Kein unbeschriebenes Blatt

16. Juni 2013, 12:00
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In der digitalen Welt greifen erstaunlicherweise immer mehr Menschen wieder zum Notizbuch

Die Börsianer staunten nicht schlecht. Ein Notizbuch geht an den Aktienmarkt. Wer war dieser Hasardeur, der mit Papier statt iPad auf dem Wertpapierparkett Geld verdienen wollte, fragten sich etliche der eingesessenen Händler.

"Moleskine" heißt das Heft mit dem Gummiband und einer legendenumwobenen Geschichte. Die beginnt mit Maria Sebregondi und ihrer Suche nach einer Idee für die Mailänder Handelsfirma Modo & Modo. Als sie im Buch "Traumpfade" von Bruce Chatwin über eine Pariser Schreibwarenhandlung und deren Notizbücher liest, bucht sie ein Flugticket. Doch in der Stadt an der Seine findet Sebregondi die Dinge nicht, in die sie sich verliebt hat. Kein "Moleskine", noch nicht einmal das Geschäft. "Le vrai Moleskine n'est plus", sagt der Schreibwarenhändler aus der Rue de l'Ancienne-Comédie in Chatwins Roman. Der Schriftsteller hatte lediglich seinen eigenen Ideenblock als Idee für seine Erzählung genutzt. Chatwin nannte sie selbst "carnets moleskine".

Cooles Image

Maria Sebregondi fand schließlich in einem Antiquariat ein Chatwin'sches Exemplar, und dann, 1997, lagen in italienischen Geschäften die ersten Moleskine. Sie seien "das Erbe des legendären Notizbuches der Künstler und Intellektuellen der vergangenen zwei Jahrhunderte", schreibt das Unternehmen auf seiner Internetseite. Ein cooles Image, obwohl es nicht ein einziges Bild etwa von Ernest Hemingway gibt, auf dem der Schriftsteller über einem Moleskine-ähnlichen Heft zu sehen ist.

Vor allem der Urtyp, in schwarzem Leder und mit Lesefaden, verkauft sich bestens. Doch Moleskine, was übersetzt Maulwurfshaut heißt, sind nicht die einzigen Notizbücher des "back-to-paper movement". Tatsächlich gibt es selbst bei den Meetings der technisch innovativen Werbebranche kaum mehr höhnisches Gelächter, wenn neben dem Smartphone ein schönes Schreibheft liegt. Statt das angesagte Notebook zu präsentieren, gilt immer mehr das abgefahrene Notizbuch als persönliches Statement. Die ungestylte Handschrift preist die Gemeinde der Fans als stylische Note.

Sogar der Reclam-Verlag, in dessen gelber Universalbibliothek zahlreiche Theaterstücke im Angebot sind, bietet ein Notizbuch im Schuber an, alles knatschgelb und inklusive Bleistift. Für den Weg in den Kreis der illustren Reclam-Autoren.

Modeaccessoires

Aber die meisten der neuen Büchlein haben keinen einfarbigen Einband mehr, sondern einen Designdeckel. Die irische Firma Paperblanks präsentiert auf ihren Umschlägen - ganz im Sinne des persönlichen Gekritzels - Faksimiles faszinierender Handschriften großer Persönlichkeiten. Manuskripte von William Shakespeare, Partituren von Ludwig van Beethoven und als Draufgabe Liedtexte von Amy Winehouse.

Es ist fast kurios, dass die billigen Blöcke mit den leeren Seiten nun als Modeaccessoires gelten. Hersteller binden ihre Hefte in Chanels schwarz-weißes Hahnentrittmuster, österreichischen Lodenstoff oder in ausrangierte Altsegel vom holländischen Ijsselmeer ein.

Auf die opulenten Ornamente auf Seide, Brokatpapier oder mit Goldeinlage verzichtet hingegen der Schwede Archie Grand, der für seine witzigen Ideen bekannt ist. Seine Notizhefte geben auch gleich die Themen für die Erinnerungen und Eroberungen des Lebens vor. Den "Women I met and liked" folgen Schauspieler, Sportler oder Galeristen, die der Besitzer getroffen hat und mochte.

Papier ist geduldig

Mit der Renaissance der Handschrift in Hand- und Hosentaschen machen nicht nur die Herstellerfirmen einen Reibach, im letzten Jahr verkaufte allein Moleskine 14 Millionen Notizbücher in 90 Ländern. Sogar die Computerbranche verzichtet nicht auf ein kleines bisschen Nostalgie. Gerne erzählen die Manager der Firma Brandbook aus Frankfurt am Main, wie ihre erste Kollektion so gut ankam, dass eine Bestellung über 8000 Notizbücher vom IT-Konzern Hewlett-Packard kam, "dessen Erfolg sich nicht zuletzt auf die von uns verschmähte elektronische Variante gründet", setzten die Frankfurter sarkastisch hinzu.

Ausgerechnet im weltweiten Netz huldigen die Fans in zahlreichen Foren den simplen Seiten, die als hip gelten. "Claus" hat "extra eins nur für Passwörter", "Marc-Oliver" mag "Stil und Komfort" und "die Treue des Notizblocks". Während jedes elektronische Gerät einmal seinen Geist aufgebe, "ist das Papier sprichwörtlich geduldig und hält bis zum nächsten Block". "Regina" freut sich, dass sie keinen Strom braucht, "für die allergrößte Not tatsächlich noch einen Bleistift und ein kleines Messerchen in der Tasche" hat. Und "Inga" stellt kurz und knapp fest, manche Ideen hätten "nicht die Zeit, erst online zu gehen".

Für Computer-Nerds

Da offensichtlich selbst hartgesottene Computer-Nerds mal Bits und Bytes vergessen und zu Blatt und Bleistift greifen, bieten die Firmen das traditionelle Papierheft als Daten-File an. Auf der Internetseite von Brandbook können die Fans der leeren Seiten ihre eigenen Hefte zuschneiden. Vom Format über die Form bis zur Machart der Metallklammer.

Einen Schritt weiter auf dem Weg zum Duett zwischen Tradition und Technik geht Paperium. Der Stift, dessen Software aus Österreich stammt, schreibt und speichert zugleich den Text, um ihn wenig später am Computer bearbeiten zu lassen. Während die Jungs von Brandbook schon an einem "kleinen LCD-Display" für das Notizbuch-Kino bastelten, was aber "bisher noch nicht so super funktioniert", geht das Börsenkind ganz frech fremd.

Die Moleskine-App gibt es für Smartphone und Tabletcomputer ganz für umsonst. (Oliver Zelt, Rondo, DER STANDARD, 14.6.2013)

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    Keine Datensicherung, kein Absturz, auch kein Software-Update ist nötig, ...

  • ... nur aufpassen muss man, dass man es nicht verliert, das Notizbuch.
    foto: hersteller

    ... nur aufpassen muss man, dass man es nicht verliert, das Notizbuch.

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