NSU-Prozess: Carsten S. lehnt Fragen von Wohlleben-Anwälten ab

13. Juni 2013, 18:47
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Geständiger Angeklagter fordert "Waffengleichheit"

München - Im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht (OLG) München hat der Angeklagte Carsten S. Antworten auf Fragen des Mitangeklagten Ralf Wohlleben verweigert. Der umfassend geständige S. begründete dies damit, dass ohne ein vorheriges Geständnis des früheren NPD-Funktionärs Wohlleben ansonsten keine "Waffengleichheit" herrsche.

S. ist vor dem OLG wegen Beihilfe zum neunfachen Mord angeklagt. Er soll die Pistole geliefert haben, mit der die verstorbenen mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos neun Migranten erschossen haben sollen. S. gestand diesen Botendienst inzwischen.

S. ließ Nachfragen der Nebenkläger-Anwälte zu, die die Opfer der Morde und Bombenanschläge des NSU vertreten. Zu den Bedingungen für eine Antwort auf Fragen der Wohlleben-Verteidiger sagte er, es gehe darum, "dass ich mich nicht nur hier nackig mache, sondern er auch." Deshalb müsse Wohlleben vorher Angaben zur Person und zur Sache machen und Fragen beantworten. Die Wohlleben-Verteidiger wiesen dies als Versuch einer Erpressung zurück.

Selbst belastet

S. gab zudem an, dass er nun vollständig reinen Tisch gemacht habe. Dies habe er "ohne Rücksicht auf Verluste, auch meine eigenen, was das weitere Verfahren angeht" gemacht. S. hatte sich mit dem Geständnis selbst belastet.

Die Vernehmung des Angeklagten dauerte am Donnerstagnachmittag zunächst an. Die Befragung der geladenen ersten Zeugen verzögerte sich damit zunächst. Die Verteidiger der mutmaßlichen Rechtsterroristin Beate Zschäpe sagten zudem, dass diese "in ausgesprochen schlechter Verfassung" sei. Zschäpe wolle den Prozess nicht behindern, könne aber womöglich nicht den ganzen Verhandlungstag durchhalten.

Derweil veröffentlichten die Grünen im bayerischen Landtag eine Antwort auf eine Anfrage an das bayerische Innenministerium, derzufolge in München die Zahl rechtsextremistisch motivierter Straftaten im vergangenen Jahr um 50 Prozent angestiegen ist. Im Jahr 2011 habe die Zahl solcher Taten noch bei 238 gelegen, im vergangenen Jahr bei 368 Fällen.

Im Zusammenhang mit dem NSU-Prozess war es in den vergangenen Wochen in München zu einer ganzen Reihe von Sachbeschädigungen an Gebäuden linker Gruppierungen gekommen. Der Grünen-Experte Sepp Dürr forderte Innenministerium und Polizei auf, gegen die Neonazi-Szene in München vorzugehen. (APA, 13.6.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Carsten S. versteckte sein Gesicht beim Betreten des Münchner Gerichtssaals unter einer Kapuze.

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