Blau-weiße Buhlschaft

13. Juni 2013, 20:06
52 Postings

Nach dieser Frau wird man sich bald umdrehen: Beim Salzburger "Jedermann" spielt Brigitte Hobmeier das berühmteste Pin-up-Girl der Theatergeschichte - Für das Rondo warf sich die Münchner Schauspielerin schon jetzt in Pose

Es gibt da eine Geschichte im Leben der Brigitte Hobmeier, die für Journalisten ein gefundenes Fressen ist. Und die deshalb in den abenteuerlichsten Versionen kursiert. Sie betrifft die Schauspielerin und ihren Schriftstellermann, sie erzählt von Privatheit und Verletzlichkeit - und auch davon, wie eigensinnig diese Schauspielerin sein kann. In der Geschichte geht es darum, dass Hobmeier und ihr Mann beschlossen hatten, dass er sie nicht auf der Bühne sehen solle.


Die Münchner Schauspielerin Brigitte Hobmeier in einem Kleid von Christian Dior by Raf Simons

Gab es eine Premiere, dann saßen im Publikum zwar Freunde und Bekannte, aber nicht ihr Mann. "Damit er auf meiner Seite ist", sagt Hobmeier heute, damit er nicht einer von denen ist, die die Schauspielerin kritisieren. Leben und Theater sollten zwei getrennte Bereiche bleiben. Und Brigitte Hobmeier in ihrer Schauspielkunst ganz unabhängig. Irgendwann erzählte sie die Geschichte aber einem Journalisten, die geheime Verabredung wurde an die große Glocke gehängt, ihr Mann war genervt und erschien bei nächster Gelegenheit verkleidet in einer ihrer Vorstellungen. Der Schriftsteller wusste jetzt, wie seine Frau auf der Bühne aussah, und war fortan öfters Gast bei einem ihrer Auftritte - wenngleich nie bei einer Premiere. Den Namen ihre Mannes gibt Hobmeier aber bis heute nicht preis.

So viel Öffentlichkeit muss dann doch nicht sein. Brigitte Hobmeier (geboren 1976) ist eine Schauspielerin, die sich in den vergangenen Jahren ihre ganz eigene Welt errichtet hat. In ihr gibt es Frauenfiguren von Herbert Achternbusch und Rainer Werner Fassbinder, von Frank Wedekind und Ödön von Horváth, es sind bodenständige und kratzbürstige Frauen, poetische und auch ganz sinnliche Figuren, die manchmal ganz furchtbar verletzlich sind. Geierwallys und Vorstadttragödinnen. Das Hässliche hat in dieser Welt meist einen größeren Reiz als das Schöne, das Schwierige einen höheren Stellenwert als das Glatte. Nur das Mittelmaß, um das macht Brigitte Hobmeier einen großen Bogen.

"Es gibt Schauspieler, die sieht man einmal und muss sie danach nie wieder sehen", sagt die Schauspielerin und lacht dann einen ihrer kehligen Lacher. Ein bisschen Trotz schwingt in dem Lachen mit (über Kollegen spricht man eigentlich nicht) und auch eine kleine Spur Unsicherheit (mit Journalisten muss man aufpassen). Der Satz bedeutet aber auch: Bei Brigitte Hobmeier kann man sich darauf verlassen, dass man, dass sie jedes Mal wieder etwas Neues entdeckt.


Kleid Wilfried Mayer, Mantel Dries Van Noten

In den vergangenen Stunden hat Hobmeier die Prozedur eines Fotoshootings über sicher ergehen lassen, hochprofessionell und mit einem Auge für jede Kleinigkeit. "Manche Schauspielerinnen sind eher Models als Schauspielerinnen", sagt sie. Nicht so Hobmeier: Statt auf einen hübschen Gesichtsausdruck achtet sie weitaus stärker darauf, ob das Foto auch Ausdruck hat. Etwas Spezielles. Etwas, das die Welt in ihrem Inneren einfängt.

Jetzt sitzt sie im Gastgarten eines Wiener Beisls und soll diese Welt, die so vielgestaltig ist, in ein paar markige Worte fassen. Also sagt sie Sätze, die zugleich schön und ein bisschen rätselhaft sind und auch aus einem Stück von Horváth stammen könnten: "Man kann nicht in Spannung sein, wenn es kein Oben und Unten gibt." Oder: "Ich hab nie g'sagt, dass ich's leicht haben will." Manche der Sätze stammen auch wirklich aus jenen Inszenierungen, die Hobmeier in den vergangenen Jahren an die Spitze des deutschsprachigen Theaters katapultiert haben. Was die ehemalige Buhlschaft Birgit Minichmayr für Wien, das ist Hobmeier für München.


Hose von Maison Martin Margiela, Oberteil und Schuhe von Hermès

Zwei Kraftspielerinnen, zwei Körperspielerinnen, beide mit markanten Stimmen ausgestattet. Auch wenn ihre bayrische Herkunft nicht bei jedem Satz sofort zu hören ist, könnte Hobmeier wohl aus keinem anderen Landstrich als aus Bayern kommen. Aufgewachsen in München Ismaning, liegen ihre Wurzeln in einem kleinen Dorf in Niederbayern. Ihre Eltern stammen von dort. Die Mutter besitzt eine Wäscherei, die Oma hatte eine Bäckerei. "Die Frauen in meiner Familie waren und sind eigenständig und stark." Kaufmannsfrauen, die zwar immer mit ihren Männern zusammengearbeitet haben, aber dabei einen eigenständigen Weg gegangen sind. "Das Letzte, was ich von meiner Oma mitbekommen habe", sagt Hobmeier, "war, lieb deinen Mann, aber mach dich nicht abhängig von ihm."


Kleid von Saint Laurent by Hedi Slimane, Brille Tommy Hilfiger

Und sei es nur von seinen kritischen Kommentaren: Von Anfang an ist Hobmeier einen eigenständigen Weg gegangen. Ihre Eltern hielten sie vom Theaterspiel zwar nicht ab, wirkliche Unterstützung bekam sie aber auch nicht. Ein brotloser Beruf sei das. Nach der Schauspielschule spielte sie bei Peter Steins megalomanischem Faust-Projekt (eine Reihe klitzekleiner Nebenrollen), ein paar Jahre verbrachte sie am Münchner Volkstheater (Aufsehen erregte ihre Geierwally), seit 2005 ist sie im Ensemble der Münchner Kammerspiele (und macht von dort immer wieder Abstecher zum Film). Mit der Salzburger Buhlschaft ist Hobmeier jetzt am vorläufigen Zenit ihrer steilen Karriere angelangt. Und weiß jetzt, Wochen vor der Premiere am 20. Juli, selbst noch nicht, wie ihr geschieht. "Wenn's mir zu viel wird", sagt sie, "nehme ich die Beine in die Hand und renne davon."


Kleid von Natures of Conflict, Denim-Gilet Wrangler, Vintage-Kette Florian Ladstätter

Eine gewisse Bodenständigkeit ist Brigitte Hobmeier geblieben. Dafür sorgen schon allein ihr Sohn und ihr theaterferner Mann. Oder um es in ihren eigenen, weitaus poetischeren Worten zu sagen: "Ich brauche meine Beine auf dem Boden, damit ich mit meinem Hirn in die Fantasiewelt abhauen kann." (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 14.6.2013)

Styling: Danijel Radic
Make-up & Haare: Christine Sutterlüty
Fotos: Maria Ziegelböck
Fotoassistent: Philipp Fleischmann
Produktion: Stephan Hilpold
Mode von Saint Laurent und Christian Dior über Liska am Graben 12, Natures of Conflict und Florian Ladstätter über Mühlbauer, Seilergasse 5, jeweils 1010 Wien, Wilfried Mayer, Bradaric Ohmae

Share if you care.