Fast ein Drittel arbeitet bereits "atypisch"

3. August 2003, 20:36
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Erstmals liegt detailliertes Zahlenmaterial vor: "Freie" und "Neue Selbstständige" sind jung, höher gebildet und großteils weiblich

Wien - Von den rund 3,2 Millionen Arbeitnehmern in Österreich sind bereits rund 850.000 "atypisch", also abseits eines Normalarbeitsverhältnisses, beschäftigt. Vor allem die Zahl der freien Dienstnehmer und "neuen Selbstständigen" (Werkvertrag ohne Gewerbeschein) ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Viele wählen diese Dienstformen aber nicht freiwillig, zeigt nun eine Studie von ÖGB und Arbeiterkammer. Bei der Präsentation forderte ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch am Dienstag mehr Rechte für die Betroffenen ein.

Nicht freiwillig

57 Prozent der im Rahmen des Projeks "FlexPower" befragten 528 Personen gaben an, durch die Arbeitsmarkt-Situation in die atypische Beschäftigung gezwungen worden zu sein. 41 Prozent haben ihr Dienstverhältnis "eher selbst gewollt". Mehr als zwei Drittel sehen prinzipiell Probleme bei der sozialen Absicherung, da sie teilweise aus dem Arbeitsrecht herausfallen. Am häufigsten wurde die Problemfelder Krankheitsfall (50 Prozent), Arbeitslosigkeit (43) und Pension (33) angeführt. Die Hälfte der Befragten gab auch an, ein Normalarbeitsverhältnis anzustreben. Nur 29 Prozent tendieren in Richtung Selbstständigkeit.

Aufgeschlüsselt sind Atypische überdurchschnittlich jung und gebildet. Ihr Einkommen pro Stunde liegt im Schnitt mit 7,73 Euro (netto) deutlich unter den 10 Euro eines Normalverhältnisses. Der Frauenanteil ist höher als bei normalen Dienstverhältnissen, gleichzeitig verdienen sie um neun (mit Matura) bis 17 Prozent (ohne Matura) weniger als ihre männlichen Kollegen.

Starker Anstieg

Insgesamt ist die Zahl der freien Dienstnehmer zwischen 1998 und Juni 2003 um beinahe 150 Prozent auf 23.841 angestiegen. Bei den neuen Selbstständigen hat sich die Zahl seit Ende 1998 sogar fast vervierfacht (auf 30.836). Ebenfalls als atypisch zählen Teilzeitbeschäftigte, geringfügig Beschäftigte, Leiharbeiter, befriste Arbeitsverträge, Telearbeit oder Job-Sharing.

ÖGB und AK kritisieren, dass es sich bei den neuen Dienstformen sehr häufig um Umgehungsformen durch die Firmen handle, um Kosten zu sparen. Freie Dienstnehmer haben beispielsweise keinen Anspruch auf Urlaubs-, Weihnachts-, Kranken- oder Arbeitslosengeld. Verantwortlich sei ein zu eng gefasster Arbeitnehmer-Begriff, der noch aus dem Jahr 1913 stamme, kritisierte AK-Experte Christoph Klein.

Neuer Arbeitnehmer-Begriff gefordert

Hier schließen auch die Forderungen des ÖGB an. Der Arbeitnehmer-Begriff solle sich künftig nur mehr an der "wirtschaftlichen Abhängigkeit" orientieren, und nicht an Arbeitszeit, Arbeitsort oder Arbeitsweise, so Verzetnitsch. Damit fiele ein Großteil der Freien und neuen Selbstständigen unter ein echtes Arbeitsverhältnis.

Ebenso gefordert wird für die Betroffenen eine verpflichtende Arbeitslosenversicherung, ein Kollektivvertrag sowie eine Ausweitung des Vertretungsrechtes der Betriebsräte. (APA)

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