Eine russische Hitze

8. August 2003, 21:41
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Wie sich Juliwetter und Tschechow vertragen, ist Thema der 83. Unglaubwürdigen Reise

Nicht nur wegen der nur kurz abflauenden Julihitze, der Vorgabe ihres Verschwindens, wird es notwendig, bei Tschechow nachzulesen, um damit fertig zu werden: "Da naht jedoch der Frühlingsmonat März. Die Sonne beginnt zu liebkosen. Unser Eisberg dunkelt, verliert seinen Glanz, schließlich taut er."

Das ist momentan scheinbar leicht und rasch zu widerlegen, kein Frühlingsmonat, kein unerwartetes Tauwetter, stattdessen Juli, drei Tage nach dem unspektakulären Jahrestag des missglückten Attentats auf Hitler und schon gegen drei Uhr morgens. Und dann noch im Radio die Wettervorhersage: "Im Nordwesten Wolkenfelder" - damit ist der deutsche Nordwesten gemeint, nicht die Simmeringer Heide, sondern die Lüneburger Heide, keine verwehten Schneider.

Und wer auf Abkühlung aus ist, versucht lieber erst gar nicht, die österreichische Wettervorhersage mitzubekommen: "Aus Südwesten gelangt auch weiterhin feuchte Luft in den Ostalpenraum." Oder in der Kronen Zeitung: "Den ganzen Tag über ist im gesamten Bergland mit reger Schauertätigkeit zur rechnen." Dazu Wien: Gewitter, Eisenstadt: Gewitter, St. Pölten: Regenschauer, Linz: stark bewölkt, wie auch Amsterdam und Zürich.

Beim Bergwetter wird es endlich exakter: "Die Sonne setzt sich nur zeitweise in Szene." Diese Selbstdefinition Österreichs ist am besten. Und das alles im Bergland, das bis zur Muthgasse im 19. Bezirk reicht. Die Forellen in den aufgeheizten Kärntner Seen verrecken an Hitzeschlägen.

Tschechow hätte sicher schon in den ersten Februartagen - nach welchem Kalender auch immer - den einzig möglichen Satz für die aufdringliche Sonne gefunden. Und er hätte, auf die Gefahr hin, ihn zu verlieren, seinen Widerwillen so lange bei sich behalten, bis er ihn dahin gebracht hätte, wo er nicht bliebe, nämlich "in ungezwungener Trägheit, Behaglichkeit und Wohlbefinden".

Im einzigen Kaffeehaus mit funktionierender Klimaanlage lese ich in Tschechows Angst. Sieben Geschichten von der Liebe (übersetzt von Peter Urban): "Vera blieb stehen und schöpfte Atem. ,Setzen wir uns einen Augenblick', sagte sie und setzte sich auf einen Pfosten." - Wenn jemand abreist, nach dem Lebewohl, setzen sich für gewöhnlich alle noch einmal. Aber "setzen wir uns noch einen Augenblick" sagt im Leben jetzt, wo alle vorgeben, ganz dringend etwas erledigen zu müssen oder immer jemand anderen treffen zu müssen als diejenigen, die sie gerade treffen, niemand mehr.

Ob nun die Julihitze Tschechows Satz kennt und sich, ehe sie sich verzieht, noch einmal setzt? Und noch einmal so unerträglich sich ausbreitet wie manche Verwandtenbesuche, bevor sie sich in nichts, auch nicht in Wohlgefallen, auflösen? - Möglich, dass auch die Sonne auf eine gute Nachrede wartet. Tschechow durchschaut auch diese Form beharrlicher Wünsche. Man kann ihn als Maß nehmen.

Vor vielen Jahren sah ich in der Josefstadt in einer Tschechow-Aufführung Leopold Rudolf. Am Ende, als die Beziehungen zerfallen und die Illusionen kaputt waren, sagte er: "Heiß muss es heute am Äquator sein."
(DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2003)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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