"Wir brauchen Leute, die kreativ denken"

Interview14. Juni 2013, 18:23
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Nächste Woche findet das 4. Schülertheatertreffen am Burgtheater statt. Zu den ausgewählten Gruppen zählt auch das Borg Hegelgasse

Margarete Affenzeller sprach mit Lehrer Stephan Engelhardt über Theater als sozialpädagogische Maßnahme und Probenstress.

Wien - Die Theatergruppe von Stephan Engelhard am Bundesoberstufenrealgymnasium in der Wiener Hegelgasse ist heuer mit sechs weiteren Schulgruppen aus ganz Österreich zum Schülertheatertreffen ans Burgtheater geladen. Von Donnerstag bis Samstag konkurrieren ihre im Verlauf des Schuljahres entstandenen Produktionen um den Preis der Jury. Fast zur gleichen Zeit findet auch ein Schülertheaterfestival in Graz statt (www.powerplay-graz.at).

STANDARD: Sind Sie der klassische Bühnenspiel-Lehrer, der Deutsch unterrichtet, sich überaus engagiert und immer Regie führt?

Engelhardt: Überhaupt nicht. Ich habe vor meiner Schullaufbahn am Theater gearbeitet, hab Schauspiel- und Bühnenbilderfahrung, und unterrichte bildnerische Erziehung und Werkerziehung. Ich habe also keine falsche Ehrfurcht und neige nicht zu texttreuen Aufführungen. Mein zweiter Beruf ist Psychotherapeut, das hat Ähnlichkeiten mit dem Regieführen.

STANDARD: Ist Theater ein Unterrichtsgegenstand?

Engelhardt: Ja, als Wahlpflichtfach ist es seit vier Jahren bei uns sogar maturabel.

STANDARD: Die Hegelgasse ist zum zweiten Mal beim Schülertheatertreffen. Welche Erfahrungen haben Sie bzw. die Schüler aus dem ersten Mal mitgenommen?

Engelhardt: Wir haben Schüler mit sehr brüchigen Biografien. Ihre Erfahrung nach dem ersten Mal war, dass sie wichtig und wertvoll sind. Das kann für einzelne Menschen ungeheuerliche Möglichkeiten eröffnen. Andererseits aber auch zu einer narzisstischen Aufladung führen. Beides gibt es: Selbstwertgefühl und Demut.

STANDARD: Menschenbildung?

Engelhardt: Klar. Theater ist eine soziale Übereinkunft, mit der man nur als Team gewinnen kann. Insofern sind wir ein sozialpädagogisches Projekt.

STANDARD: Wie finanzieren Sie die Produktionen?

Engelhardt: Durch eine wichtige Institution, den Österreichischen Kulturkontakt. Wenn ich über diese Wege nicht regelmäßig Schauspieler, Regisseure, Kostüm- und Bühnenbildner einladen könnte, mit uns zu arbeiten, wäre das alles nicht möglich. Denn ein Wahlpflichtfach ist kein Pflichtgegenstand! Wenn ich nicht die Unterstützung vom Fachinspektor hätte, gäbe es keinen Theaterraum.

STANDARD: Wie korrespondiert das mit dem restlichen Unterricht?

Engelhardt: Leider ist unser Schulsystem nicht für geblockten Unterricht eingerichtet. Meine Lehrerkollegen können auf diese Anforderungen kaum reagieren. Ich muss die Geduld meiner Kollegen bis an die Grenzen der Erträglichkeit beanspruchen. Manchmal fällt es ihnen sehr schwer, noch nett zu mir zu sein.

STANDARD: Wie profitieren die Schüler durch die Theaterarbeit?

Engelhardt: Sie entwickeln ihr Selbstmanagement. Oft sind Schüler, die schlechte Leistungen bringen, durch das Theater motiviert und kriegen so tatsächlich die Kurve.

STANDARD: Mehr Theater an den Schulen wäre zu begrüßen?

Engelhardt: Ja, seufz. Bildnerische Erziehung ist fest verankert, Musikunterricht ist fest verankert. Und selbst das wird im neoliberalen Effektivitätswahn schon immer als fragwürdig diskutiert. Bis dann jemand sagt, Moment mal, wir brauchen dringend Leute, die kreativ und vernetzt denken können. Es steht in unserer Maturaverordnung, dass man sich präsentieren können sollte; sie lernen niemals zu sprechen, sie lernen niemals, sich zu bewegen. Ich rede da von sozialpädagogischen Maßnahmen. Das wäre für uns hier so unsagbar wichtig, weil es ein Werkzeug ist, mit dem man Menschen erreicht, die man sonst nicht mehr erreicht. Es geht um die Ausbildung einer Elite, aber auch darum, die Leute zu holen, die sonst nicht mehr erreichbar sind. Es geht aber auch darum, eine Identität zu vermitteln. Die Leute haben keinen Zugang zu Schiller und Goethe. Aber wenn sie's auf der Bühne machen, dann ist die Literaturgeschichte plötzlich über ein physisches Erlebnis nähergerückt. Sie saugen sie auf. Theater ist also eine Vermittlungsstrategie, eine sozialpädagogische Maßnahme und es schafft soziale Kompetenz.

STANDARD: Was halten Sie von der Initiative "Macht Schule Theater" des Unterrichtsministeriums?

Engelhardt: Tolle Sache. Alle haben enorm von den Projekten profitiert. Der einzige Kritikpunkt ist, dass wir das darauffolgende Jahr nicht mehr mitmachen durften. Kontinuität wäre wichtig. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 15./16.6.2013)

Stephan Engelhardt (53) war Schauspieler, bevor er Malerei und Bühnenbild studiert hat. Er ist zudem Psychotherapeut und unterrichtet seit zehn Jahren bildnerische Erziehung und Werkerziehung am Bundesoberstufenrealgymnasium Hegelgasse in Wien.

  • Stephan Engelhardt und die Hegelgasse: Mit "Romeo und Julia" nimmt die Schule heuer zum zweiten Mal Kurs aufs Burgtheater. 
    foto: privat

    Stephan Engelhardt und die Hegelgasse: Mit "Romeo und Julia" nimmt die Schule heuer zum zweiten Mal Kurs aufs Burgtheater. 

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