Voest-Chef Franz Struzl - ein ungeschickter Aktionär

4. August 2003, 19:21
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Ausrutscher des Bergsteigers mit Bodenhaftung

"Vielleicht ist ihm die Idee zum Aktienkauf in der dünnen Luft der Berge gekommen. Dort ist er nämlich gern und oft unterwegs", sagt ein langjähriger Kenner von Voest-General Franz Struzl. Ob es wirklich die Bergluft war, die ihn inspirierte, ist nicht überliefert. Zumindest eine gehörige Portion Naivität dürfte jedenfalls dabei gewesen sein, als er seiner Bank just an seinem 60. Geburtstag die Kauforder für Aktien an der Voest-Tochter VAE gab.

Das Ergebnis ist so bekannt wie peinlich und die Freude in der Voest natürlich eine enden wollende. Schon gar zum jetzigen Zeitpunkt. Denn die Linzer Hochöfen stehen ob der Privatisierungspläne der Regierung wieder einmal im Zentrum einer glühend heißen Politschlacht. Da ist ein angepatzter Chef alles andere als hilfreich, schon gar, wenn er dem rötlichen Lager zuzuordnen ist. Und das ist derzeit bekanntlich nicht am Ruder.

Noch hält Aufsichtsratspräsident Rudolf Streicher dem heute 61-jährigen Finanz- und Controllingspezialisten, der die Voest wie seine Westentasche kennt, voll die Stange. Struzl verdiene keinen Schönheitspreis für den Deal, sei aber unschuldig, es habe nicht einmal ein Strafverfahren gegeben. "Offensichtlich sind ihm die Schuhe seines Vorgängers Peter Strahammer doch ein bisschen zu groß", ätzt jedoch ein Voestler. Dem wäre so etwas nie passiert.

Dieser Vergleich trifft hart, denn Struzl, seit 36 Jahren in wechselnden Funktionen in der Voest tätig, geht nicht nur ebenso gern in die Berge wie sein Vorgänger (der dort tragisch verunglückte), sondern war lange Jahre der zweite Mann hinter Strahammer. So als dieser nach dem Voest-Debakel Anfang der Neunzigerjahre in die steirische Verbannung geschickt wurde, um das ewige Sorgenkind Donawitz über die Runden zu bringen.

Ein Segen für das damalige Milliardengrab der Voest-Alpine. Denn der im obersteirischen Kindberg aufgewachsene Struzl konnte nach dem Aufstieg Strahammers an die Konzernspitze beweisen, dass Donawitz lebensfähig ist. Er legte die Schienen für den heutigen Erfolg: Aus den Langprodukten wurden Eisenbahnschienen, zum alten Stahlwerk baute er ein neues hinzu, zu dem in diesen Tagen eine neue Walzstraße kommt. Als Steirer nahmen ihm die Leute auch ab, dass eine Beteiligung des Landes an Donawitz so wenig Sinn hatte wie die heute erneut diskutierte Abtrennung von Linz.

Die Schienenoffensive der EU gibt dem zweifachen Vater Recht: Donawitz und die Voestalpine Bahnsysteme sind die Nummer eins weltweit und auf Jahre ausgelastet.

Ein Gutes hatte Struzls schlampiger Umgang mit Aktien: Die Kleinaktionäre, bei Übernahmen häufig mit einem Butterbrot abgespeist, verdanken ihm durch das hohe Angebot für die VAE einen fetten Gewinn. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD Printausgabe, 24.7.2003)

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