"Tristan und Isolde": Orchesterwolke voller Rauschgesänge

14. Juni 2013, 17:31
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Nina Stemme vollführte als Isolde eine Glanzleistung. Regisseur David McVicar setzte auf szenische Statik, Dirigent Franz Welser-Möst auf fulminante Energie

Wien - Nicht dass gehofft wurde, Regisseur David McVicar würde für Tristan und Isolde ein Motelzimmer des 21. Jahrhunderts buchen, worin das Sehnsuchtspaar seine (über ein soziales Netzwerk angeheizte) Liaison im Handstand besingt. Das diskret in ferne Epochen weisende optische Konzept (Ausstattung: Robert Jones) wirkt ja durchaus brauchbar, wenngleich König Marke ein wenig aussah, als wäre er zu einem Drittel pelziger Yeti und zu zwei Dritteln Kardinal.

Von aparter Abstraktheit auch das Ambiente: Feuerrot bezirzt der Mond beim Aufgehen der Liebe; bläulich bezeugt er den Austausch von Zärtlichkeit. Und graue Trauer befällt ihn, so sich die Außenwelt aggressiv in den Liebestraum drängt. Das wirkt auf einer Bühne (welche Lichtstreifen, die den Mondfarben folgen, halbkreisartig definieren) klar und atmosphärisch konsequent. Zumal Schiffswrack, ein vom leuchtfähigen Drahtkranz umrankter Baumstamm und Felshügel die Bildkomposition mehr würzen als dominieren.

In diesem zeitlos angelegten Setting hätte McVicar getrost - bei allem Verständnis für die Rücksichtnahme auf praktisch-akustische und vokale Erfordernisse der Monsterpartien - eine gestische Zeichensprache entwickeln können, die mit der Abstraktion der Bühne elegant korrespondiert.

Hervorgebracht wurde jedoch leider ein häufig nur mit verkrampften Umarmungen beauftragtes Liebespaar an der Rampe. Wobei sich die grotesken Matrosentänze (des ersten Aktes) und das Monty-Python-hafte Gehabe der Ritter wie ein schlechter Opernwitz ornamental um die innere Liebeshandlung winden.

Es war dann Nina Stemme, die nicht nur mit szenischer Intensität das allzu routinierte Regiekonzept torpedierte, das den Vorteil hat, im Alltag nicht altern zu können, da es als Greis auf die Welt kam. Stemmes Intensität wirkte nie mühsam herbeigekämpft. Nicht bei den strahlend und doch energieprall betörenden hohen Dramatönen. Nicht im poetischen Bereich, wo die Linien elegant, intim und nie beiläufig umgesetzt wurden. Eine große Bandbreite der vokalen Gefühle wurde also hörbar.

Peter Seiffert war insgesamt nicht ganz so stark. Trotz kleiner Irritationen im ersten Akt (knapp vor dem Liebestrunk) und ein paar Fragilitäten im zweiten war er in Summe mit seinem metallisch-lyrischen Ansatz indes ein ebenbürtiger Partner, der sich dann im fulminant durchgestalteten dritten Akt auch szenisch steigerte. Ein großes Wagner- Pärchen, um das herum sich Kraftvoll-Solides gruppierte: Janina Baechle (als Brangäne) und Joachim Schmeckenbecher (als Kurwenal), wobei Letzterer einen ausgelassenen, rüpelhaften Tristan-Gefolgsmann gab; einen also, der Charakterkonturen aufwies.

Und natürlich Stephen Milling: Als Marke war er im Monolog ein markant tönender Advokat des schmerzvollen Staunens über das regelsprengende Verhalten Tristans. Respektabel besetzt Melot (Eijiro Kai), Hirt (Carlos Osuna) und Steuermann (Marcus Pelz).

Das orchestrale Unbewusste

Dirigent Franz Welser-Möst modellierte den Vorspielbeginn - mit den drei magischen Noten (a, f, e), die sich sanft in den einst die tonale Tradition erschütternden Tristanakkord ergossen - denkbar diskret. Einmal in Bewegung versetzt, entfaltete das orchestral eingefangene Unbewusste der Figuren dann eine Sogwirkung, die mit nie entgleisender Energie berückte. Wie schwer es ist, der symphonischen Dimension dieser Partitur zu ihrem Recht zu verhelfen und Sängern zugleich das Leben nicht überschwer zu machen, auch das war indes punktuell zu hören.

Klar: ein paar Unsauberkeiten der Holzbläser im Vorspiel. Nicht bis zur letzten Faser klare Streicher zu Beginn des dritten Aktes. Alles nur Petitessen angesichts der insgesamt fulminanten musikalischen Umsetzung eines Werkes, das nur gelingt, so man sich von ihm an eigene Grenzen treiben lässt. Lob für die Sänger (besonders für Nina Stemme), heftige Missfallenskundgebungen für die Regie. Und auch für Welser-Möst gab es die eine oder andere Buhwatsche. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 15./16.6.2013)

18., 22., 26., 30. Juni, 17.00

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    Sorgten überwiegend für besondere Musikintensität: Peter Seiffert (als Tristan), Nina Stemme (als Isolde) und Janina Baechle (als Brangäne, re.).

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