Der Volksfestkanzler der Herzen

16. Juni 2013, 17:32
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Matter Sonderparteitag kürt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zum Spitzenkandidaten. "20 Prozent oder mehr" sind sein Ziel. In der endlosen Stiftungsaffäre um Martin Graf verteidigt Strache weiter den Dritten Nationalratspräsidenten: "Graf hat nicht betrogen"

Linz - "Haben Sie die Begeisterung nicht gespürt, die Standing Ovations nach meiner Rede nicht gesehen? Vielleicht waren Sie ja auf einem anderen Parteitag" - vorsichtige Fragen nach einer eingeschränkten Euphorie in den blauen Reihen verträgt Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache weniger gut. Vor allem dann nicht, wenn der FPÖ-Chef nach einer gut eineinhalbstündigen Rede noch sichtbar auf der Kanzlerwolke schwebt. Da sind Fragen nach der blauen Befindlichkeit ganz offensichtlich unerwünscht. Berechtigt sind sie dennoch. Denn stimmungsmäßig geht es wohl auf jedem kleinen Bezirksparteitag mehr ab als beim "Sonderparteitag" der Bundes-FPÖ vergangenen Samstag im Linzer "Designcenter". Die schweren Wahldämpfer der vergangenen Wochen sitzen scheinbar noch tief.

Keine Angst vor Big Spender

Vor genau zwei Jahren, im Juni 2011, da war die blaue Welt am Parteitag in Graz noch heil: bis zu 29 Prozent in den Umfragen und damit den Sprung auf Platz eins geschafft. Doch in den letzten zwei Jahren hat sich viel getan auf dem blauen Planeten: bittere Wahlergebnisse, daraus resultierende Personaldebatten und ein kanadischer Milliardär, der gerne im blauen Wählerpool fischt. Heinz-Christian Strache bleibt im Gespräch mit dem STANDARD dennoch gelassen: "Ich habe mich auch nicht vor dem Haider als Mitbewerber gefürchtet. Warum soll ich mich dann vor dem Stronach fürchten? Vor allem sind unsere Inhalte deutlich besser."

Die Last der jüngeren Parteigeschichte und die auffallend karge Inszenierung lassen am Sonderparteitag in Linz unter dem Motto "Mit uns wird's gerecht" trotzdem keine Aufbruchsstimmung zu. "Vollgas" wünscht sich der Parteichef bis zur Nationalratswahl am 29. September. Doch vorher gilt es, an der Basis die Handbremse zu lösen. Am Samstag gelingt dies nur sehr bedingt: Lustlos werden die Österreichfahnen geschwungen, verhalten ist der Zwischenapplaus, und diskutiert wird unter den Delegierten mehr an der Kaffeebar im Foyer als im Veranstaltungsaal.

Geschlossen schickten die Anwesenden aber dann dennoch den Chef der Freiheitlichen offiziell als Spitzenkandidat ins Wahlrennen. Mit einem klaren Ziel: "20 Prozent oder mehr." Das Votum zum Spitzenkandidaten hatte übrigens Seltenheitswert, denn die Delegierten stimmten in einem offenen Wahlvorgang ab. Worin sich wohl auch die nur zwei Gegenstimmen begründen dürften. Und überhaupt ist für Strache bereits lange vor dem Wahlgang eines klar: "Bei den Volksfesten bin ich schon der Kanzler der Herzen." In seiner durchaus emotionalen Rede merkte Strache dann auch an, er habe "nie einen ausländerfeindlichen Wahlkampf gemacht". Vielmehr mache er "inländerfreundliche" Politik.

Die "inländerfreundlichen" Passagen sorgten dann auch beim Parteitag für ein kurzes Stimmungshoch: Der FPÖ-Chef wetterte erwartungsgemäß gegen "Asylbetrüger", welche einen Großteil der Flüchtlinge ausmachen würden und selbst davor nicht abschreckten, in einer christlichen Kirche wie der Votivkirche zu "campen" und diese zu "entweihen". Ansonsten setzte es den gewohnten verbalen Rundumschlag, wobei vor allem SPÖ und ÖVP das meiste "blaue Fett" abbekamen.

Doch es blieb noch genug für "den Frankie aus Kanada". Strache: "Wenn ich in Österreich keine Steuern zahle, dann kann ich leicht den Big Spender spielen."

Eine Zusammenarbeit mit dem Team Stronach will Strache aber auf STANDARD-Nachfrage dennoch nicht ausschließen: "Ich schließe überhaupt keine Zusammenarbeit mit irgendjemandem aus. Ich werde mit jedem reden aus der Position der Stärke - aber ich stelle den Kanzleranspruch."

Strache hält zu Graf

Ein für die FPÖ besonders heikles Thema wurde von Strache in der offiziellen Rede ausgespart: die Stiftungsaffäre rund um den Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf. Das Oberlandesgericht Wien bescheinigt Graf in seiner ehemaligen Rolle als Stiftungsvorstand der Privatstiftung der 90-jährigen Pensionistin Gertrud Meschar "grobe Pflichtverletzungen". Laut dem Urteil hätten die drei Stiftungsvorstände Maßnahmen ergriffen, die "ein sorgfältiger Geschäftsleiter in dieser Situation keinesfalls ergreifen würde".

Strache sieht kein Vergehen Grafs: "In drei von vier eingeklagten Punkten hat Martin Graf recht bekommen. Materiell wurde somit eindeutig festgestellt: Martin Graf hat nicht betrogen und nichts Rechtswidriges gemacht. Im vierten Punkt wurde lediglich festgestellt, dass der Verkauf der Aktien zum Ankauf von Immobilien eine schlechte Entscheidung gewesen ist - was ich persönlich in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht nachvollziehen kann." (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 17.6.2013)

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    FPÖ-Chef Strache und sein Kanzleranspruch: Nach der Wahl will er mit jedem reden - und zwar "aus der Position der Stärke".

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