Zusammenkunft der Lebensmüden in Las Vegas

12. Juni 2013, 17:59
2 Postings

Robert Lepage verfolgt in seiner Verwandlungsrevue "Playing Cards" Menschen am Scheideweg - Technisch perfekt unterstütztes Schauspiel lässt in der Messe Wien Las Vegas näherrücken

Wien - Nicht jedes Theater hat einen Windkünstler engagiert. Wer aber sein Stück in der Wüstenstadt Las Vegas ansiedelt, sollte nicht darauf verzichten. Tornados sind hier schließlich Alltag. Kreativposten wie der des Windkünstlers sind das A und O des Zaubertheaters von Robert Lepage. Der kanadische Regisseur, ein seit vielen Jahren in Wien gern gesehener Festwochen-Gast, treibt für sein verblüffendes Trickkistentheater die Bühnentechnik der zahllosen Gastspielstätten zwischen Moskau und Montreal oft an ihre Grenzen.

In der Messehalle D, wo das Las-Vegas-Stück Playing Cards 1: Spades (" Karten spielen 1: Pik") noch bis Samstag gastiert, entfesselt Windkünstler Daniel Wurtzel bühnenmittig einen Blizzard, der sich im rostigen Wüstenlicht von Louis-Xavier Gagnon-Lebrun mit zunehmender Geschwindigkeit in den Schnürboden hinaufschlängelt. Die Wüste lebt!

Eher lebensmüde ist hingegen das Grüppchen Menschen, das Lepage in der Kasino-Metropole Las Vegas zusammengeführt hat: einen spielsüchtigen Geschäftsmann, ein frisch vermähltes Paar, zwei Soldaten, Hotel- und Showpersonal. Playing Cards 1: Spades, der erste Teil einer mit den Spielkarten Pik, Herz, Karo und Kreuz ein Assoziationsspiel treibenden Tetralogie, beobachtet diese Menschen an einem Scheideweg.

Aus dem Boden der Rundbühne erheben sich dafür die notwendigen Requisiten wie von Zauberhand: Türen stehen auf, eine Hotelbar klappt sich herauf, auch ein Schwimmbad mit dampfendem "Wasser" ist - mittels Absenktechnik - schnell angerichtet (Bühne: Jean Hazel). Die Schauplätze gehen geschmeidig ineinander über. Von der gelüpften Hotelbettdecke zu dem Indianer, der bedächtigen Schrittes einen toten Hasen in der Wüste zu Grabe trägt, sind es nur wenige Augenblicke.

Die Bühne steckt voller Überraschungen (nicht nur) aus dem Untergrund; sie ist das Herzstück dieser Verwandlungsrevue, in der lediglich sechs Schauspieler ein Figurenpersonal von dutzenden Rollen abdecken.

Technik und Stückinhalt gehen Hand in Hand, sie bedingen einander - das ist die besondere Qualität bei Robert Lepage. Zuletzt war es eine stimmliche Wunderkammer, die er für das Vielsprachen-Epos Lipsynch (2010 bei den Festwochen) erschaffen hat. Bei Playing Cards sind es die technisch präzise herbeigeführten Kreuzungspunkte von Lebenswegen und die daraus folgenden Konsequenzen.

Und das alles in einer Welt der Chimäre: Ein von Elvis frisch getrautes Ehepaar entzweit sich, kaum dass es auf den Cowboy Dick (!) trifft. Er hat Karten für Céline Dion. Ein im Wüstencamp für den Irakkrieg trainierender dänischer Soldat zweifelt am Kampf gegen den Islam und bittet die Escortdame, die er in der Hotelbar getroffen hatte, um einen Gnadenakt. Ein spielsüchtiger Geschäftsmann wird rückfällig und sucht schließlich Erleuchtung in der Wüste, wo ihm ein Indianer den Weg weisen wird (eine etwas schwülstige Szene).

Das im Kasino gewonnene Geld hinterlässt er in einem Moment völliger Loslösung dem Transgender-Zimmermädchen Conception. Diese sieht jedoch nichts davon, da eine ihrer Kolleginnen, eine illegal in den USA lebende Hotelangestellte, die beträchtliche Summe für einen wichtigen Arztbesuch braucht usw.

Wüstenwind weht nach Wien

Robert Lepage gelingt es, in seiner technisch abenteuerlichen, szenisch poetischen Show, viel (desillusionierende) amerikanische Realität einzufangen. Eine Kunst, die man in Europa nicht so gut beherrscht: das Schwere mittels Leichtigkeit auszudrücken. Zu dieser Gratwanderung tragen auch die nicht nur in ihrer Wendigkeit akkuraten Schauspieler bei. Kaum sind sie hüfthoch aus dem Bühnenboden aufgetaucht, haben sie dort, an der "Bar", auch schon ihren Cocktail gekippt.

Man kann sagen, die Illusionsmaschine aus Quebec läuft weiter wie geschmiert. Der kalte Nachtwind der Wüste Nevadas ist nach Wien geweht. Die durch die Luft wirbelnden Spielkarten haben wie die Rotorblätter eines Black Hawk geklungen. Geniale Kunst. (Margarette Affenzeller, DER STANDARD, 13.6.2013)

Bis 15. 6.

  • In Las Vegas an der Ausklapp-Bar: Eine Dame kommt mit Irakkrieg-Soldaten ins Gespräch - in Robert Lepages "Playing Cards 1: Spades".
    foto: érick labbé

    In Las Vegas an der Ausklapp-Bar: Eine Dame kommt mit Irakkrieg-Soldaten ins Gespräch - in Robert Lepages "Playing Cards 1: Spades".

Share if you care.