Heftige Kritik an Psychologengesetz

12. Juni 2013, 14:59
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Psychiater und Psychotherapeuten kritisieren Bevorzugung der Psychologen - Gesetzesvorhaben soll zurück an den Start - Ministerium weist Kritik zurück

Wien - Das vom Gesundheitsministerium geplante neue Psychologengesetz stößt auf vehemente Kritik bei Psychiatern und Psychotherapeuten. Die Berufsgruppe der Psychologen würde damit zum Schaden der Patienten massiv bevorzugt, hieß es in einer Pressekonferenz am Mittwoch. Ärzte und Therapeuten forderten die Rücknahme des Vorhabens und einen Runden Tisch, um ein konsensfähiges Modell der Zusammenarbeit gemeinsam zu erarbeiten.

In dem Gesetz geht es um die Berufsbilder Gesundheitspsychologie und Klinische Psychologie, Studien- und Ausbildungsfragen, Berufspflichten, Sanktionsmöglichkeiten und Patientenrechte. Die aus dem Jahr 1990 stammende geltende Regelung wird damit nicht einfach novelliert, vielmehr hat man das Gesetz gleich neu geschrieben.

Im Zuge dessen wurden allerdings eine "ganz absurde Idee" hineingeschmuggelt, kritisierte Stephan Doering, Leiter der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychiatrie an der Medizinischen Universität Wien. Vorgesehen sei für die klinischen Psychologen nämlich ein Tätigkeitsvorbehalt für die Diagnostik. Nur diese dürften demnach Diagnosen an psychisch Kranken stellen, bevor es den viel umfassender ausgebildeten Psychiatern oder Psychotherapeuten erlaubt sei, ihre Arbeit aufnehmen.

Für Patienten verwirrend

Die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), Eva Mückstein, stieß sich auch daran, dass die klinischen Psychologen künftig psychische Störungen mit Techniken aus der Psychotherapie behandeln dürfen, ohne die entsprechende Ausbildung absolviert zu haben. Eine "klinisch-psychologische Behandlung", wie sie im Gesetzesentwurf vorgesehen sei, existiere EU-weit nicht. Für die Patienten bringe dies ein verwirrendes und qualitativ zweifelhaftes neues Behandlungsangebot ohne Wirksamkeitsnachweise.

Georg Psota, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, klagte über die Begriffsverwirrung in diesem Bereich. Psychologie (Lehre von der Seele), "hat primär mit Krankheit noch nichts zu tun", Psychotherapie (Lehre von der therapeutischen Behandlung seelischer Leidenszustände bzw. Krankheiten) und Psychiatrie (Lehre von psychischen Krankheiten und den Formen ihrer Behandlung) würden ständig vermengt. Dass die Psychologen nun für alle anderen die Diagnose stellen sollen, sei jedenfalls eine "Unglaublichkeit", empörte er sich. "Wir Psychiater werden das nicht hinnehmen und auch nicht zulassen."

Kritik am Vorgehen des Ministeriums

Heftig kritisierte Mückstein auch die Vorgangsweise des Ministeriums. Man wolle das Vorhaben in einer "beispiellosen Nacht-und-Nebel-Aktion" durchziehen und noch im Juli im Nationalrat beschließen. Die anderen Berufsgruppen seien nicht einbezogen worden, und der Fahrplan von Begutachtung, Ministerratsbeschluss und Ausschusssitzung bis zum Parlamentsbeschluss sei dermaßen knapp gefasst, dass Expertenmeinungen nicht berücksichtigt werden könnten.

Ministerium weist Kritik zurück

Man könne die Vorwürfe nicht nachvollziehen, hieß es im Büro von Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ). Es werde lediglich ausformuliert, was jetzt bereits im Gesetz stehe. Auch einen Eingriff in die ärztliche Tätigkeit gebe es nicht, denn was die Ärzte dürften, sei im Ärzte- und nicht im Psychologengesetz geregelt. Einen Stopp für das Gesetzesvorhaben, das höhere Qualitätsstandards und damit mehr Sicherheit für die Patienten bringen soll, schloss das Ministerium daher aus.

Dass man die anderen Berufsgruppen nicht eingebunden habe, wies das Ministerium ebenso zurück. Man sei regelmäßig - auch mit gemeinsamen Veranstaltungen - im Kontakt, Minister Stöger treffe am Mittwoch mit ÖBVP-Chefin Mückstein zusammen. (APA, 12.6.2013)

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