Hinweise auf Endogamie in steinzeitlicher Gesellschaft gefunden

16. Juni 2013, 18:20
64 Postings

Die Menschen, die vor 9.000 Jahren in Jordanien lebten, heirateten innerhalb der Verwandtschaft

Freiburg - Steinzeitliche Gesellschaftsstrukturen sind nur schwer zu rekonstruieren. Einen solchen Einblick hat nun ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung des Naturhistorischen Museums Wien gewonnen, wie die Universität Freiburg im Breisgau berichtet. Die Forscher untersuchten die Spuren von Menschen, die vor 9.000 Jahren im Süden des heutigen Jordanien lebten.

Laut der in "PloS One" veröffentlichten Studie fanden die Forscher eindeutige Hinweise auf Endogamie, also eine gesellschaftliche Konvention, nach der nur Menschen innerhalb derselben Gruppe oder Schicht Ehen schließen dürfen. Es kann sich um soziale ebenso wie um verwandtschaftsbasierte Gruppen handeln - im Falle der Steinzeit-Jordanier war es offenbar letzteres.

Aufschlussreiche Zahn-Untersuchungen

"Früher standen uns hauptsächlich die Ruinen der Häuser sowie Gräber zur Verfügung, um die soziale Organisation zu rekonstruieren", sagt Marion Benz vom Institut für Vorderasiatische Archäologie der Uni Freiburg. An der jordanischen Ausgrabungsstätte Basta wurden aber auch Skelettreste von mehr als 50 Menschen gefunden, was die Untersuchung von Zähnen und Kiefern der ehemaligen Siedlungsbewohner ermöglichte.

Dabei stellten die Forscher fest, dass bei über einem Drittel die seitlichen oberen Schneidezähne fehlten: Eine ungewöhnliche Häufung, denn dieses Merkmal kommt nur bei etwa ein bis zwei Prozent aller Menschen weltweit vor. Dass die erbliche Zahn-Anomalie bei den Untersuchten derart weit verbreitet ist, lässt auf eine endogame Lebensweise schließen. Nur so konnte das seltene Merkmal fortlaufend weitervererbt werden.

Bewusst gewählte Lebensweise

Isotopen-Analysen der Zähne gaben darüberhinaus Aufschluss über den damaligen Lebensraum. Demnach wuchsen beinahe alle der untersuchten Steinzeitmenschen in Basta auf und wurden auch dort bestattet. Gleichzeitig belegen die Spuren anderer Rohstoffe, dass diese Menschen nicht von der weiteren Umgebung ihrer unmittelbaren Lebenswelt abgeschnitten waren. Die Wissenschafter fanden an der Ausgrabungsstätte beispielsweise Korallen aus dem Roten Meer - geografische Isolation war also nicht der Grund für eine endogame Lebensweise.

Diese sei stattdessen eine bewusste Wahl dieser frühen Bauern gewesen: Möglicherweise wollten sie so den Zugang zu wertvollen Ressourcen wie Nahrung auf die eigene Verwandtschaft beschränken, spekulieren die Forscher. Vielleicht war Endogamie auch ein Mittel, um den Zusammenhalt in der Gruppe zu stärken und Streitigkeiten beiseite zu schaffen – eine Form steinzeitlichen Konfliktmanagements. (red, derStandard.at, 16. 6. 2013)

 

  • Steinzeitliche Ruinen an der jordanischen Ausgrabungsstätte Basta. Vor 9.000 Jahren blieb man hier lieber unter sich - nicht gezwungenermaßen, sondern aus einem Grund, über den man heute nur noch spekulieren kann.
    foto: marion benz

    Steinzeitliche Ruinen an der jordanischen Ausgrabungsstätte Basta. Vor 9.000 Jahren blieb man hier lieber unter sich - nicht gezwungenermaßen, sondern aus einem Grund, über den man heute nur noch spekulieren kann.

Share if you care.