Nero d'Avola und seine Paten

31. Oktober 2005, 16:26
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Sizilien macht sich daran, zum wirklich interessanten Weinbaugebiet zu werden. Und das Schöne dabei: Die besten Weine der Insel sind nicht die üblichen Blockbuster und Muskel-Monster

"Es ist leicht, in Sizilien Marmelade-Weine zu machen", meint Turi Geraci vom Weingut Palari bei Messina, "Eleganz im Wein zu erreichen, ist hier sehr viel schwieriger". Wobei Eleganz ja auch nicht unbedingt das ist, was der Weinmarkt zur Zeit bevorzugt. Und das ist etwas, das den schweren und dunklen Weinen Siziliens durchaus entgegenkommt.

Mit ihren 200.000 Hektar Rebfläche und einem Durchschnittsertrag von bis zu zehn Millionen Hektolitern pro Jahr zählt die Insel zu den absoluten Spitzenreitern in Italien - allerdings nur, was Quantität anbelangt. "20 Prozent allen italienischen Weins kommen von hier", erklärt Alessio Planeta vom Weingut Planeta, "so viel, wie in ganz Australien wächst". In Sachen Wein-Qualität ist Sizilien ein Entwicklungsland. Absurd, denn nicht nur, dass in Sizilien die Sonne kaum jemals nicht scheint, es dafür oft ein ganzes Jahr überhaupt nicht regnet, Wasser aber als vom Ätna herabströmendes Grundwasser reichlich zur Verfügung steht; der wiederum mit seinen schwarzen Basalt-Ablagerungen für einen unvergleichlichen Boden sorgt, den wiederum die autochtonen Rebsorten Siziliens wie der Nerello Mascalese oder der Nero d'Avola optimal umzusetzen vermögen.

Wie gesagt, in Sizilien pampige Cabernets zu keltern, ist leicht, und genau das ist es nicht, was die wenigen hervorragenden Weinbaubetriebe hier tun wollen. Bei Planeta setzt man zum Beispiel hauptsächlich auf sizilianische Rebsorten, wobei auch Merlot und Chardonnay ihre Chance bekamen, Letzterer sogar einer der besten Chardonnays in ganz Italien ist ("Dass man in einem heißen Land keinen erstklassigen Weißwein erzeugen kann, das ist für mich absoluter Blödsinn"). Die grundsätzliche Philosophie der früheren Obstplantagen-Besitzer ist es aber, die alten DOC-Weine Siziliens wieder zu beleben, aufzuwerten und nach heutigem Verständnis zu interpretieren.

Carmelo und Giovanni Morgante aus Grotte denken zwar ähnlich, aber monokausaler: Dem Nero d'Avola gehört ihre einzige und ganze Liebe, mit Hilfe des Star-Önologen Riccardo Cotarella werden aus den Nero-Trauben hier eng gestrickte, wuchtige Weine von schokoladiger Üppigkeit und balancierter Eleganz. Der einfache Nero d'Avola überzeugt schon sehr, der auf die "Tre Bicchieri" von Gambero Rosso quasi abonnierte Edel-Nero "Don Antonio" erst recht.

"In den 80er-Jahren galt es zu beweisen, was unser Terroir in Sizilien alles vermag", erinnert sich der junge Alberto Tasca, Juniorchef dieses riesigen und viele Jahre lang einzigen sizilianischen Top-Weingutes Regaleali, "heute geht es darum, an der Eleganz zu arbeiten, die Säure zu erhalten". Was etwa beim Top-Wein des Gutes, dem "Rosso del Conte" (95 Prozent Nero d'Avola) äußerst beeindruckend gelingt, in der Nase noch die typischen Portwein- und Rumtopf-Noten, am Gaumen lebendig und temperamentvoll elegant. Die Experimente mit den internationalen Rebsorten wären notwendig gewesen, erklärt Gabriella Anca Rallo vom Weingut Donnafugata, "weil wir dadurch insgesamt vom Wissen anderer Länder profitieren konnten, so waren wir offener neuen Technologien gegenüber, als das in Sizilien damals generell der Fall war."

Das Ergebnis sind heute hauptsächlich Cuvées, in denen sizilianische Rebsorten die unumstrittene Hauptrolle spielen und die mit Hilfe modernster Kellertechnik und geringer Erträge ("In den 70er-Jahren produzierten unsere Weingärten noch 40 Tonnen pro Hektar, heute vier") zu den absolut feinen Weinen Italiens zählen. Mag sein, dass der Markt nichts gegen überreife Trink-Marmeladen aus Sizilien einzuwenden hat, die es natürlich gibt. Aber die wirklich schönen Weine eben auch. (Der Standard/rondo/Florian Holzer/25/07/2003)

Morgante
Planeta bei Vinothek Wagner
wagnerweb.at

Donnafugata bei Wein & Co;

Tasca d'Almerita bei Weinagentur Grohs
Erndtgasse 28
1180 Wien
Tel.: 01/479 71 75
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