Snowden bringt Showdown zwischen China und USA

13. Juni 2013, 19:24
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Aufdecker: USA griff mit Hackern chinesische Institutionen an

Der amerikanische IT-Spezialist, der den Prism-Skandal ins Rollen gebracht hat, erklärte in Hongkong, dass die USA zehntausende Hackangriffe auf chinesische Institutionen gestartet haben. Zuletzt beschuldigte Washington Peking, genau das zu tun.

Der Streit um Cyberangriffe, in dem Washington in den vergangenen Monaten Peking beschuldigte, sich Zugang zu militärischen, technologischen und wirtschaftspolitischen Geheimnissen in den USA mithilfe staatlicher Hacker zu verschaffen, hat eine dramatische Wende genommen. Der Ex-Mitarbeiter des Geheimdienstes NSA, Edward Snowden, der sich in Hongkong versteckt hält, erklärte in einem Exklusiv-Interview mit der "South China Morning Post" ("SCMP"), dass US-Behörden ihre Internet-Lauschangriffe auf die Öffentlichkeit in großem Stil auch gegen Universitäten und Institutionen in Hongkong und China unternahmen. Es sei "Heuchelei", wenn die US-Regierung behaupte, für ihre Informationsbeschaffung "keine Ziele ziviler In­frastruktur" ins Visier zu nehmen.

Hack-Angriffe seit mehreren Jahren

Der 29-Jährige sagte in dem am Mittwoch erschienenen Interview, dass Dienststellen der US-Regierung und IT-Spezialisten seit Jahren heimlich "in die Computersysteme in Hongkong und China eindrangen und sie hackten". Snowden zeigte den "SCMP"-Redakteuren Dokumente, deren Echtheit sie aber nicht bestätigen konnten. Die NSA hätte mindestens 61.000 Hacker-Operationen unternommen, darunter auf hunderte Ziele in Hongkong und China. "Wir hackten die zentralen Netzwerke wie große Internet-Router, die uns Zugang zu hunderttausenden Computern erlaubten, ohne in jeden einzelnen eindringen zu müssen."

Die Zeitung verriet nicht, wo und wie sie Snowden getroffen hat, der kurz nach seiner Ankunft am 20. Mai in Hongkong in der Sonderverwaltungszone untergetaucht ist. Er werde dort bleiben, solange Hongkongs Behörden ihn nicht zwingen, die Stadt zu verlassen. Snowden wurde inzwischen in den USA von Kongressmitgliedern als "Verräter" gebrandmarkt. Er müsse ausgeliefert und vor ein US-Gericht gestellt werden.

Snowden will gegen Auslieferungsversuche kämpfen

Im Interview geht er in die Offensive: "Viele meinen, dass ich einen Fehler machte, nach Hongkong zu kommen. Sie missverstehen meine Absichten. Ich bin nicht hier, um mich vor der Justiz zu verstecken. Ich bin hier, um kriminelle Aktivitäten zu entlarven." Er werde gegen alle Auslieferungsversuche der USA ankämpfen. Er sei weder ein "Held noch ein Verräter, sondern ein Amerikaner" und stolz darauf, ein US-Bürger zu sein, der an die "Freiheit der Rede" glaubt.

Der Skandal verlagert sich mit dem Interview vom anfänglichen Konflikt "Staat gegen Bürger" zum Tauziehen zwischen den sich misstrauenden Großmächte China und USA. Erwartet wird, dass sich Pekings Außenministerium am Donnerstag nach dem Ende dreitägiger Feiertage erstmals offiziell äußern wird.

Sympathiewelle in China

Die Zuflucht von Snowden in Hongkong stellt Pekings Diplomatie hinter den Kulissen auf den Prüfstand. Im Internet, das als Ventil dient, schlagen die Wellen antiamerikanischer Kritik dagegen in inzwischen 140.000 Mikroblogs hoch. Viele Patrioten feiern den "Whistleblower" als "Helden" und fordern ihre Regierung auf, ihn vor einer Auslieferung zu schützen. Selbst Dissidenten und Kritiker des Überwachungsstaates China, darunter Ai Weiwei, äußerten sich geschockt. Die Enthüllungen über die US-Staatsschnüffelei hätten sie vor den Kopf gestoßen. (Johnny Erling, DER STANDARD, 14.6.2013)

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    Ein Interview mit Folgen: Snowden äußerte sich in der "South China Morning Post" zu US-Spionage in China.

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