Junge Frauen an der Spitze der Proteste gegen Erdogan

12. Juni 2013, 17:09
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Säkuläre Türkinnen stemmen sich gegen den konservativen Kurs ihrer Regierung

Istanbul/Ankara - Sie sind weiblich, gebildet und kommen aus dem städtischen Milieu: Weil viele junge Türkinnen ihren säkularen Lebensstil vom Kurs des konservativ-islamischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan bedroht sehen, gehören sie zur Speerspitze der anhaltenden Proteste in der Türkei.

Selbstbewusste Haltung

"Wir sind die Frauen, die Erdogan lieber zu Hause sehen würde", sagt Sevi Algan. Die 37-jährige Schauspielerin stört sich an Erdogans Gebaren, das sie als moralische Selbstherrlichkeit wahrnimmt. "Ja, wir trinken Alkohol und debattieren gerne, aber Erdogan und seine Leute haben doch kein Monopol auf den Islam."

Es ist diese selbstbewusste Haltung, die Frauen auf den Istanbuler Taksim-Platz, dem Zentrum des Protests, getrieben hat. Studentinnen, Anwältinnen, Lehrerinnen, Angestellte und andere Frauen stellen gut die Hälfte der ProtestteilnehmerInnen. Viele von ihnen geben unumwunden zu, dass sie sich vor zwei Wochen noch selbst kaum hätten vorstellen können, gegen die Regierung auf die Straße zu gehen.

Doch der seit elf Jahren regierende Erdogan, dessen Frau und zwei Töchter stets das islamische Kopftuch tragen, hat aus Sicht dieser Frauen den Bogen überspannt. Die Eingriffe bei Abtreibungsfragen, die begrenzte Verfügbarkeit der sogenannten "Pille danach" oder auch die Einschränkung des Alkoholverkaufs haben ihre Wut auf Erdogan geschürt. Als die Regierung am 31. Mai den Protest gegen ein Bauprojekt im Istanbuler Gezi-Park mit Gewalt zu beenden suchte, war dies nur noch der Funken im Pulverfass.

"Soziale Revolution"

"Uns geht es nicht darum, Teile unserer islamischen Kultur aufzugeben, sondern darum, unsere geltenden Rechte zu erhalten", sagt die 21-jährige Philosophiestudentin Esra, auf dem Rasen des Gezi-Parks sitzend. Um sie herum werden gratis Essen, Yoga-Kurse und kleine Konzerte angeboten. Feministinnen, LGBT-AktivistInnen (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) und kapitalismuskritische Muslima sitzen Seite an Seite und genießen den verbindenden Moment der Straßenfest-Atmosphäre. "Schau dir die Solidarität auf dem Taksim-Platz an. Das bedeutet es, Muslim zu sein", sagt Sevi, eine Schauspielerin.

Bisher zeigen sich Erdogan und seine AKP-Partei unnachgiebig im Angesicht der DemonstrantInnen, doch die 26-jährige Dicle, eine Bankangestellte, ist voller Hoffnung: "Uns ist klar, dass sich das System nicht über Nacht ändert. Aber das ist ein historischer Schritt in Richtung einer sozialen Revolution."

Trotz der beeindruckenden Massen, die sich Tag für Tag im Zentrum Istanbuls zum Protest versammeln, stützt sich Erdogan auf eine stabile Machtbasis. Er wurde zuletzt im Jahr 2011 mit beinahe fünfzig Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. "Wir Frauen schlafen hier nachts draußen im Park, und es gab nicht einen Übergriff oder Diebstahl", sagt die 35-jährige Schauspielerin Nurcan. "Weißt du, warum das so ist? Weil die anderen fünfzig Prozent nicht hier sind." (APA, 12.6.2013)

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