"Ich schieße die Vögel jetzt ab"

    Interview14. Juni 2013, 17:53
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    In ihrem Romanerstling beweist Teresa Präauer eine Vorliebe für alles, was fliegt. Ein Gespräch über Ironie, Zeichnen und die Bodenhaftung

    Seltsame Figuren und Federvieh, dazu eine Sprache, mit der sie irritierende und poetische Bilder gestaltet. Teresa Präauers Roman Für den Herrscher aus Übersee (Wallstein-Verlag), 2012 mit dem aspekte-Preis für das beste Debüt im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet, fliegt zu den elementaren menschlichen Erfahrungen.

    STANDARD: Betrachten Sie die Welt gerne von oben herab?

    Präauer: Am liebsten gehe ich auf der Welt herunten auf Flohmärkte, suche nach alten Büchern und sehe mir darin Kupferstiche von alten Reisegesellschaften und Expeditionen an. Wie da die Welt erfasst wird, ist sehr spannend: Es wird vor Ort gezeichnet, dann, wieder zu Hause in Europa, wird das Bild in Kupfer gestochen, aber von jemandem, der selbst nicht dort war. Dieses Bild wird wiederum von Dritten als Vorlage verwendet und weitergereicht: So haben sich zum Beispiel die dargestellten Löwen in kurzschnäuzige Drachenmonster mit treuen Augen verwandelt und sind dergestalt im Lexikon noch als Löwen bezeichnet worden. Das ist so eine Sicht auf die Welt, bei der durch mindestens drei Vermittler etwas Neues geworden ist. - Das Von-oben-Betrachten würde ich gleichwertig sehen mit dem Von-unten-Betrachten.

    STANDARD: Dennoch ist im Roman das Fliegen zentral. Da gibt es eine geheimnisvolle Fliegerin, eine mit dem Flugzeug abgestürzte Japanerin, einen flugbesessenen Großvater und dessen beide Enkelkinder, die von ihm fliegen lernen. Was fasziniert Sie?

    Präauer: Fliegen ist für mich ein Fortbewegungsmittel wie viele andere, ich fliege weder gern noch ungern. In meinem Buch ist es als Klammer zu sehen: Unten üben die Kinder das Fliegen und das Abstürzen, die sind immer sehr bodennah. Dazu gibt's die formal-ästhetische Entsprechung in der Luft. Natürlich spielt es mit dem Traum des Menschen, sich in die Lüfte zu erheben; und ich dachte an die alten Pioniere der Aviatik, die sich in Vogelkostümen den Hügel hinuntergeworfen und ihr Leben riskiert haben.

    STANDARD: Wie die Kinder im Buch.

    Präauer: Ja, wir befinden uns zwischen den vielen Vorstellungen, was menschliches Leben ausmacht und was Utopien sind oder waren, weil wir das Fliegen mit Flugzeugen erreicht haben - und es ist als friedvolle Utopie zerbrochen mit dem Ersten Weltkrieg.

    STANDARD: Es heißt einmal: "Freiheit ist ein Vogel in der Luft und ein Mensch in einem leise schnurrenden Fluggerät."

    Präauer: Da kommt im Buch der Zusatz: "Da hat der große Philosoph schon recht." Diese "Freiheit in der Luft" ist ganz konkret der Gestus des Pathos, den ich imitiere, aber immer schelmisch, aus Sicht der Kinder, die den polternden Ton des Großvaters nachahmen. Der Großvater, der während der Erzählung immer wieder auf den Kopf fällt oder an die Wand rennt, der hat auch große Ideen und scheitert immer, aber es ist kein Scheitern im Sinne der Logik seines Lebens, und ich würde sagen, diese Freiheit ist mit zehn Augenzwinkern zu nehmen.

    STANDARD: Kann Literatur nicht mehr ohne Ironie?

    Präauer: Meine Vorstellung wäre, dass mein Buch viele Facetten einbringt, es gibt auch Stellen, die betrüblich sind, das wechselt sich ab. Eine rein ironisch gemeinte Literatur ist auch uninteressant, ein Literaturdogma finde ich schwer durchzuhalten. Das Erzählte soll vielmehr vibrierend in der Schwebe bleiben, irritieren, sodass man sich fragt: Hä?! Wie ist das jetzt gemeint? Wenn das beim Lesen mitschwingt, freut es mich sehr.

    STANDARD: Ihre Figuren sind seltsame Geschöpfe, vor allem der ambivalente Großvater.

    Präauer: Er ist am ehesten Karl-May-mäßig unterwegs, ein lustvoll- brutaler Münchhausen und Haudrauf, der glaubt, ihm gehört die Welt.

    STANDARD: Er sagt zu den Kindern: "Man muss sich trennen können von dem, was man liebt." Und hackt dem Lieblingshuhn den Kopf ab. Soll Erziehung eine Sache Ihrer Literatur sein?

    Präauer: Nein, überhaupt nicht. Das vordergründig Didaktische ist uninteressant, und auch die Figuren zu psychologisieren interessiert mich überhaupt nicht. Ich habe keine Lust, zu erzählen: Es geht um Herbert, und den drehe ich auf 1000 Seiten und bespiegle ihn als Figur in seinen menschlichen Regungen. Sie sind für mich Statisten: Mir geht es um die Komposition von Bildern. Für den Großvater ist diese seine Art von Erziehung aber etwas Notwendiges, er hat seine eigene Logik, in der er funktioniert.

    STANDARD: Beim Lesen fällt auf, dass das aus der Ich-Perspektive erzählende Kind sehr gewählt, eine Kunstsprache, spricht. Warum?

    Präauer: Ich glaube nicht an den Kindmythos, der in mancher Literatur oder in viel Pädagogik behauptet wird. Es gibt Kindersoldaten, kindliche Kaiser, es gibt Pageants, diese schlimmen Beauty-Contests für Kinder in Amerika. Wie in der Erwachsenenwelt gibt es auch in der Kindheit viel Grauenhaftes wie Heiteres. - Die gestelzten Ausdrücke der Kinder kommen im Text nicht oft vor, und wo doch, dort sind sie ein Nachspielen des Tons der Erwachsenen und bringen eine bestimmte Künstlichkeit bewusst in das Buch. Es sind Desillusionierungswörter, die aus dem Erzählfluss herausstechen. Und gleichzeitig haben sie mit der Lust zu tun, als Kind gerade die Wörter zu wiederholen, die man nicht versteht.

    STANDARD: Die Zustände heute 30-Jähriger interessieren Sie weniger?

    Präauer: Das würde ich nicht sagen, ich mache es nur mit ganz anderen Mitteln. Starke Übersetzungen ins Künstlerische stehen im Vordergrund. Ich glaube, dass die Beschreibung eines Stolperns einen Hügel hinunter und des Sich-dabei-ein-Knie-Aufschlagens sehr viel dazu aussagt - oder die "Japanerin", die aufbricht und sich von den Eltern verabschiedet. Das sind ganz elementare menschliche Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, da gibt's genug Aufbrüche und Abschiede: den Ballast runterzuwerfen und weiterzufliegen und zu wissen: Die Eltern, oder wer auch immer, können da nicht mehr helfen.

    STANDARD: Als Zeichnerin illustrierten Sie das Bilderbuch "Gans im Gegenteil" von Wolf Haas. Zeichnen Sie Ihre Charaktere?

    Präauer: Nein, ich zeichne sie nicht, sie kommen aus Flohmarkt- oder Youtube-Fundstücken, aus Filmen oder Kunst oder aus etwas, was auf der Straße liegt als Müll; das ist das Ausgangsmaterial.

    STANDARD: Wie beeinflussen einander Schreiben und Zeichnen?

    Präauer: Bei mir hängt das stark miteinander zusammen, wer gern in Bildern denkt, kann mit dem Buch sicher viel anfangen. Die Kunst als Inspirationsraum fließt sehr stark in meine Arbeit ein, großartig finde ich Tier-Mensch-Verquickungen wie "Leda und der Schwan" oder japanische Farbholzschnitte: echt heftiges Material!

    STANDARD: Ihr Roman wurde von der internationalen Kritik gelobt. Trifft Sie die Zuschreibung "seltsam"?

    Präauer: Nein. Das Wort freut mich irrsinnig, das hat mich sehr beglückt. Passend zu sein ist kein Lebensziel.

    STANDARD: Fast ein Jahr nach dem Erscheinen Ihres Erstlings: Was verändert sich da im Leben als junge Autorin?

    Präauer: Den aspekte-Preis zu bekommen: das war eine Auszeichnung, mit der man nicht rechnen kann, die haben in dreißig Jahren ungefähr drei Österreicher bekommen. Und Herta Müller! Es treibt einen in der Welt herum, und man wird selber zu einer Art Fliegerin. Und ich bin als junge Autorin jetzt froh, nicht jünger zu sein.

    STANDARD: Folgen Sie in Zukunft wieder den Vögeln?

    Präauer: Ich denke, ich werde sie jetzt einmal abschießen, aber wer weiß, vielleicht holen sie mich wieder ein. (Sebastian Gilli, Album, DER STANDARD, 15./16.5.2013)

    • "Das Erzählte soll vibrierend in der Schwebe bleiben, sodass man sich fragt: Hä?!" Die 1979 in Linz geborene Autorin Teresa Präauer.
      foto: christian fischer

      "Das Erzählte soll vibrierend in der Schwebe bleiben, sodass man sich fragt: Hä?!" Die 1979 in Linz geborene Autorin Teresa Präauer.

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