Isfahan: Halbe Welt in Himmelblau

13. Juni 2013, 20:01
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Isfahan gilt als Perle der iranischen Städte, über die die Unesco wacht. Selbst Handwerker schätzen das, obwohl ihnen das Fortbestehen des eigenen Kulturerbes Sorgen bereitet

Seine Hände sind dreckig von Schwarz und Indigo. Stoffmuster, die wie tätowierte Haut aussehen, wandern langsam die Unterarme rauf. Unter den Fingernägeln: die bunten Spuren eines langen Arbeitstages. "Es ist ein schöner, ein intensiver Job", sagt Mohammad Rezar. "Aber wir färben schon lange nicht mehr mit natürlichen Farben, denn das ist viel zu teuer." Rezar ist einer von tausenden Stoffdruckern, von sogenannten Chitsazan-ha, die in Isfahan tätig sind. Die Tradition wird schon seit Jahrhunderten weitergegeben. Hier, in den Innenhöfen des Basars, ist das Kunsthandwerk, das mittlerweile mit künstlichen Farben aus der Türkei ausgeübt wird, noch besonders häufig anzutreffen.

Aber dann, hinter vielen Metern Baumwollstoff, taucht plötzlich eine kleine Bio-Müllhalde auf. Ausgepresste Granatapfelschalen liegen auf dem Boden, rundherum eine Lacke aus tiefrotem Saft. "Rot ist die einzige Ausnahme", meint Rezar. "Das leisten wir uns noch, denn keine einzige künstliche Farbe kommt auch nur annähernd an das strahlende Leuchten der Granatapfelkerne und der Schale heran. Immerhin, damit lebt die Tradition unserer Väter im Rot weiter."

Für ein Tischtuch werden rund 30 bis 40 unterschiedliche Druckstempel benötigt. Kleine, kaum sichtbare Passmarken, die der Chitsazan im wilden Ornament platziert, ermöglichen ein regelmäßiges, homogenes Muster. Vier bis fünf Farbschichten werden pro Stoff übereinandergedruckt, von der dunkelsten bis zur hellsten. Nach dem Trocknen wird die Farbe über heißem Dampf fixiert. 20 bis 30 große Tücher schafft Rezar pro Woche. Die meisten davon gehen an Touristen. Damit verdient er mehr als viele seiner Kollegen.

Der Basar von Isfahan ist, wie auch der angrenzende Imam-Platz, eine von 15 Unesco-Weltkulturerbe-Stätten im Iran. Und das schon seit 1979. "Erinnern Sie mich nicht an dieses Jahr", sagt Kourosh, ein Altwarenhändler, der in einem der vielen Bögen des Basars ein Schmuckgeschäft betreibt und seinen Nachnamen lieber für sich behält. "Die Islamische Revolution hat vielversprechend begonnen, und der Ayatollah Khomeini genoss damals mein vollstes Vertrauen, aber wie sich die Politik seitdem verändert hat. Es ist eine Zerstörung von allem, was dieses Land jemals ausgezeichnet hat. So viel Kultur. So viel Reichtum. Alles kaputt."

Ringfingerzeig auf Persiens Perlen

Kourosh hält kurz inne, reibt sich die Augen. "Immerhin gibt's die Unesco, die große Teile von Isfahan, Tabriz und Shushtar unter Schutz gestellt hat, und dann natürlich die wunderschönen Gärten von Shiraz. Dorthin trauen sich schön langsam auch wieder Touristen. Mal schauen, wie es nach den Wahlen weitergeht. Ganz ehrlich? Es kann eigentlich nur besser werden. Für mich steht jedenfalls fest: Isfahan bleibt mein Zuhause. Ich liebe diese Stadt. Denn, wissen Sie," Kourosh macht eine kreisende Bewegung über seinem Finger, "Isfahan ist die himmelblaue Perle auf einem wunderschönen Ring namens Iran."

Tatsächlich ist die Dichte an denkmalgeschützten Sehenswürdigkeiten enorm. Die meisten davon wurden in der Safawiden-Dynastie im 16. und 17. Jahrhundert errichtet und drängen sich rund um den Meydan-e Imam, den großen Imam-Platz im Zentrum der Stadt. Mit seinen 524 Metern Länge und 160 Metern Breite zählt der ehemalige Königsplatz nicht nur zu den größten, sondern auch zu den schönsten Plätzen Persiens. Die Große Moschee, die Scheich-Lotfallah-Moschee und der Ali-Qapu-Palast mit seinen schlanken, fein geschnitzten Holzsäulen liegen hier wie aufgefädelt. In den 1,2 Kilometer langen Arkadengängen, die das prächtige Ambiente zusammenhalten, haben sich Teppichhändler, Kupferschmiede und Keramiker niedergelassen. Dazwischen blitzen immer wieder Kaffeehaustische (mit Touristen) und knallbunte Picknickdecken (mit Einheimischen) auf. Nach dem großen Freitagsgebet lassen sich ganze Familien in der Wiese nieder, trinken Tee, essen Kabab und drehen zum Abschluss des Tages eine Runde in der Pferdekutsche.

Das Auffälligste am Meydan-e Imam sind allerdings die Farben: Weiß, Gold, Ultramarin und natürlich das kräftige, himmelblaue Türkis, von dem Kourosh so schwärmt. In Form von glasierten Tonfliesen - den sogenannten Fayencen - werden die Portalbögen - die sogenannten Iwans - der Moscheen und Paläste in florale Ornamente und üppig geschmückte Koransuren gehüllt. Ein persisches Sprichwort besagt: "Isfahan, das ist die halbe Welt." Beim Anschauen dieser Fassaden versteht man sofort, warum.

Als der französische Schriftsteller und Marineoffizier Pierre Loti um die Jahrhundertwende nach Persien kam, fühlte er sich von der Schönheit dieser Stadt so hingerissen, dass er beschloss, seine Eindrücke zu verewigen. In seinem 1904 erschienenen Buch Nach Isfahan schreibt er: "Und dann, wie im Theater, wenn der Vorhang aufgeht, treten zwei öde Hügel auseinander, und dahinter enthüllt sich langsam der Garten Eden." Tatsächlich: Als Flussoasenstadt in 1500 Metern Höhe ist das Klima in Isfahan mild, fast mitteleuropäisch. Mitten durch die Stadt fließt der "Lebensspender" Zayandeh Rud, der sich rund 400 Kilometer durch den Zentraliran schlängelt und dem die Stadt einen wichtigen Teil ihrer - auch kulturellen - Fruchtbarkeit verdankt.

Brücken zwischen Erhabenheit und Bedrohung

Es sind aber auch die Brücken, die Isfahan zur "halben Welt" und zur Halbwelt machen. Die Pol-e Khadjou, die Pol-e Choubi und die 1602 errichtete Si-o Se Pol, die sogenannte 33-Bogen-Brücke, die als die herrlichste von allen gilt. Mit seinen 290 Metern Länge spannt sich das archaische Ziegelbauwerk von Ufer zu Ufer und dient den Isfahanern als Ziel von Spaziergängen, als Kulisse für Tretbootfahrten und als Versteck für heimliche Rendezvous. Denn Letztere haben freilich unter Wahrung des Anstands, also ohne körperlichen Kontakt zwischen Mann und Frau stattzufinden. Die Gashte Ershad, die Sittenpolizei der Islamischen Republik, ist überall, mal in Montur, mal in Zivil, und wacht mehr denn je über das Miteinander in der Öffentlichkeit.

Doch nicht nur dieser Umstand hüllt die alten Brücken von Isfahan in ein Zwielicht aus Erhabenheit und Bedrohung. Seit knapp zehn Jahren bleibt der Zayandeh Rud durch Übernutzung des Grund- und Oberflächenwassers während eines großen Teils des Jahres trocken. Zäher Schlamm kriecht dann noch anfänglich zwischen den Brückenpfeilern hindurch, bis sich die schwanenförmigen Tretboote oft ganz im Sand vergraben.

Mit seinen rund 1,8 Millionen Einwohnern, darunter viele Studenten, ist Isfahan heute dennoch eine aufstrebende Universitätsstadt mit immergrünen Gartenanlagen und hübschen Cafés. Doch die andere, die alte "halbe Welt" im Zentrum Persiens scheint immer wieder bedroht. Rund um die historische Innenstadt scharen sich bereits modernere Textilfabriken, die den traditionellen Chitsazan-ha langsam den Rang ablaufen, und auch die neuen Tempel der Öl- und Stahlindustrie.

Doch wie sagte schon Kourosh, der kluge Altwarentandler aus dem Basar: "Ich liebe mein Isfahan. Ich liebe meine Kultur. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe im Gestern. Die Frage ist nur, wie lange noch." (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 14.6.2013)

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    Dem gigantischen Imam-Platz als Ort öffentlicher Bewunderung stehen stille Sehnsuchtsorte am Fluss Zayandeh Rud gegenüber.

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    Rudimentär romantisch wird's für die Isfahaner nur in den Tretboot-Schwänen oder im Schatten der 33-Bogen-Brücke

  • Der persische Stoffdruck als Gratwanderung zwischen Kunst und Künstlichkeit. Nur mehr selten werden natürliche Farbstoffe verwendet.
    foto: orbis

    Der persische Stoffdruck als Gratwanderung zwischen Kunst und Künstlichkeit. Nur mehr selten werden natürliche Farbstoffe verwendet.

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    Welchem Zweck der bis 1616 errichtete Scheich-Lotfollaah-Palast in Isfahan ursprünglich diente, ist unklar. Die Inschrift am Portal weist ihn heute als Moschee aus.

  • Anreise & Unterkunft 
Von Wien nach Teheran nonstop mit Iran Air oder günstiger mit Pegasus Airlines bzw. Turkish Airlines via Istanbul. Für die Einreise ist ein Visum erforderlich. Im Iran gibt es billige Inlandsflüge um 40 bis 50 Euro, mit dem Bus oder Taxi dauert die Fahrt von Teheran nach Isfahan fünf bis sechs Stunden. In Isfahan existieren noch viele ehemalige Atriumswohnhäuser, die zu Pensionen umgebaut wurden, zum Beispiel das Hotel Sonati. Aktuelle Hinweise zur Sicherheit im Land unter: www.bmeia.gv.at
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    Anreise & Unterkunft

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