Das Ende einer Instanz

12. Juni 2013, 18:12
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Die Brockhaus-Enzyklopädie wird nicht mehr weitergeführt

Berlin - In der Sprache der Feldherren würde man von einem weiteren Rückzugsgefecht sprechen, das verlorenging: Der Medienmischkonzern Bertelsmann gab bekannt, dass der Brockhaus, Deutschlands bekannteste Enzy­klopädie, nicht weitergeführt werde. Schon 2008 war der Abschied von der gedruckten Ausgabe entschieden worden. Nun hat auch die digitale Ausgabe keine Zukunft mehr - jedenfalls nicht unterm Bertelsmanndach, wo man 2016 die Arbeit an den Ak­tualisierungen einstellen will. 300 Arbeitsplätze sind betroffen, und noch einmal so viele im Direktvertrieb, al­so dort, wo bis zuletzt Vertreter um Absatz für das Produkt warben. Sollte jemand kommen und sich den Markennamen sichern wollen, stehen vielleicht immer noch Möglichkeiten offen, ein Projekt weiterzuführen, das ziemlich genau so alt ist wie die so­genannte Aufklärung selbst.

Im Zeitalter des elektronischen Updates sind die evolutionären Zyklen, in denen "Der große Brockhaus" neue Auflagen und Überarbeitungen erfuhr, obsolet geworden. Und die Suchmaschinen im Netz haben das Prinzip des Nachschlagens in einer Weise revolutioniert, das die gute alte alphabetische Reihung von Stichwörtern unzeitgemäß erscheinen muss. Da nützt das ganze bildungsbürgerliche Prestige, das mit dem Namen Brockhaus verbunden ist, nichts. Die Entscheidung von Bertelsmann hat einen medialen und einen epistemologischen (also wissenstheoretischen) Aspekt. Der mediale ist auch für die Zeitungen von Interesse. Denn an der Differenz zwischen Brockhaus, Wikipedia und freiem Gegoogel lässt sich sehr schön ablesen, wie es heute um gesicherte Information bestellt ist - also um Information, die durch bewährte Institutionen (in erster Linie Redaktionen) erarbeitet wurde.

Enzyklopädie neu denken

Hier hätte Brockhaus durchaus Chancen, doch liegen die eigentlichen Probleme wohl eher im zweiten Bereich. Eine Enzyklopädie müsste heute mit Blick auf neue Formen des Wissensmanagements neu gedacht werden. Wir justieren ja inzwischen ständig das Ausmaß unseres Interesses an bestimmten Themen; dort gehen wir in die Tiefe, anderswo bleiben wir bewusst ignorant. Das Universallexikon hatte vor allem die Funktion, ein bestimmtes Niveau des Wissens als Standard eher zu repräsentieren als tatsächlich zu vermitteln. Heute aber haben sich die Wissensbereiche auch in halbwegs homogenen Milieus so stark ausdifferenziert, dass die verbindende Größe nur noch eine formale ist: die Suchmaschine, die keinen Unterschied macht hinsichtlich der Infoqualität.

Dass das Enzyklopädische auch in (elektronischer) Form Zukunft hat, zeigen Reihen wie "Wissen" bei C. H. Beck und die "Very Short Introductions" der Oxford University Press - alles zu einem Thema auf 100 Seiten, das ist die Dosis, die perfekt in unsere Lebenswelt zu passen scheint. Der Brockhaus hingegen gar nicht mehr. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 13.6.2013)

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    Schon 2008 hatte man sich entschieden, die gedruckte Ausgabe des Brockhaus einzustellen - nun hat auch die digitale Ausgabe keine Zukunft mehr.

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