hauptthema weniger Musik als pure Stimmung: leise Angst, ein Ahnen von drohendem Unheil. Dann diese Dezenz, diese Behutsamkeit auch in den Seitenthemen des ersten wie auch des zweiten Satzes: ansatzlos begonnene, weit gespannte Melodiebögen, dazu korrespondierend flexible Begleitstimmen. Und das alles in der samtigen Akustik des Musikvereinssaals: Ohr, was willst du mehr?

Pech nur, wenn man hinter Besuchern zu sitzen kommt, die das Wirken der Hofmusikkapelle und Franz Welser-Mösts nur peripher interessiert und die erste Minute mal durchtratschen. Man besucht das Konzert ja weniger aus Interesse denn zu Repräsentationszwecken: Der Brillantring und der Gleichklang von blondiertem Haar und hellbeigem Kleid verlangen nach öffentlicher Wirkung.

Ja, da war der Hofmusikkapelle sicher auch schon ein aufmerksameres Publikum gegönnt im letzten halben Jahrtausend. In den Anfängen vagabundierte man noch mit dem Monarchen durch die Lande, aktuell muss es für die Wiener Philharmoniker und die Sängerknaben - sie stellen das Gros der Mitglieder der von Erwin Ortner geleiteten Institution - der seltene Tapetenwechsel zwischen Burgkapelle und Musikverein tun.

Es soll ja Menschen geben, die sich allein aufgrund der Magie einer im Tempo sachte verschleppten Deutschen Messe von Schubert nicht und nicht vom Katholizismus lossagen können. Wegen dessen von Franz Welser-Möst in lauer Lesart zelebrierten Es-Dur-Messe schiene es jedoch erlaubt, kurz vom Glauben abzufallen. Oder wollte der Generalmusikdirektor der Staatsoper nur auf die Sängerknaben Rücksicht nehmen, die zwar mit Sanftheit rührten, bei den erregteren Stellen aber nur beschränkte dynamische Kraft aufbrachten? Ein geschmeidiges Solistenquintett (Olesya Golovneva, Hermine Haselböck, Peter Lodahl, Rainer Trost, Robert Holl) begleitete sie auf dem Weg zum finalen Friedenswunsch. (Stefan Ender, DER STANDARD, 17.6.2013)

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