"Call of Juarez: Gunslinger" im Test: Shoot-out im Wilden Westen

Test23. Juni 2013, 12:00
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Techland bringt einen kurzen, aber unterhaltsamer Shooter mit Cowboy-Flair

Billy "The Kid", Jesse James und die Dalton-Brüder. Sie zählen zu einer ganzen Reihe an Western-Legenden, deren heroische bis schreckliche Taten sich bis heute in Folklore und popkulturellen Erzeugnissen wiederfinden. Aber nur einer hat sie alle persönlich gekannt: Kopfgeldjäger Silas Greaves, der auf der Suche nach dem Mörder seiner Brüder ist. Dessen Geschichte erzählen die Entwickler von Techland in ihrem Western-Shooter "Call of Juarez: Gunslinger".

Abschied von den McCalls

Bei "Call of Juarez" dürften erfahrene Shooter-Spieler aufhorchen. Ja, "Gunslinger" ist der vierte Teil der Serie, entkoppelt sich aber handlungstechnisch von ihr. Teil eins und Teil zwei ("Bound in Blood") erzählten die dramatische Geschichte der Brüder William, Thomas und Ray McCall nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Die dritte Iteration, "The Cartel", verfrachtete die Handlung kurzerhand ins Jahr 2011. In der Rolle eines Nachfahren, Ben McCall, schoss man nun auf Drogenbanden statt Soldaten, Cowboys und Indianer. Im Gegensatz zu den zwei Vorgängern, die für ihre spannend erzählte Handlung und wunderschönen Landschaftsinszenierung gelobt wurden, haperte es bei diesem Spiel aber gleich an mehreren Enden, so dass nicht mehr als ein durchschnittliches Produkt mit bekanntem Namen übrig blieb.

Zurück in den Wilden Westen

"Gunslinger" soll nun an alte Stärken anknüpfen. Es entführt zurück ins 19. Jahrhundert, in einen Saloon, in dem Silas Greaves seinen gebannten Zuhörern eine Heldentat nach der anderen auftischt. Die Inszenierung übernimmt der Spieler und bricht gleich zu Beginn mit Unterstützung von Billy "The Kid" aus einem Gefängnis aus. Schnell wird klar: "Call of Juarez" ist ein Shooter der alten Schule geblieben.

Schleicheinlagen gibt es faktisch nicht. Was zählt, sind Zielvermögen und gute Reflexe, denn an der Gegnerzahl wird selten gespart. Wird die Situation zu wild, hilft der Concentration Mode, in dem die Gegner sich in Zeitlupe bewegen und einen Schießbudenfiguren-Look erhalten.

High Noon

Hat man sich aus dem Gefängnis von Lincoln (Kentucky) herausgeballert und das rettende Pferd erreicht, steht auch schon das erste Duell (nach jenem im Tutorial) an. Denn der gute Sheriff Bob Ollinger ist über den Diebstahl seiner Lieblings-Shotgun nicht übermäßig erfreut.

Für "Call of Juarez"-Kenner nichts Neues: Stets den Gegner im Auge und die Hand am Abzug behaltend, gilt es, im entscheidenden Moment schnell zu reagieren, um dem Widersacher flott eine Kugel in den Pelz zu jagen. Ist man ehrhaft, reagiert man auf den Gegner, zieht man zuerst, wird das als Feigheit gewertet. Eine Entscheidung, die mitunter schwer fällt, wenn man zum fünften Mal in Folge vom gleichen Unhold niedergestreckt wird.

Verschiedenen Gegnern hat man auch Boss-Kämpfe spendiert, die halbwegs abwechslungsreich gestaltet sind. Einmal gilt es, einen Dynamitverrückten mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, ein andermal muss man sich Deckung um Deckung vorarbeiten, um nicht vorschnell von Distanzschüssen niedergemäht zu werden. Bisweilen werden auch Kampf und Duell kombiniert.

Geradeaus

Alternative Lösungswege oder ausufernde Levels bietet das jüngste "Call of Juarez" nicht. Im Wesentlichen arbeitet man sich von "Schlauch" zu "Schlauch". Kleinere Umwege dienen maximal dem entdecken von zusätzlicher Munition und Bewaffnung oder "Nuggets of Truth", Sammelkarten, die historische Hintergründe zu berühmten Western-Figuren enthalten und beispielsweise offenbaren, dass "The Kid" seinen blutrünstigem Ruf hauptsächlich seinem Mörder zu verdanken hat.

Diese Designentscheidung hat man bei Techland aber ganz bewusst getroffen und geht entsprechend intelligent und humorvoll damit um. So ist schnell zu merken, dass das Erinnerungsvermögen des alten Silas Greaves nicht mehr hundertprozentig zuverlässig ist und der Mann einen dezenten Hang zur Übertreibung kultiviert hat.

Teilweise spielt man mehrere Versionen eines Episodenabschnitts, in anderen Fällen ist man bis zum Abschluss eines Kampfes in einem Areal gefangen, ehe sich Greaves danach doch an einen Ausweg erinnert, der dann plötzlich ins Bild wächst. Dazu gesellen sich eine Reihe von Quicktime-Events.

Level-up

Die Gegner in diesem Wildwest-Shooter bewegen sich recht berechenbar durch das Areal. Sie stürmen nur in den seltensten Fällen direkt auf den Spieler ein, suchen dafür meist Deckung und probieren vereinzelt, den Helden zu flankieren. Mit etwas Übung stellen sie aber nur in großer Zahl eine ernsthafte Bedrohung dar.

Für jeden Abschuss erhält man Erfahrungspunkte. Einen Bonus gibt es für Abpraller, Kopfschüsse und Ähnliches. Ist man schnell genug, gibt es Kombo-Zusatzpunkte. Bei Erreichen eines neuen Levels darf man seine Fertigkeiten erweitern und dabei aus den Kategorien "Ranger", "Trapper" und "Gunslinger" wählen. Die Achievements reichen von mehr Munition bis zu neuen Waffen (das Arsenal ist insgesamt sehr überschaubar) und der Fähigkeit, zwei Pistolen auf einmal zu bedienen.

Launige Legenden

Im Gegensatz zu Teil eins und Teil zwei ist "Gunslinger" kein "ernsthaftes" Spiel, sondern eine launige Erzählung. Untermalt wird das mit allerlei Binsenweisheiten, Kommentaren und flotten Sprüchen, die der Protagonist auf seine Zuhörer loslässt. "God creates men, Samuel Colt makes them equal", um nur einen zu nennen.

In technischer Hinsicht kann man dem Titel kaum etwas vorwerfen. Die mit der Chrome-5-Engine realisierte Grafik mag das heutige Limit zwar nicht mehr ausreizen, trotzdem ist es Techland gelungen, absolut stimmungsvolle Städte und Landschaften zu inszenieren. Obwohl die Levelgrenzen oft eng gehalten sind, entsteht durch schön gestaltete Kulissen oft ein wunderschöner Eindruck der Weitläufigkeit. Zwischenhandlung wird entweder in Spielgrafik oder als Comicsequenz dargeboten.

Auch akustisch wird solide Arbeit abgeliefert. Musik, Soundeffekte und Gegnergeschrei sowie Greaves' Narration fügen sich gut ins Geschehen ein. Bugs sind kaum vorhanden und betreffen, wie so oft, die Kollisionsabfrage.

Nicht frustfrei

Die eine oder andere Schwäche bleibt jedoch nicht verborgen. So vermag die schwerfällige Duell-Steuerung mitunter Frustration auszulösen, und vereinzelt liegen die Checkpoints des Spiels zu weit auseinander. Eine normale Speicherfunktion gibt es leider nicht. Das eine oder andere zusätzliche Gegneroutfit hätte dem Spiel auch gut getan, denn insbesondere bei Auseinandersetzungen mit vielen Widersachern schleicht sich schon einmal visuelle Monotonie ein.

Über die Story hinaus fordert ein Arcademodus heraus. Hier gilt es, so schnell wie möglich verschiedene Levelabschnitte zu absolvieren. Auf einen Multiplayer-Modus wurde verzichtet. Der Wiederspielwert von "Gunslinger" ist folglich nicht besonders hoch.

Fazit

Insgesamt liefert das jüngste "Call of Juarez" aber durchwegs gute Unterhaltung. Je nach Übung darf man nach vier bis acht Spielstunden zwischen einem von zwei Enden wählen. Als Nebenunterhaltung lassen sich die Duelle des Spiels hintereinander mit limitierten Versuchen spielen.

Die magere Substanz ist in Relation allerdings verschmerzbar, denn der Titel wird für PC, Xbox 360 und PS3 um knapp 15 Euro verkauft. Liebhabern der Reihe und Freunden leichter Shooter-Kost wie "Duke Nukem" und "Serious Sam" darf man eine klare Empfehlung aussprechen. (Georg Pichler, derStandard.at, 21.6.2013)

(Video: "CoJ: Gunslinger" - Trailer)

  • Call of Juarez: Gunslinger
Von: Ubisoft/Techland
Für: PC, Xbox 360, PS3
UVP: 14,99 Euro
    foto: ubisoft

    Call of Juarez: Gunslinger

    Von: Ubisoft/Techland

    Für: PC, Xbox 360, PS3

    UVP: 14,99 Euro

  • Einmal mehr entführt die "Call of Juarez"-Reihe in idyllische Wildwest-Landschaften.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Einmal mehr entführt die "Call of Juarez"-Reihe in idyllische Wildwest-Landschaften.

  • Auch die vereinzelten Innenabschnitte sind stimmungsvoll umgesetzt.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Auch die vereinzelten Innenabschnitte sind stimmungsvoll umgesetzt.

  • Im Concentration-Mode verlangsamt sich die Zeit und Gegner werden wie Schießbudenfiguren markiert.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Im Concentration-Mode verlangsamt sich die Zeit und Gegner werden wie Schießbudenfiguren markiert.

  • Darf nicht fehlen: Die Gatling-Gun.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Darf nicht fehlen: Die Gatling-Gun.

  • Darf auch nicht fehlen: Duelle.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Darf auch nicht fehlen: Duelle.

  • Über Personality verfügen nur die Endgegner, nicht aber die Massen an anonymen Cowboys und Indianern, die man auf dem Weg zu ihnen bezwingt.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Über Personality verfügen nur die Endgegner, nicht aber die Massen an anonymen Cowboys und Indianern, die man auf dem Weg zu ihnen bezwingt.

  • Einige Zwischensequenzen werden in Comicgrafik umgesetzt.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Einige Zwischensequenzen werden in Comicgrafik umgesetzt.

  • Gewonnene Erfahrungspunkte lassen sich in einen simpel gehaltenen Skilltree investieren.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Gewonnene Erfahrungspunkte lassen sich in einen simpel gehaltenen Skilltree investieren.

  • Das Spiel bringt wenige harmlose Bugs mit. Ein typisches Phänomen sind tote Gegner, die vereinzelt in Wänden, Gegenständen oder dem Boden versinken.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Das Spiel bringt wenige harmlose Bugs mit. Ein typisches Phänomen sind tote Gegner, die vereinzelt in Wänden, Gegenständen oder dem Boden versinken.

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