"Mit hohen Gebühren viel Geld verdient"

Interview14. Juni 2013, 18:09
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Nach dem "atemberaubenden Transfer" von Vermögen an die Finanzbranche hofft William Sharpe auf Kostenbewusstsein bei Anlegern

Standard: Der ehemalige Chef der US-Notenbank Fed, Paul Volcker, meinte einmal, die letzte vernünftige Neuerung im Finanzsektor war der Bankomat. Hat er recht?

Sharpe: (lacht) Ich liebe Paul für solche Aussagen, er ist einer der klügsten Menschen, die ich je getroffen habe. Es stimmt, viele neue Finanzprodukte waren eher für reine Wetten konstruiert und haben der Gesellschaft insgesamt wenig genutzt. Der Transfer des Finanzvermögens von der Wirtschaft in die Finanzbranche war atemberaubend. Das Gewicht des Finanzsektors hat in den vergangenen zwanzig Jahren massiv zugenommen.

Standard:  So mancher Branchenkenner bezeichnet passive Indexfonds, die Anlegern einen günstigen Zugang zum Kapitalmarkt bieten, als eine große Innovation.

Sharpe: Wenn man sich in der Finanzbranche umhört, merkt man, dass sich etwas ändert. Nach 50 Jahren, in denen die Finanzindustrie mit hohen Gebühren das Geld aus den Taschen der Investoren gezogen hat, gibt es jetzt endlich einen Druck auf die Gebühren. Die Menschen werden nun entweder Indexfonds kaufen oder sich schlicht weigern, hohe Gebühren zu zahlen. Ich hoffe, dass das zutrifft.

Standard:  Sie haben gerade in einem aktuellen Forschungspapier die " Arithmetik" der Kosten von Finanzprodukten untersucht. Was ist das Ergebnis?

Sharpe: Wenn ich für meine Pension spare und mit hohen Gebühren veranlage, etwa einen durchschnittlichen aktiven Fonds kaufe, und Sie mit günstigen Indexfonds anlegen, werden Sie um 20 Prozent reicher bleiben als ich. Das ist ein großer Unterschied für die Pension. Es ist wichtig, dass sich Privatanleger über diese Diskrepanz im Klaren sind. Aber egal, wie genau die Einzelbeispiele aussehen, die Unterschiede zwischen günstigen und teuren Finanzprodukten werden tief greifend sein.

Standard:  Welches Problem spielt da der provisionsgetriebene Finanzvertrieb, der von den hohen Gebühren profitiert?

Sharpe: Es ist viel besser, wenn Anleger für unabhängige Beratung bezahlen. Die Alternative ist, dass der Berater zwar nichts kostet, aber sein Geld von teuren aktiven Fondsmanagern bekommt, aber nichts von passiven Indexanbietern. Das ist klarerweise ein perverser Anreiz. Man muss den Konsumenten einfach besser bilden. Er bekommt von seinem Börsenmakler keine gute Beratung. Gute Informationen sind nicht gratis. Viele Finanzprodukte sind darauf ausgerichtet, die psychologischen Fehler der Menschen auszunutzen. Nach Verkaufspräsentationen wissen viele Anleger leider nicht, welche Eigenschaften die Finanzprodukte haben.

Standard:  Aber die Investmenterträge hängen nicht nur an den Kosten. Aktuell sind die Zinsen weltweit sehr niedrig. Was sind die Folgen für Investoren?

Sharpe: Dass man die Erwartungen herunterschrauben muss. Wenn man unabhängigen, umsichtigen Finanzanalysten zuhört, dann zeichnen die ein klares Bild. Mit einem normalen, gemischten Aktien-Anleihen-Portfolio sollte man in dieser Marktlage nicht mit mehr als fünf Prozent rechnen. Die realen Zinsen sind heute drei Prozentpunkte niedriger, also sollte man auch für die übrigen Anlageklassen weniger erwarten. Die meisten Finanzmärkte bieten heute deutlich niedrigere Renditen als noch historisch üblich war.

Standard:  Ändern die niedrigen Anleihenzinsen etwas für die Aktienmärkte? Jahrelang galt die Faustregel, dass man mit Geduld an den Aktienmärkten immer etwas verdienen wird. Gilt das immer noch?

Sharpe: Man kann nicht fix davon ausgehen, dass man in Aktien investiert und zehn Jahre später reich ist. Verluste sind genauso möglich. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, wo die Aktienmärkte in einem Jahr stehen werden. Ich glaube aber fest daran, dass für einen Investor nicht die Erträge auf dem Papier wichtig sind, sondern die realen Erträge, also nach Abzug der Inflation. Doch wenn man sich heute die gebotenen Renditen von inflationsgeschützten Wertpapieren ansieht, sind sie miserabel, in vielen Fällen negativ, für zehn oder sogar 20 Jahre.

Standard:  Aber das bietet ja keinen Anreiz, zu sparen.

Sharpe: In den ersten Seminaren eines jeden Finanzstudiums lernt man etwas über den Zeitwert des Geldes. Menschen wollen in der Zukunft mehr konsumieren, wenn sie heute auf den Konsum verzichten. Daher sollten die Realzinsen positiv sein. Dass wir nun schon länger negative Realzinsen haben, ist überraschend, schockierend und sehr beunruhigend. Heute müssen pensionierte Menschen, die auf die Einkommen ihres Ersparten angewiesen sind, einen massiven Einschnitt ihres Lebensstandards hinnehmen.

Standard:  Was ist Ihre Lösung für diese Probleme?

Sharpe: Wir müssen die Investoren viel besser ausbilden. Nicht jeder, der für seine Altersvorsorge anspart, wird ein Finanzstudium abschließen. Man muss die Menschen aber dazu bringen, dass ihnen klar ist, was ihre finanzielle Zukunft beeinflusst, von laufenden Sparplänen, über den Zinssatz bis zu den Kosten von Finanzprodukten. (Lukas Sustala, DER STANDARD; 15.6.2013)

William Sharpe (78) ist ein US-Wirtschaftswissenschafter. 1990 hat er den Wirtschaftsnobelpreis für seine Beiträge zur Finanztheorie bekommen. Bekannt ist er vielen Anlegern durch die Sharpe-Ratio, eine Finanzkennzahl, die angibt, wie viel Ertrag eine Investition relativ zu ihrem Risiko abgeworfen hat. Seit Jahren forscht Sharpe zu Pensionen und privater Vorsorge. Er ist Mitglied des akademischen Beirats des Gutmann Center an der Wirtschaftsuniversität Wien, das sich mit aktueller Forschung zum Portfolio-Management und der Vermögensverwaltung beschäftigt. Anlässlich des Jahressymposiums des Gutmann Center war er in Wien.

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    foto: standard/sustala

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