Sind Sparbuchbesitzer Kapitalisten?

Kommentar der anderen12. Juni 2013, 19:12
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Streitobjekt Crowdfunding: Eine Erwiderung auf Christian Felber

Kleinanlegern werden unversehens Kapitalisten, Geld ohne ausreichenden Schutz der Geldgeber Unternehmen anzuvertrauen, wird plötzlich zu einem Grundrecht. Einlagengeschäfte - für Banken streng geregelt - sollen ohne Regelwerk für jedes Unternehmen möglich sein. Erstaunlich! Hätte man es mit einem leidenschaftlichen Liberalen zu tun, der jegliche staatliche Regelung als Bevormundung bewertet, würde man sich weniger wundern. Aber ein Gemeinwohl-Ökonom wie Christian Felber?

Nach Herrn Felber ("Kapitalistenschutz im Waldviertel?", DER STANDARD, 10. Juni) müssten auch Sparbuchbesitzer als Kapitalisten bezeichnet werden, bekommen diese doch - wenn derzeit auch mickrige - Zinsen. Das ist doch etwas absurd. Die Arbeiterkammer (AK) vertritt die Interessen von ganz normalen Arbeitern und Angestellten - auch in ihrer Rolle als Kleinanleger. Von den Zinseinkünften allein kann keiner leben. Viele haben durch harte Arbeit bescheidene Ersparnisse, die sich auf Sparbüchern aber auch in anderen Veranlagungen befinden. Dass man dafür Zinsen haben möchte, ist grundsätzlich nicht verwerflich. Die AK kümmert sich um diese Kleinanleger. Vor allem seit 2008 ist der AK-Konsumentenschutz mit unzähligen Beschwerden über teilweise existenzbedrohende Verluste von Veranlagungen beschäftigt, berät und vertritt Geschädigte. So konnte die AK für geschädigte Anleger mit der Meinl-Bank einen Vergleich von rund 12 Millionen Euro erzielen. Reiche Kapitalisten haben wir darunter keine gefunden, sondern arbeitende Menschen, die um ihr Erspartes bangen.

Reden wir nicht von einem Waldviertler Unternehmen, sondern von Regelungen für Crowdfunding bzw. Crowdinvesting und -lending. Es ist nämlich zu differenzieren, ob es sich um Spenden an Sozialvereine handelt oder um Darlehen oder (stille) Beteiligungen an gewinnorientierten Unternehmen. Nichts anderes ist Crowdinvesting bzw. - lending, das sich ja speziell an private Kleinanleger richtet. Der Weg des Kleinanlegers zum Unternehmen erfolgt über eine Internetplattform. Das ist neu. Ansonsten ist es eine normale Veranlagung. Während für Banken Anlegerschutzbestimmungen zu Recht immer mehr werden und eine Einlagensicherung gilt, soll nun eine andere Türe zu den Ersparnissen von ganz normalen Menschen aufgemacht werden, wo keine Regelungen gelten sollen. Wer dann Geld verliert, ist halt selber schuld?

Nein, so einfach kann man es sich nicht machen. Welches Risiko ist damit verbunden? Welche Informationspflichten und Haftungsregelungen bestehen? Darüber sollte diskutiert werden. Jetzt geschwind an einer Schraube zu drehen, nämlich die Grenze für die Prospektpflicht anzuheben, bedeutet geringeren Anlegerschutz, weniger Informationspflichten, weniger Haftung, weniger Aufsicht zugunsten von Unternehmen.

Auch die via Crowdinvesting finanzierten Unternehmen haben ein Risiko, nämlich: Viele Anleger wollen gleichzeitig ihr Geld zurück haben. Das kann ein an sich gesundes Unternehmen ruinieren. Die Einlagensicherung des Bankensystems hilft nicht nur den Konsumenten, sondern verhindert auch, dass es in einer Krisensituation zu einem Ansturm auf die Einlagen kommt.

Crowdfunding, -investing und -lending bedarf noch vieler Diskussionen. Erst auf Basis fundierter Zahlen und Analysen - und nicht anhand der Wünsche eines einzelnen Unternehmers - soll man an einem rechtlichen Regelungswerk arbeiten, das sowohl Finanzierungsinteressen von Unternehmen als auch Anlegerinteressen entsprechend Rechnung trägt. (Gabriele Zgubic, DER STANDARD, 13.6.2013)

Gabriele Zgubic leitet die Abteilung Kosumentenpolitik in der Arbeiterkammer Wien.

Kommentar der anderen von Christian Felber: "Kapitalistenschutz im Waldviertel?", 10. Juni 2013

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    Gegen FMA-Regeln: Heinrich Staudinger (re.) mit Unterstützer Roland Düringer im Dezember 2012.

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