"Ein Bürger ohne Arbeit ist ein Bürger ohne Würde"

Leserkommentar13. Juni 2013, 16:02
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Ein Leser über einen Arbeitslosen in Italien, den er auf der Straße kennengelernt hat

Dignità ist ein italienisches Wort, übersetzt bedeutet es Würde. Nicola, so heißt der Mann, der sich unmittelbar neben dem Eingang zum Verwaltungsgebäude niedergelassen hat, mit seinem Koffer, daneben Einkaufstaschen, aus denen bunte Wäsche ragt. Ein Stück Styropor, angebracht an der Wand, soll gegen die Kälte schützen, wenn er auf seinem Stuhl sitzt oder sich nach hinten lehnt, um zu schlafen. 18 Monate lang harrt er nun schon aus, lebt, sofern man dieses Wort für seinen Zustand gebrauchen kann, unter den Bögen des Palazzo Moroni in der norditalienischen Universitätsstadt Padua. 18 Monate ist es her, dass Nicola, 48 Jahre alt, aufbrach in seiner Heimatstadt Bari und nach Padua fuhr, um Arbeit zu suchen.

Seine Wahl fiel nicht zufällig auf diese Stadt, dort hatte er seinen Militärdienst absolviert, die Bewohner waren ihm als gastfreundlich und offenherzig in Erinnerung
geblieben. "Ein Mensch ohne Arbeit ist ein Mensch ohne Würde", steht auf einem der Plakate geschrieben, die rund um seinen Platz angebracht sind, "Recht auf Arbeit, Recht auf Würde", auf einem anderen, und: "Wenn ich arbeite, lebe ich". Die Kellner der gegenüberliegenden Bar bringen ihm am Morgen etwas zu trinken, manchmal einen Kaffee, hin und wieder Brioches.

Nicola ist kein Bettler

Angestellte eines anderen Cafés laden sein Handy auf, wenn das Akku leer ist. Die Stadtpolizisten fragen nach, ob ihn jemand belästigt und sagen, er solle sich melden, wenn man ihn bedrohe. Städtische Hilfsorganisationen boten ihm mehrmals ein Bett an, um sich auszuruhen, und eine warme Mahlzeit, er lehnte beides ab, schließlich sei er kein Bettler, erzählt er höflich mit schüchternem Blick, er wolle einfach nur auf seine Lage aufmerksam machen, er suche bloß Arbeit, sagt er.

Dass es so lange dauern würde, dachte er wohl nicht, als er hierher kam. Was geschieht mit Menschen, die ihren Job verlieren, was wird aus jungen Leuten, die erst gar keine Aussicht auf Arbeit haben, was, wenn ein höherer Bildungsgrad kein Garant mehr für Arbeit ist, bleibt das Auswandern in ein Land, aus welchem Nachrichten vom Wirtschaftsaufschwung kommen, die einzige Möglichkeit? Und was passiert mit den Dörfern, den Städten, den Ländern, den Gesellschaften, denen die Menschen den Rücken kehren?

In Italien werden die Lücken schnell gefüllt, meint Andrea Camilleri, italienischer Schriftsteller, die Leere, die durch das Wegziehen entsteht, wird durch all das ersetzt, weswegen die Menschen abwandern, eine Leere, die durch Aussichtslosigkeit, Entmutigung, Hass und letztendlich durch Kriminalität, durch das organisierte Verbrechen neu besetzt wird.

Immer mehr betroffen

Und Nicola? Er wird wohl weiter darauf warten, dass jemand kommt und ihm eine Arbeit anbietet. Rechts unten, auf einem DIN-A3-Blatt steht: "Ich schaue, sehe aber nichts, esse, habe keinen Appetit, atme, lebe aber nicht, falle, stehe auf, falle wieder hin. Befreie mich, ein Bürger ohne Arbeit ist ein Bürger ohne Würde". Man könnte die Stadt tolerant nennen, die Menschen offen für die Probleme der Gesellschaft. In Wahrheit aber sehen ihn die Leute gar nicht mehr, wenn sie dort vorbeigehen, als wäre sein Verlangen ein Einzelfall, Nicola nur ein Exot. Dass sein Anliegen einen Zustand anspricht, dem ein immer größer werdender Teil der italienischen Bevölkerung ausgesetzt ist, dass es auch jene trifft, die bisher zur Mittelschicht gehörten, wird nicht wahrgenommen, zuweilen einfach beiseitegeschoben.

Wie tolerant ist es, dass er dort sitzen darf, seit achtzehn Monaten, seit mehr als einem Jahr darauf wartend, dass ihm jemand eine Arbeitsstelle anbietet? Manchen geht es noch einigermaßen gut, in Italien ist viel Eigentum vorhanden, die privaten Spareinlagen sind höher als in anderen Ländern. So sehr man sich aber auch bemüht wegzuschauen, auch Nicola ist Italien, oder, anders gesagt, Nicola ist, was aus Italien werden könnte, wenn sich nicht bald etwas ändert. (Horst Moser, Leserkommentar, derStandard.at, 13.6.2013)

Horst Moser lebt als freier Autor und Unternehmer in Südtirol. Er schreibt Romane, verfasst Artikel und bloggt. Nicola hat er auf der Straße kennengelernt und sich lange mit ihm unterhalten.

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