Mailänder Scala ohne Mut(i)?

1. August 2003, 14:12
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Streit über Programmgestaltung vor einer weiteren Spielzeit in ihrem "Exiltheater" am Stadtrand

Die Mailänder Scala geht eher mutlos in eine weitere Spielzeit in ihrem "Exiltheater" am Mailänder Stadtrand. Der Umzug ins neue Teatro degli Arcimboldi (2600 Plätze) hat in der vergangenen Saison bei einem Gesamtetat von 114,7 Millionen Euro zu einem Minus von 3,9 Millionen Euro geführt. Sparzwänge und die Randlage des Ausweichtheaters, das auf neue Publikumsschichten angewiesen ist, lassen nach Ansicht der Scala-Intendanz in der Saison 2003/2204 eine einzige Neuproduktion zu. Das Theater im Norden Mailands ist für drei Jahre die neue Heimat der Scala, solange das über 200 Jahre alte Stammhaus im Zentrum von Grund auf renoviert wird.

Dirigent Riccardo Muti wird die kommende Spielzeit mit Rossinis Moses und Pharao (Regie: Luca Ronconi, in den Rollen u.a. Barbara Frittoli, Sonia Ganassi, Ildar Abdrazakove und Ildebrando D'Arcangelo) eröffnen. Ansonsten zeigt das Opernhaus, das sich selbst zur Weltspitze zählt, nur Remakes oder Gastspiele (etwa Eine florentinische Tragödie, Der fliegende Holländer, Carmen, Madame Butterfly, Hoffmanns Erzählungen). Offensichtlich hat dieser blasse und von Sparzwängen diktierte Spielplan - "wie das Sommerprogramm im Fernsehen", höhnte die römische Zeitung La Repubblica - den Riss noch vertieft, der sich seit einiger Zeit zwischen dem musikalischen Leiter Riccardo Muti und dem Intendanten Carlo Fontana aufgetan hat.

Lieber nach Kairo

Muti, der der Jahrespressekonferenz der Scala am Dienstag fern geblieben ist und es vorzog, mit dem Orchester des Ravenna-Musikfestivals nach Kairo zu reisen, kritisiert hinter den Kulissen vehement die als zu leicht empfundene Programmgestaltung im Teatro degli Arcimboldi. Eine Aufführung des Musical Cats konnte er noch mit einem Machtwort verhindern, aber offensichtlich wird er nicht einmal in die Neuberufung eines künstlerischen Direktors (die vakante Stelle wird zurzeit von einem "Berater" ausgeführt) einbezogen. "Natürlich kenne ich den Spielplan", kommentierte er nach Presseberichten, "aber er ist nicht von mir." Gerüchte, dass der Streit Muti - Fontana bald zu einem Rückzug einer der beiden führen könnte - so wird bereits ein Berlusconi-Manager als Intendantennachfolger gehandelt - ließen sich nicht bestätigen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2003)

Henning Klüver aus Mailand
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