Design von iOS 7 entzweit die Apple-Fans

15. Juni 2013, 10:30
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Hardware-Designer Jony Ive gab dem mobilen Betriebssystem einen neuen Look

„Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas von Apple wirklich hässlich finde", sagt Tim Pritlove, Gastgeber des Podcasts Mobile Macs mit mehreren Tausend Hörern. Pritlove ist bekennender Apple-Fan – doch von der Design-Entscheidung zum neuen Betriebssystem für iPhone und iPad ist er „geschockt", wie er sagt.

Podcast-Mitstreiter Ruotger „Roddi" Deecke kritisiert, wegen der neuen Optik sei nicht mehr erkennbar, was ein Button ist und was nur Text ohne jede Funktion. Das sorge für ein verwirrendes Aussehen ohne Struktur.  Zudem sind Buttons mit Symbolen deutlich platzsparender als Worte – insbesondere, wenn diese auch noch auf Deutsch übersetzt werden. Die Übersetzung ist auch nicht immer gelungen – zumindest in der aktuell verfügbaren Testversion (Beta) von iOS 7: Die Option zum Verschieben einer E-Mail in den Spam-Ordner wird beispielsweise als „In ‚Werbung' bewegen" übersetzt.

Auch ganz praktische Probleme werden an dem neuen Design kritisiert: Die neuen einfacheren Icons im flachen Design lassen sich weniger gut unterscheiden als die alten Icons – ein Vorwurf, der häufig auch Windows Phone gemacht wird, wo von Anfang an auf ein flaches Design gesetzt wurde.

Die Apple-Fans von „Mobile Macs" sind nicht die einzigen, die sich vor den Kopf gestoßen fühlen. In einem Tumblr-Blog sammelt beispielsweis ein Blogger die harsche Kritik von Designern auf Twitter an dem iOS-Design. Allein die schiere Masse der kritischen Twitter-Beiträge ist beeindruckend.

Die Probleme des Designs: Die Icons werden von sehr vielen Nutzern als hässlich empfunden, insbesondere die schrillen Farben. Interaktive Elemente sind nicht mehr ohne weiteres als solches zu erkennen – und vieles, was intuitiv war, ist verschwunden. So erscheint beim Sperrbildschirm beispielsweise nicht mehr der Schieberegler, der eine Bewegung nach rechts andeutet, um den Bildschirm zu entsperren.

Viele erinnert das neue „flachere" Design außerdem stark an die mobile Konkurrenz von Windows Phone und Android. Der Trend zu flacheren Designs – also der zunehmende Verzicht auf 3D-Elemente – ist jedoch ein breiter Trend in der IT-Branche, der schon seit Jahren zu beobachten ist.

Waren die ersten Reaktionen im Netz auf das Video bei der Präsentation von iOS 7 auf der WWDC noch überwiegend positiv, hat sich die Stimmung inzwischen gedreht, nachdem viele Entwickler das neue Betriebssystem in einer Testversion auf ihr iPhone geladen haben. Was im Video noch schick inszeniert war, wirkt für viele in der Benutzung nun seltsam inkonsistent. Viele gewohnte Interaktionen der iPhone- und iPad-Nutzer funktionieren nun nicht mehr – wer beispielsweise wie bisher im E-Mail-Programm die Möglichkeit nutzen will, mit einem Klick auf die obere Leiste nach oben zu scrollen – wird durch die nun dort befindlichen Textbefehle gestört.

Es gibt aber auch Verteidiger des neuen Designs. Der einflussreiche Apple-Blogger John Gruber schrieb beispielsweise kurz nach der Präsentation: „Niemand hat in Frage gestellt, dass Jony Ive ein Hardware-Design-Team führen kann. Ob er allerdings auch ein Softwaredesign-Team leiten kann, war die größte Frage, die Apple die vergangenen acht Monate beantworten musste. [...] Die Antwort ist ein lautes ‚Ja'." Das neue Design zeichne sich durch Regeln aus – und durch freiwilligen Verzicht.

Ive selbst beschreibt das neue Design so: "Es gibt eine tiefe und dauerhafte Schönheit in der Einfachheit von Design, Klarheit und Effizienz. Wahre Einfachheit wird von so viel mehr als nur der Abwesenheit von Unordnung und Verzierung abgeleitet – es geht darum Ordnung in die Komplexität zu bringen". iOS 7 sei eine klare Repräsentation dieser Ziele. "Es hat eine völlig neue Struktur, die einheitlich ist und über das gesamte System angewendet wird."

Auch Peter Alguacil argumentiert bei medium.com für das neue Design. Apple würde iOS als integraleren Teil des Geräts behandeln. Statt Dinge aus der nichtvirtuellen Welt mit 3D-Optik, Schatten und Texturen wie Holzmaserungen nachzuahmen, verzichte das System auf Metaphern – und werden daher eher als immanenter Teil des Geräts wahrgenommen. Apple-Chefdesigner Jony Ive ist als entschiedener Gegner vom sogenannten Skeuomorphismus – Anspielungen auf die nichtvirtuelle Welt im Digitalen – bekannt. Scott Forstall, der vor Ive für das Design verantwortlich war, musste nach dem Desaster um Apple Maps gehen.

Apple-Nutzer gelten als besonders Update-freudig. Erst bei der jüngsten WWDC betonte das Unternehmen, dass rund 93 Prozent der iPhone-Nutzer die aktuelle Version iOS 6 installiert hätten. Mit iOS 7 könnte sich das dank des radikalen Designbruchs erstmalig ändern. (Stephan Dörner, WSJ.de/derStandard.at, 15.06.2013)

  • iOS7
    foto: screenshot: apple.com

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