Radfahr-Papst: "Wien ist altmodisch und irgendwo 1952 stecken geblieben"

Interview mit Video15. Juni 2013, 12:00
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Mikael Colville-Andersen ist Experte für urbanes Radfahren und sprach am Rande der Velo-City über die größten Versäumnisse der Stadt

Im Feuilleton wird Mikael Colville-Andersen gerne als "Papst des urbanen Radfahrens" bezeichnet, denn er gilt als Experte für städtisches Mobilitätsverhalten. Dem 45-jährigen Dänen mit kanadischen Wurzeln sind aber auch Stil und Ästhetik am Rad wichtig, was er auf seinem Blog Copenhagencyclechic zelebriert. In der ganzen Welt setzt er sich für eine stärkere Postion der Radfahrer in der Stadt ein, so auch bei der aktuellen Radkonferenz Velo-City in Wien. Seine Ansichten werden dabei durchaus kontrovers aufgenommen.

Mikael Colville-Andersen ist einer der Stargäste der Velo-City 2013 in Wien.

Im Gespräch mit derStandard.at kritisiert Colville-Andersen die Radhelmpflicht für Kinder unter zwölf Jahren, die Unterwürfigkeit der Wiener gegegnüber den Autos und dass Millionen Euro Steuergeld für stinkende grüne Farbe auf Radwegen verschwendet werden. Eine seiner Hauptthesen lautet: Die Automobilindustrie verbreitet die Botschaft, dass Radfahren gefährlich ist, weil bereits ein Trend zur Demotorisierung der Gesellschaft eingesetzt hat.

derStandard.at: Ein Hauptgrund, wieso viele Menschen in Wien das Rad für ihre alltäglichen Wege nicht benützen wollen, ist Angst. Sie fühlen sich unsicher, besonders gegenüber Autofahrern. Ist dieses Gefühl gerechtfertigt?

Colville-Andersen: In jeder Stadt der Welt ist das Fahrrad generell ein sicheres Fortbewegungsmittel. Statistisch gesehen ist es sicherer als Autos. Jedes Jahr sterben in Europa und den USA 35.000 Menschen in Autos, die Zahl der Radfahrer liegt weit darunter.

derStandard.at: Die Konferenzteilnehmer in Wien haben auch schon die "Problemzonen der Stadt" im Bereich Radwege besucht. Ist Wien bereits eine radfreundliche Stadt?

Colville-Andersen: Nein, es ist verwirrend und chaotisch. Es fahren zwar bereits sieben Prozent der Menschen mit dem Rad, aber es fehlt die nötige Infrastruktur. In Kopenhagen fahren zum Beispiel schon 55 Prozent der Bewohner jeden Tag mit dem Fahrrad. Das liegt eben auch an der Infrastruktur. Radfahrer wollen nicht so tun, als wären sie ein Auto, und wollen daher auch oft nicht im Straßenverkehr fahren. Das wäre so, als würde man als Autofahrer am Flughafen zwischen Jumbojets unterwegs sein.

Fahrradfahrer sind schnelle Fußgänger. Daher müssen sie auch so behandelt werden. Außerdem ist es ein bekanntes Phänomen, dass das Radfahren sicherer wird, je mehr Menschen es tun.

derStandard.at: Woran mangelt es Wien besonders?

Colville-Andersen: Was Verkehrsplanung anbelangt, ist Wien eine altmodische Stadt und irgendwo 1952 stecken geblieben. Auf der einen Seite ist Wien sehr stolz auf die öffentlichen Verkehrsmittel, aber auf der anderen Seite dominiert immer noch das Automobil. Dazwischen wird verzweifelt versucht, das Fahrrad hineinzuquetschen. Immer mit dabei ist die Angst, die Infrastruktur des Autos anzugreifen.

Eine moderne Stadtverwaltung geht jedoch weiter und begreift, dass das Fahrrad eine gleichberechtigte Form der Fortbewegung ist, und findet Platz dafür. Das bedeutet eben, den Autos Platz wegzunehmen.

In diesem Video wurden einige englische Originalzitate herausgegriffen.

derStandard.at: Vergangenes Jahr wurden Zahlen veröffentlicht, dass nur elf Prozent der Kinder mit dem Fahrrad in die Schule fahren, da sie Angst im Straßenverkehr haben. Wie kann man dem entgegensteuern?

Colville-Andersen: Es gibt Leute, die ein Interesse daran haben, Radfahren als gefährlich zu verkaufen. Ich nenne es die Kultur der Angst, die sich generell in den vergangenen 50 Jahren stark verbreitet hat. Das hat auch etwas mit der verstärkten Werbung für Fahrradhelme zu tun. Das vermittelt den Menschen das Gefühl, dass es nicht sicher ist, das Rad zu benützen. 

Doch Helme erhöhen das Risiko, einen Unfall zu haben, um 14 Prozent. Durch Helme wird man mutiger, fährt ein wenig schneller und riskiert mehr. Der Helm schützt zudem nicht einmal die Arme und Beine, auf denen man im Falle eines Sturzes viel eher landet.

derStandard.at: Was heißt das umgelegt auf Wien?

Colville-Andersen: Im Moment ist es in Wien vermutlich sicherer, Rad zu fahren, als in den vergangenen 50 Jahren. Aber so etwas wird nie betont. Ganz im Gegenteil: Die österreichische Verkehrsministerin (Doris Bures, Anm.) hat ja vor zwei Jahren die Radhelmpflicht für Kinder bis zwölf Jahren eingeführt. Sie hat damals betont, dass sie das Gesetz auch als Mutter durchbringen muss. Ich finde das falsch: Wenn eine Ministerin ein Gesetz einbringt, muss sie das als Politikerin und nicht als Mutter machen.

Wir sollten einen anderen Blickwinkel einnehmen: Wir leben in einer Gesellschaft mit einem Lebensstil, der krank macht. Übergewichtige Kinder, ältere Menschen, die sich nicht mehr bewegen: Das alles nimmt epidemische Ausmaße an. Aber keiner spricht über die Vorteile, die Radfahren für die Gesundheit haben kann.

derStandard.at: Sie haben bei ihrem TEDxTalk im Jahr 2010 betont, dass auch die Autoindustrie in die Kampagnen für Fahrradhelme involviert ist. Haben Sie Beweise dafür?

Colville-Andersen: Man wird niemals jemanden aus der Branche dazu bringen, das zuzugeben. Jedenfalls begannen vor einigen Jahren diese Autowerbungen, die sich über Fußgänger, Radfahrer und Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel lustig machen. Da ist der traurige Mann in der Straßenbahn, der Radfahrer im Regen. Dann hat man ein Auto, das schnell und schnittig vorbeibraust.

Es ist ein Muster zu erkennen, dass Radfahrer lächerlich gemacht werden. Ich denke, die Automobilindustrie fühlt sich von dieser Art der Fortbewegung bedroht, was ja eigentlich großartig ist. Es gibt sogar ein Wort dafür: Demotorisierung. Immer weniger Jugendliche machen ihren Führerschein.

derStandard.at: In Kopenhagen ist viel mehr Platz für Fahrräder, alles geht viel schneller, auch die Ampelphasen wechseln sich rascher ab. Welche Konzepte könnte man für Wien nutzen?

Colville-Andersen: Seit sich vor 7.000 Jahren Städte gebildet haben, entstanden Straßen organisch und waren demokratisch. Doch seit 100 Jahren kontrollieren Ingenieure die Straßen. Sie benutzen komplizierte Computermodelle und sind nicht sehr kreativ. Ja, wir brauchen Techniker. Aber niemand ist seit 100 Jahren auf die Idee gekommen, deren uneingeschränkte Kompetenz in diesem Bereich zu hinterfragen.

Ich habe zum Beispiel vorhin versucht, vom Rathausplatz in ein gegenüberliegendes Kaffeehaus zu gelangen. Man muss zuerst links und dann rechts gehen und dann ewig warten. Ich weiß nicht, warum man in Wien so ewig an Kreuzungen warten muss, das habe ich noch nie erlebt. Ich habe mich gefühlt wie ein Bürger zweiter Klasse. Als Fußgänger gehört man hier der untersten Kaste an.

Meine Metapher dafür ist, dass wir in der Matrix leben - wie im Film. Manche Leute realisieren langsam, dass alles computergeneriert ist.

derStandard.at: Welche Pille müssen wir schlucken, um einen Ausweg zu finden?

Colville-Andersen: Das Ziel muss sein, das Fahrrad zum schnellsten Mittel zu machen, um in einer Stadt von A nach B zu kommen. Wir müssen dafür Designprinzipien anwenden, denn ein Designer denkt über die Bedürfnisse des Benutzers nach. Es muss einfach sein und intuitiv verstanden werden. Das ist etwas komplett anderes, als auf einen Computer zu starren und Daten auszuwerten. 

In Barcelona, Dublin, Sevilla, Budapest und Bordeaux gab es zum Beispiel noch vor sechs Jahren keine Räder mehr. Sie wurden von Autos verdrängt. Doch innerhalb weniger Jahre haben sie das Level der Radnutzung von Wien erreicht oder oft sogar schon weit überschritten. In Wien wird darum gekämpft, von sechs auf sieben Prozent zu kommen. 

Der Test mit der grünen Radwegfarbe in Wien irritiert den Rad-Papst sehr.

derStandard.at: Ist Ihnen bei Ihren Fahrten durch Wien etwas aufgefallen, was als Erstes im Sinne der Radfahrer geändert werden müsste?

Colville-Andersen: In Kopenhagen gibt es eine klare und sichere Hierarchie zwischen Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern. In Wien werden Radwege auf Gehwege gelegt. Man erkennt, dass nicht genug Platz für beide Gruppen ist, wenn man die Piktogramme am Boden nicht einmal mehr nebeneinander anbringen kann. Es ist alles zu schmal, und die Straßen werden von Autos kontrolliert.

Eigentlich sollte man die Möglichkeit haben, frei durch diese schöne Stadt zu gehen oder zu radeln und die Architektur zu genießen. Stattdessen kämpft man mit der Matrix. Gestern habe ich gehört, dass die Wiener Stadtverwaltung zehn Millionen Euro investieren will, um die Radwege grün anzumalen. Wie bitte? Für das Geld werden in Kopenhagen zehn Kilometer Radweg gebaut. Und hier wird Geld für stinkende grüne Farbe vergeudet. Es ist peinlich.

derStandard.at: Um noch einmal auf Kopenhagen zurückzukommen: Es ist auffällig, dass die Fahrradschlösser dort viel kleiner und fragiler sind. Haben die Kopenhagener weniger Angst, dass ihre Räder gestohlen werden?

Colville-Andersen: Das ist mir auch schon aufgefallen, aber ich habe keine eindeutige Antwort darauf. In den Niederlanden haben sie zum Beispiel alte, schlechte Räder und sichern die mit den dicksten Ketten, die man sich vorstellen kann. In Dänemark haben wir teure Räder und sichern sie mit simplen Radsperren.

Ich glaube, es gibt dieses kollektive Gefühl, dass wir alle Räder besitzen. Es gibt sogar so Zahlen, dass zwei Drittel der Dänen schon versucht haben, ein Rad zu stehlen. Ich muss gestehen, dass ich so etwas im betrunkenen Zustand auch schon einmal erfolglos versucht habe. Jeder, den ich kenne, hat es bereits versucht. Es ist das ultimative demokratische Bikesharing. Das ist aber nicht unbedingt ein Modell, das man in anderen Städten kopieren sollte. (Julia Schilly/Maria von Usslar, derStandard.at, 15.6.2013)

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