Zugangsregeln zwischen Vernunft und Schikane

Kommentar der anderen16. Juni 2013, 18:09
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Die Mittel sind knapp, die Universitäten sollen besser planen können. Aber wie sollen sich beispielsweise Studienwerber registrieren lassen, wenn sie noch gar nicht maturiert haben?

Die künftigen Generationen der Studierenden sehen sich an unseren Universitäten mit einer radikalen Verkürzung der Planungszeit für ihre Studienvorhaben konfrontiert: Wer etwa beabsichtigte, im kommenden Studienjahr 2013/14 ein Fach im Studienfeld Wirtschaftswissenschaft zu belegen und sich nicht bis exakt 23.59 Uhr des letzten Maitages an einem österreichischen Standort registriert hat, kann dieses Fach im gesamten Studienjahr auch schon wieder vergessen. Ein Studieneinstieg im Sommersemester ist nicht mehr vorgesehen.

Gesetzlicher Hintergrund dieser Neuerung ist die letzte Novelle des gültigen Universitätsgesetzes (UG 2002), die den Universitäten ein Mehr an Planungssicherheit bieten möchte, den Studierenden aber ungeahnten Planungsstress zumutet. Nach den bereits etablierten Aufnahmeprüfungen für die Psychologie und die Publizistik sieht die Novelle bei Überschreitung der Kapazitätsgrenzen vergleichbare Aufnahmetests auch für Wirtschaftswissenschaft, Architektur, Biologie, Pharmazie und Informatik vor.

Erwartbare Ergebnisse

Doch die TU Wien und die Uni Wien für die Informatik haben schon im Vorfeld auf diese Tests verzichtet. Jetzt verfügen wir auch über die ersten Registrierungsergebnisse: Bis auf drei "Ausreißer", nämlich die " Betriebswirtschaft" und die "Internationale Betriebswirtschaft" der Uni Wien sowie das Fach "Wirtschaft und Recht" der Uni Klagenfurt, sind die Registriertenzahlen an den anderen Standorten - wie erwartet - deutlich unter den angebotenen Studienplätzen geblieben.

Wem dient also die genannte UG-Novelle? Vernünftig bleibt ihr erklärtes Hauptziel, durch Studienplatzfinanzierung eine Verbesserung der Ausbildungsqualität zu sichern. Sehr vernünftig auch die Beschränkung der Aufnahmetests auf Standorte mit Registriertenzahlen jenseits der Kapazitätsgrenzen. Und grundvernünftig die Eröffnung eines möglichen Wechsels der Standortregistrierung bei Überbuchung eines Faches in der Nachregistrierungsphase. Kapazitätsorientierte Umverteilung der Studierenden auf die österreichischen Standorte eben.

Die Grenzen ihrer Ratio erreicht die Novelle aber dort, wo sich Reste einer im Universitätsbereich wenig bewährten Deregulierungsideologie durchgesetzt zu haben scheinen: Wie können Rektorate im autonomen Entscheidungsbereich das Ende von Registrierungsfristen so setzen, dass die Mehrzahl der mit dem neuen Ehrentitel versehenen "Studienwerberinnen" und "Studienwerber" noch nicht einmal die Matura abgeschlossen haben kann? Wie können nicht zu beurteilende Online-Self-Assessments zur Selbsteinschätzung der Studienwahl in Verordnungen zu einem "Teil der Aufnahmeprüfung" werden und so Registrierungsgebühren als Prüfungsgebühren scheinbare Rechtfertigung erfahren? Wieso variieren die Anforderungen an allen Standorten, obwohl im Sekundarschulbereich längst konsensual nach überregional vergleichbaren Standards (Zentralmatura) gesucht wird? Wieso werden von den bereitgestellten Studienplätzen Incoming-Studierende der Erasmus-Austauschprogramme ohne adäquate Berücksichtigung der Outgoing-Studierenden einfach abgezogen, obwohl wir es hier sehr oft mit einem Nullsummenspiel der Studierendenmobilität zu tun haben? Hier zeigt die Novelle einigen Nachschärfungsbedarf.

Die Verhinderung eines ideologisch motivierten Missbrauchs von Bestimmungen ist Teil jeder guten Gesetzgebung. Gerade die Neuformulierung der Bedingungen der Studieneingangs- und Orientierungsphase (STEOP) für die verbleibenden Fächer sollte unter Berücksichtigung des Umstandes zu denken geben, dass auch unsere Universitäten mitunter ein politisches Schlawinertum beherbergen, dem Gesetzesumgehung und die Feier legistischer Lücken nicht fremd sind.

So hat etwa eine auf Belegschaftsebene nicht mehrheitsfähige Senatsmehrheit an der Uni Wien in der vergangenen Funktionsperiode Lehrende wie Studierende zur Bedienung dümmlich-elitistischer Weltbilder mit einer Serie schikanöser STEOP-Bestimmungen eingedeckt und deren Arbeit sachwidrig erschwert. Gegen den einstimmigen Beschluss der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät als der größten der Universität wurden nur noch Modulprüfungen für die STEOP zugelassen, die gesetzlich mögliche zweite Prüfungswiederholung untersagt, obwohl ein Nichtbestehen eine lebenslange Zulassungssperre der Studierenden am Standort zur Folge hatte. Ergänzt wurden diese Schikanen durch die satzungswidrige Reduzierung der dort vorgesehenen drei Modulprüfungstermine im Semester auf zwei. Dieser blamablen Senatspolitik hat nun gerade die genannte UG-Novelle ein Ende gesetzt, indem sie den dritten Prüfungsantritt generell für verbindlich erklärt und die lebenslange Sperre durch eine Wiederzulassung nach 3 Semestern ersetzt hat.

Ausbaufähige Ansätze

Fazit: Die neuen Studienzugangsbestimmungen bedürfen zwar noch einiger Nachschärfungen, bieten aber durchaus Ansätze zur Verbesserung der Ausbildungsbedingungen an unseren Universitäten. Gemeinsam mit den bisher vorliegenden Registrierungsergebnissen zeigen sie, dass ein kontrolliert erfolgender offener Hochschulzugang in unserer wohlhabenden Republik weitere Planungsverbesserungen verdient. Dass dieser auch noch besser finanziert werden kann, bleibt hinzuzufügen. (Karl Ille, DER STANDARD, 17.6.2013)

Karl Ille ist Assistenzprofessor am Institut für Romanistik der Uni Wien, Betriebsrat für das wissenschaftliche Personal und Mitglied der Fakultätskonferenz der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät.

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