T-Mobile-Chef: "Dein Smartphone ist so gut wie dein Tarif"

Interview14. Juni 2013, 16:00
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Andreas Bierwirth im Interview: Umsätze sollen mit neuen Tarifmodellen stabilisiert werden

Weil Nutzer mobil immer mehr Daten schaufeln und die Umsätze stablisiert werden müssen, brauche es neue Tarifmodelle, sagt T-Mobile-Chef Andreas Bierwirth. Was er an Stromrechnungen schätzt, erklärte er Karin Tzschentke.

STANDARD: Die Mobilfunkbranche sei kaputt, es gebe zu viele Betreiber, die sich einen Preiskampf sondersgleichen böten, waren Ihre Worte bei Ihrer Antrittspressekonferenz vor neun Monaten. Jetzt gibt es einen Betreiber weniger. Besserung in Sicht?

Bierwirth: Die Branche ist noch nicht geheilt. Aber sie erkennt zunehmend, dass die Zukunft der mobilen Kommunikation doch im Bereich der mobilen Daten stattfindet. Ein erster Schritt wurde mit den Go-Tarifen von A1 gesetzt. Es geht weg von All-Inklusive-Paketen, bei denen Daten als Zubrot zum Thema Sprache und SMS verkauft werden, hin zu neuen Datentarifen, bei denen Sprache und SMS das Zubrot sind. Auch wir werden im Juli ein neues Tarifmodell launchen. Ich glaube, das ist ein wesentliches Momentum, dass wir als Industrie den Umsatzverfall in den nächsten Jahren reduzieren können und danach wieder eine Stabilisierung eintritt.

STANDARD: Wie glauben Sie, werden die Kunden das aufnehmen? Sie bekommen jede Menge Sprachminuten und SMS, die sie vielleicht gar nicht nutzen, zahlen aber für für den Datenverbrauch sicher mehr als sie bisher gewohnt waren.

Bierwirth: Das ist eine riesige Herausforderung, dem Konsumenten klar zu machen, was der Tarif eigentlich bietet. Unter 1000 Minuten und 1000 SMS kann sich jeder etwas vorstellen. Jemand begreifbar machen, welche Datenmengen er bei der oder jener Anwendung verbraucht, ist viel schwieriger. Zwei, acht, zehn Gigabyte pro Monat, das ist sehr abstrakt. Wir wollen dem Kunden übersetzen: Schaust du viel Videos über dein Smartphone, passt dieser Datentarif zu dir. Bearbeitest du nur E-Mails damit, passt jener besser. Das Schlagwort für mich ist hier: Dein Smartphone ist so gut wie dein Tarif.

STANDARD: Als Kunde war ich es aber bisher gewohnt, 20 Euro für alles zu bezahlen. Auch wenn ich dann mehr Leistung bekomme, erhöhen sich meine Ausgaben.

Bierwirth: Wenn Sie sagen, ich will Anwendungen nicht nutzen, die teilweise mit der neuen Mobilfunkgeneration LTE erst kommen,  müssen Sie ja auch nicht mehr zahlen. Auf der anderen Seite will der Kunde neue Funktionalitäten von Handy- und Tabletherstellern nutzen, die dazu führen, dass wir quasi mehr Arbeit zu verrichten haben und mehr investieren müssen. Das muss sich auch in den entsprechenden Tarifen abbilden. Das Dilemma unserer Branche ist: Man sieht nur den Preis und nicht, wie viel mehr man bekommen hat. Bei der Stromrechnung ist das anders: Da weiß ich: Je mehr Geräte ich an mein Netz hänge, umso mehr muss ich am Ende zahlen.

STANDARD: Um den gesunkenen Umsatz pro Kunde zu steigern, setzen Sie also auf mehr Datennutzung?

Bierwirth: Wir wissen, dass die Kunden mehr Datendienste beanspruchen werden, weil die Digitalisierung der Gesellschaft voranschreitet. Sie werden am Smartphone möglicherweise fernsehschauen, Geräte im Haushalt werden anfangen miteinander zu kommunizieren.

STANDARD: Sie hoffen darauf,  Orange-Kunden in Magenta umfärben zu können. Spüren Sie bereits eine Marktbewegung?

Bierwirth: Die Marktbewegung wird erst im Sommer so richtig spürbar sein, wenn Orange-Kunden entsprechend wechseln können. Wir gehen davon, dass wir mit den geeigneten internationalen Tarifen einen Teil zu uns rüberziehen zu können. Als internationaler Konzern ist es eigentlich ein Muss, dass wir dieses Segment anfüllen. Wenn wir das nicht tun, müssen wir unsere Stärke in Frage stellen.

STANDARD: Wie steht es mit Ihrem Ausbau für das auf Datennutzung optimierte LTE-Netz?

Bierwirth: Derzeit halten wir bei zwölf Prozent. Wobei die Geräte, die das nutzen können, noch nicht ausgerollt sind. Es hängt zwar auch vom Ergebnis der Frequenzversteigerung im Herbst ab, aber ein Versprechen kann ich klar abgeben: Dass wir mit der gleichen Geschwindigkeit wie der Wettbewerb ausrollen und Ende 2014 mit A1 gleichauf sind.

STANDARD: Das hört sich an, dass Sie bereit sind, viel Geld dafür in die Hand zu nehmen?

Bierwirth:Das müssen wir, denn sonst werden unsere Kunden entsprechend reagieren.

STANDARD: Eine Zeitlang stand Ihre Drohung im Raum, dass Sie in Österreich nicht mehr investieren würden, wenn Sie bei der Frequenzversteigerung schlecht wegkommen.

Bierwirth: Wie Sie wissen, gibt es für alles rund um die Frequenzversteigerung Sprechverbot seitens des Regulators. Ein T in Österreich macht nur dann Sinn, wenn wir die nötige Qualität auf LTE-Ebene bieten können. Wir hoffen natürlich, dass es uns gelingen wird, die entsprechenden Grundlagen dafür zu bekommen. Wenngleich auch das Verfahren schon in anderen Ländern wie der Schweiz etwa dazu geführt hat, dass der am wenigsten bekommt, der am meisten bezahlt hat.

STANDARD: Preis und Netzqualität sind bei allen Anbietern so gut wie kein Differenzierungsmerkmal mehr. Mit welchen Themen kann man als Anbieter bei Kunden dann noch punkten?

Bierwirth: Zum Beispiel mit Beratungsqualität rund um den Kunden, etwa in Shops, in Callcentern. Wir hatten historisch betrachtet zwar einige Zeit teurere Preise und eine schlechtere Netzqualität, aber immer eine gute Beratung. Die werden wir intensivieren. Die Kunden haben immer mehr Geräte, die sie miteinander vernetzen wollen. Wir wollen unterstützen bei Fragen zum Beispiel 'wie integriere ich einen Fernseher von Samsung mit einem iPhone'.

STANDARD: Beratung ist Dienstleistung. Dienstleistung kostet. Und dafür sind Konsumenten meist wenig bereit zu zahlen.

Bierwirth: Der Kunde wird dafür auch nicht zahlen. Aber vielleicht werden dadurch mehr Kunden zu uns kommen. Wir sind zum Beispiel die ersten, die in Österreich einen 1:1 Business-Service anbieten, bei denen sich Unternehmen die Betreuung durch die stets gleichen T-Mobile-Mitarbeiter kaufen können. Die Zahlungsbereitschaft für so einen Service ist teilweise höher als für den Tarif.

STANDARD: Wie geht es mit der Mitarbeiterentwicklung aus?

Bierwirth: Keiner der Anbieter ist derzeit dabei, Mitarbeiter aufzubauen. Wird es einen großen Mitarbeiterabbau geben? Auch nein. Wir werden heuer aber zehn Prozent der Führungskräfte abgebaut haben.

STANDARD: Im Netzbereich gibt es zunehmend Kooperationen zwischen den konkurrierenden Unternehmen. Wenn die Branche in manchen Bereichen kuschelt, könnte das auch als weniger Wettbewerb interpretier werden.

Bierwirth: Die Partnerschaften finden ja nicht auf der preislichen Seite statt. Es geht darum, wie kann ich unter der gegebenen Härte des Wettbewerbs trotzdem zur Wirtschaftlichkeit zurückkommen. Und da sind Partnerschaften auf der Produktseite ein wesentliches Instrument.

STANDARD: Für einen Teil der Schieflage macht die Branche regulatorische Eingriffe auf nationaler und EU-Ebene verantwortlich. EU-Kommissarin Neelie Kroes will Roaminggebühren in der EU ganz abschaffen. Wie nehmen Sie dieses Vorhaben auf?
Bierwirth: Ich finde das spannend. Kroes hat auch gesagt, dass Telekomunternehmen wieder mehr Kraft gegeben werden muss. Weil durch die regulatorischen Rahmenbedingungen enorm viel Investitionskraft aus den Unternehmen rausgesogen worden ist. Wir bereiten uns natürlich vor, dass dieser Markt sich öffnet. Technisch ist das allerdings nicht einfach. (Karin Tzschentke, DER STANDARD Online-Langassung, 14.6.2013)

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    T-Mobile-Chef Andreas Bierwirth

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