Welle von Angriffen in Großbritannien

16. Juni 2013, 17:49
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Droht in Großbritannien eine Spirale von Gewalt zwischen Islamisten und Rechtspopulisten? Die Londoner Polizei kündigt verstärkte Präsenz an. Das Attentat von Woolwich gilt als Auslöser der Hass-Aktionen

Bei der englischen Polizei wächst die Besorgnis über eine Eskalation von Gewalt zwischen muslimischen Extremisten und der rechtspopulistischen English Defence League (EDL). Vor einer Woche wurden sechs Islamisten aus Birmingham im Alter zwischen 23 und 31 Jahren zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Sie wollten Teilnehmer einer EDL- Demonstration mit selbstgebastelten Bomben, Pistolen und Messern angreifen, kamen aber zu spät.

Unterdessen registriert die Polizei seit dem Soldatenmord mit islamistischem Hintergrund in Woolwich eine Welle von Angriffen auf Muslime. Anfang Juni wurde in Nord-London ein somalisches Gemeindezentrum in Brand gesetzt, unter Verdacht stehen EDL-Leute. Religiöse Einrichtungen würden bis auf weiteres "rund um die Uhr" bewacht, kündigte der Londoner Polizeipräsident Bernard Hogan-Howe an.

Bis zu 35.000 Männer

EDL ist heute ein loser Verband von bis zu 35.000 überwiegend weißen jungen Männern. Die Gründung der "Verteidigungsliga" im Jahr 2009 geht auf eine Demonstration zurück, bei der einige Dutzend islamistische Fundamentalisten gegen eine Parade für Afghanistan-Veteranen protestierten. Organisator war Hassprediger Anjem Choudary von der mittlerweile verbotenen Extremistenorganisation Al-Muhajiroun.

Aus Choudarys Umfeld kam auch einer der mutmaßlichen Tatverdächtigen von Woolwich. Zwei Islamisten hatten vor drei Wochen den 25-jährigen Soldaten Lee Rigby vor einer Kaserne mit einem Auto angefahren und dann mit Messern auf ihn eingestochen. Nach der Tat ließen sie sich von Passanten filmen. Beim Eintreffen der Polizei gingen sie auch auf diese los. Das Duo sitzt in Haft.

EDL-Führer Tommy Robinson prangerte kürzlich via BBC an, dass Hassprediger Choudary auf freiem Fuß bleibt. "Wir würden solche Leute in Gewahrsam nehmen", teilte der wegen Körperverletzung vorbestrafte 30- Jährige mit. Robinson ruft gern zu Demonstrationen in Städten mit großen Migranten-Gruppen wie Birmingham oder Leicester auf.

"Widerliche und hetzerische Beleidigungen" der EDL

Die Propaganda der EDL enthalte "widerliche und hetzerische Beleidigungen" gegen Muslime, stellte der Richter beim Prozess gegen das Terror-Sextett von Birmingham fest. "Ungesetzliche Gewalt als Antwort darauf ist jedoch keine Option", sagte Nicholas Hilliard bei Verurteilung der Männer zu Freiheitsstrafen von bis zu 19,5 Jahren. Die teilweise vorbestraften Männer wollten vor Jahresfrist eine EDL-Kundgebung in Dewsbury (Grafschaft Yorkshire) gewaltsam sprengen. Weil sie verspätet dort ankamen, zogen sie unverrichteter Dinge wieder ab, gerieten jedoch auf der Heimreise in eine Routinekontrolle der Verkehrspolizei.

Richter Hilliard wies darauf hin, dass die jungen Muslime durch "eine Flut von im Internet frei erhältlichem Material", darunter die Terroristen-Postille Inspire, radikalisiert worden seien.

Die Regierungskoalition in London diskutiert derzeit intensiv darüber, ob Polizei und Geheimdienste besseren Zugriff auf Telefon- und Internetdaten brauchen. Einen entsprechenden Gesetzentwurf der konservativen Innenministerin Theresa May hat der liberale Vizepremier Nick Clegg unter Hinweis auf Datenschutz und Bürgerrechte blockiert. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 17.6.2013)

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    Ein muslimisches Gemeindezentrum in Nord-London ist Anfang Juni niedergebrannt. Es besteht der Verdacht, dass die English Defence League (EDL) den Brand gelegt hat.

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