Korruptionsaffäre in Tschechien: Prager Realsatire

Kommentar14. Juni 2013, 18:38
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Präsident Zeman hat gleich nach seiner Wahl die Legitimität der Regierung Necas infrage gestellt

Ein dem Alkohol nicht abgeneigter Staatspräsident, der auf den abstinenten Diktator Hitler verweist und sich indirekt mit dem trinkenden Demokraten Churchill vergleicht, der den Krieg gewonnen habe; ein Regierungschef, der von ganz normalen Abmachungen spricht, wenn widerspenstige Abgeordnete für lukrative Posten auf ihr vom Wähler erteiltes Mandat verzichten: Bei den realen Verhältnissen in Tschechiens politischer Klasse muss einem selbst der kreativste Satiriker leidtun.

Auch wenn natürlich für alle Verdächtigen einschließlich der Bürochefin des Premiers die Unschuldsvermutung gilt: Was sich nach der Großrazzia und den bisherigen spärlichen Informationen erahnen lässt, dürfte selbst Kenner der Verhältnisse überraschen. Noch überraschender ist nur, dass es überhaupt zu dieser massiven Polizeiaktion gekommen ist. Das beantwortet freilich noch nicht die Frage, ob ihr der Mut unabhängiger Ermittler oder weniger noble Absichten anderer Mitspieler zugrunde liegen.

Faktum ist, dass Präsident Milos Zeman gleich nach seiner Wahl die Legitimität der Regierung Necas infrage gestellt hat. Nun kommt ihm dabei der Zufall zu Hilfe. Doch der Zufall trifft nur den Vorbereiteten, heißt es. Dass es in diesem Fall der Mann an der Spitze des Staates ist, der das verfilzte politische System des Landes geradezu idealtypisch personifiziert, ist die schönste Pointe in dieser Realsatire. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 15.6.2013)

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