Europaweite Studie weist Pestizide im Harn nach

13. Juni 2013, 12:11
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Laut einer aktuellen Studie hat im europäischen Schnitt jede zweite Person das Pestizid Glyphosat im Harn - Ursache könnte eine neue Erntemethode sein

Wien - Als das Pestizid Glyphosat vor rund 40 Jahren auf den Markt kam, galt es geradezu als Wundermittel. Es vernichtete Unkraut - und galt ansonsten für Umwelt und Menschen als ungefährlich, da es ein pflanzliches Enzym hemmt, das bei Tieren und Menschen nicht vorkommt. Eine damit behandelte Pflanze stirbt aber binnen zwei, drei Tagen ab. Inzwischen ist Glyphosat laut Global 2000 das am weitesten verbreitete Herbizid in Europa. Und inzwischen gibt es auch Erkenntnisse über die hormonelle Wirksamkeit von Substanzen. Aber man hatte nicht damit gerechnet, dass Menschen davon direkt belastet werden könnten.

Eindeutige Ergebnisse

Genau diese Annahme stimmt aber nicht mehr: Die Umweltschutzorganisation Global 2000 und ihr Dachverband "Friends of the Earth" präsentierten am Donnerstag eine Studie, die in 18 europäischen Ländern durchgeführt wurde. Die Ergebnisse sind eindeutig: Obwohl die 15 bis 65 Jahre alten Getesteten im urbanen Raum leben, nicht mit Glyphosat hantieren (sie durften sich auch nicht überwiegend mit Biolebensmitteln ernähren) hatten einige das Pestizid im Harn. Sehr hoch war der Anteil in Malta mit 90 und in Deutschland mit 80 Prozent an positiven Ergebnissen. Österreich liegt mit 30 Prozent im unteren Drittel. Wenig Glyphosat- Fälle gab es in der Schweiz mit 17 und in Mazedonien mit zehn Prozent.

"Mit so einem Ergebnis hätte bis vor kurzem niemand gerechnet", erläutert Global-2000-Umweltchemiker Helmut Burtscher. Bisher habe man gedacht, Herbizide esse man ja nicht. Bleibt die Frage, wie das Pestizid nun doch in die menschlichen Körper gelangen konnte. Burtscher verweist hier auf eine landwirtschaftliche Methode, die aus den USA kommend in den letzten Jahren auch in Europa immer beliebter wurde: "Sikkation" wird diese Praxis genannt, was so viel wie "Trocknung" bedeutet.

Getreide totspritzen

Dabei wird das Getreide kurz vor der Ernte noch einmal mit Glyphosat behandelt. Die Pflanzen sterben ab, das Getreide kann leichter geerntet werden, muss danach nicht mehr trocknen und kann somit leichter gelagert werden. "In Deutschland, wo das Totspritzen von Brotgetreide nach unseren Informationen weit verbreitet ist, haben 80 Prozent der Testpersonen Glyphosat im Harn", betont Burtscher. "Während in der Schweiz, wo die Sikkation verboten ist, nur zwei von zwölf Probanden belastet waren."

Auch in Österreich werde die Sikkation praktiziert - aber gleichzeitig ist es ein Land mit einem sehr hohen Bio-Anteil in der Landwirtschaft. Und in der Bioproduktion dürfen Pestizide überhaupt nicht zum Einsatz kommen. "Dass Getreide kurz vor der Ernte noch einmal gespritzt wird, war mir bisher nicht bekannt", erklärt dazu der Umweltmediziner Hanns Moshammer. "Dass hier derart grob fahrlässig umgegangen wird, hat mich wirklich erschüttert." Wobei Moshammer erläutert, dass die festgestellten Mengen an Pestiziden die Testpersonen voraussichtlich nicht direkt gefährden - "aber wäre eine der Testpersonen gerade schwanger gewesen, könnten Schädigungen nicht ausgeschlossen werden".

Auch der Grünen-Landwirtschaftssprecher Wolfgang Pirkl-huber weist darauf hin, dass Glyphosat im Verdacht stehe, bei Tieren und Menschen die Fortpflanzung, Embryonal- und Fötalentwicklung zu stören sowie Krebserkrankungen zu begünstigen. Die ÖVP habe aber einen Antrag auf Aussetzung der Zulassung glyphosathältiger Pflanzenschutzmittel im Nationalrat "auf die lange Bank geschoben". Und das Unternehmen Bellaflora weist darauf hin, dass in ihren Märkten bereits Anfang dieses Jahres alle glyphosathaltigen Produkte aus den Regalen genommen wurden. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 14.6.2013)

  • Wird reifes Getreide noch einmal mit Pestiziden gespritzt, erleichtert das die Ernte - kann aber Lebensmittel belasten. 
    foto: apa/helmut fohringer

    Wird reifes Getreide noch einmal mit Pestiziden gespritzt, erleichtert das die Ernte - kann aber Lebensmittel belasten. 

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