Steilkurve: Der Spitzer Graben

17. Juni 2013, 17:11
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Karger, kühler, trockener als alles andere in der Wachau: In der westlichsten Ecke des renommiertesten Weinbaugebiets Österreichs wachsen zarte, hochmineralische Weine, die immer mehr Beachtung finden

Die Weingärten entlang des Spitzer Bachs sind spektakulär steil und richten sich wie Hohlspiegel nach Süden aus. Mit bis zu 400 Meter Seehöhe sind sie die höchstgelegenen der Wachau. Der Bach mündet bei Spitz in die Donau, das dazugehörige Tal verengt sich noch vor dem Ortsende zu einem tiefen V und windet sich nördlich am Jauerling mit seinen 960 Metern vorbei in Richtung Westen. Um hier überhaupt Rebstöcke pflanzen zu können, wurden schmale Terrassen in die Hänge geschlagen, die mit Trockensteinmauern gestützt werden.

In den Fokus rückte diese Ecke, als sich Peter Veyder-Malberg 2008 dort niederließ und mit zarten, hochmineralischen Wachauer Rieslingen und Grünen Veltlinern aufzeigte. Das passierte just in Zeiten, als nicht nur in Fachkreisen immer kritischer über die oft gar massive Alkoholkraft der Wachauer Weine diskutiert wurde.

Mühevolle Arbeit

Malberg ist ein bekanntes Gesicht in der Weinszene - und bestens vernetzt. Nach 14 Jahren als oberster Verantwortlicher auf dem Schlossweingut Hardegg im Weinviertel wollte er Wein nach eigenen Vorstellungen machen: Die Wachau sollte es sein, da sie nun einmal Österreichs spannendstes Terrassenweinbaugebiet ist. Doch Weingärten dort sind nicht einfach so zu haben. Haben sie gute Namen, finden sich in kürzester Zeit Interessenten. "Der Spitzer Graben wurde es, weil es hier am leichtesten war, an Rebflächen zu kommen", so Malberg.

Das hat natürlich Gründe: Je steiler und höher die Hänge, je schmaler die Terrassen, desto mühevoller wird die Arbeit, weil vieles nur von Hand getan werden kann. Desto schwieriger wird es auch, mögliche Nachfolger zu begeistern, was wieder bedeutet, dass immer mehr Weingärten stillgelegt werden und die Trockenmauern verfallen. Als man Peter Malberg seinerzeit Weingärten in der Lage Bruck zeigte, griff er sofort zu. "Genau das wollte ich: alte Weingärten auf Terrassen, und zwar weil man sie per Hand bearbeiten muss", so Malberg. "Ursprüngliches liegt mir. Alles andere hatte ich schon ausprobiert."

Früheres Zentrum, heute am Rand

Im 13. Jahrhundert war der Spitzer Graben das größte und wichtigste Anbaugebiet einer bereits hoch entwickelten Weinkultur rund um Spitz. Im Zuge von Klimaverschiebungen und anderen Umwälzungen verlagerte sich das Geschehen über die Jahrhunderte in das Donautal. Heute ist er eine jener kühlen Randlagen, wo Trauben gerade noch reif werden. Die Lese setzt hier bis zu zwei Wochen später ein als in der östlicheren Wachau. Die Böden, Glimmerschiefer und Gneis, bewahren die Wärme des Tages bis in die Nacht hinein, während dank des Jauerlings und nahen Waldviertels kühle Luftströme durch das Bachtal in Richtung Donau ziehen. Diese Temperaturspannungen, die hier besonders deutlich ausfallen, helfen, die Aromen der Trauben auszubilden. Mit Kühle, Kargheit und Trockenheit kommen die Sorten Riesling und Neuburger am besten zurecht, weshalb beide hier verstärkt zu finden sind. Grüner Veltliner, der üppigere Bedingungen bevorzugt, gedeiht in den "fetteren" Ecken innerhalb dieser kargen Szenerie - oder muss bewässert werden.

Nicht, dass es im Spitzer Graben nicht schon einige Winzer gegeben hätte, die hier Spitzenweine machen. Josef Högl in Vießling und Johann Donabaum in Laaben zählen zu den Pionieren hier. Högl, der in jungen Jahren für die Weingüter Prager und F. X. Pichler arbeitete, füllte als Erster Mitte der 1990er Jahre Einzellagenweine aus Bruck und Schön. Donabaum übernahm 1996 und beschloss angesichts der Möglichkeiten, den Heurigen seiner Eltern sein zu lassen und auf Premiumwein zu setzen. Beide Familien produzierten in früheren Generationen Trauben für die Genossenschaft der Domäne Wachau.

Bis heute wird sehr viel für die Domäne gelesen in diesem Gebiet, das "angesichts der Klimaänderungen in den letzten 15 Jahren immer wichtiger wurde", wie Roman Horvath, Weingutsleiter der Genossenschaft, erklärt: "Trauben aus kühleren Randlagen ergeben in Kombination mit jenen aus wärmeren Bereichen wie dem Loibner Becken balancierte Wachauer Weine mit Finesse." Wenn es mengenmäßig passt, werden auch Spitzer-Graben-Weine abgefüllt wie ein "Riesling Federspiel Bruck" oder ein Neuburger "Terrassen Spitz", eine urösterreichische Rarität. Beide sind alkoholmäßig in der Mittelklasse um die 12,5 bis 13 Volumenprozent angesiedelt, was ein weiteres sympathisches Merkmal der Tropfen dort ist.

Wein machen statt Auto reparieren

Malberg zog mit seinen Aktivitäten auch andere mit. Als Martin Muthenthaler 2006 seine Arbeit als Lkw-Fahrer in der Genossenschaft verlor, stieg er mit einem Heurigen ins Weingeschehen ein. Auch seine Eltern produzierten früher Trauben für die Domäne Wachau. Der Sohn, ausgebildeter Kfz-Mechaniker, lernte "Weinbau by sehr viel doing", wie er es ausdrückt. 2009 wagte er den Einstieg in die Premiumschiene und schloss den Heurigen. Er bestockte teilweise neu und stellte den wilden Sortenmix auf Riesling, Veltliner und etwas Muskateller um. Heute zeigt auch er mit Top-Weinen auf.

Muthenthaler und Malberg begannen kürzlich - jeder für sich, doch einer gemeinsamen Idee folgend - die Lage Brandstatt am Ende des Tales wieder aufzubauen. Der Boden ist zwar sehr gesund, weil er sich durch das Nichtbewirtschaften erholen konnte. Die Terrassen müssen revitalisiert werden, mehr als drei Viertel aller Trockensteinmauern sind eingebrochen. Wie Malberg legen auch Muthenthaler und seine Familie selbst Hand an: "Ich kann ziemlich gut Steinmauern aufbauen, der Vater auch." Ob auch Muthenthaler glücklich ist, sich für den mühevolleren Weg entschieden zu haben? "Absolut. Traubenproduktion war früher so anonym. Jetzt macht es irre Spaß." (Luzia Schrampf, Rondo, DER STANDARD, 14.6.2013)

Einen ausgezeichneten Blick auf die Gegend bietet ein Panoramawanderweg durch die Weingärten zwischen Spitz und Mühlendorf.

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Marivino

  • Die Orte und Häuser im Spitzer Graben liegen im wörtlichen Sinn zu Füßen, wenn man von den Lagen Bruck oder Schön ins Tal blickt.
    foto: hersteller

    Die Orte und Häuser im Spitzer Graben liegen im wörtlichen Sinn zu Füßen, wenn man von den Lagen Bruck oder Schön ins Tal blickt.

  • Peter Veyder-Malberg und ...
    foto: hersteller

    Peter Veyder-Malberg und ...

  • ...Martin Muthenthaler ...
    foto: hersteller

    ...Martin Muthenthaler ...

  • ...arbeiten derzeit vor allem an der Lage Brandstatt. Reihen wie jene am unteren Bildrand müssen in einen Zustand wie die darüber liegenden gebracht werden, was bei diesem begrenzten Platzangebot vor allem per Handarbeit passiert.
    foto: hersteller

    ...arbeiten derzeit vor allem an der Lage Brandstatt. Reihen wie jene am unteren Bildrand müssen in einen Zustand wie die darüber liegenden gebracht werden, was bei diesem begrenzten Platzangebot vor allem per Handarbeit passiert.

  • Weine mit typischer Spitzer-Graben-Stilistik: Johann Donabaums Grüner Veltliner Spitzer Point, Veltliner Schön Alte Parzellen von Josef Högl, Riesling Bruck von Peter Veyder-Malberg, wo dezidiert auf die Handarbeit hingewiesen wird. Martin Muthenthalers Veltliner Vießlinger Schön und der Neuburger Terrassen Spitz aus der Sommelier-Edition der Domäne Wachau.
    foto: hersteller

    Weine mit typischer Spitzer-Graben-Stilistik: Johann Donabaums Grüner Veltliner Spitzer Point, Veltliner Schön Alte Parzellen von Josef Högl, Riesling Bruck von Peter Veyder-Malberg, wo dezidiert auf die Handarbeit hingewiesen wird. Martin Muthenthalers Veltliner Vießlinger Schön und der Neuburger Terrassen Spitz aus der Sommelier-Edition der Domäne Wachau.

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